Die Geschichte der Suchtpräventionsstelle (SUP) der Stadt Zürich ist gleichzeitig auch die Geschichte einer Wende hin zu einer pragmatischen Suchtpolitik mit den vier Säulen Prävention, Therapie, Repression und Schadensminderung. Am 1. April 1985, als die Suchtpräventionsstelle mit ihrer Arbeit beginnt, liegt über Zürich der Schleier des Heroinrauschs. Seit der Schliessung des Autonomen Jugendzentrums (AJZ) drei Jahre zuvor verteilt sich die stetig wachsende Drogenszene von der Riviera hin zur Seepromenade.

Während die Repression steigt, wächst die Szene auf rund 4000 Heroinkonsumenten, die sich vermehrt auf dem Platzspitz treffen. Hier entsteht ab 1986 eine grosse offene Drogenszene. Während die Stadt Zürich an einem Spritzenabgabeverbot festhält, infizieren sich immer mehr mit dem HI-Virus, die Zustände verschlechtern sich, die Prostitution nimmt zu.

Die Stadt hat die Situation nicht mehr im Griff. Unter diesem Druck entscheidet sich die Stadt 1992, den Platzspitz zu schliessen. Ohne Auffangplan oder Gesamtstrategie verteilt sich die Szene daraufhin unkontrolliert in der ganzen Stadt, bevor sie zu einer noch grösseren offenen Szene auf dem Letten wieder zusammenfindet. Am 14. Februar 1995 schliesst die Stadt den Letten, diesmal aber begleitet von richtungsweisenden Massnahmen: Die Abhängigen werden betreut, Fixerräume geschaffen, Spritzen- und Methadonabgaben ausgebaut. Damit wird eingerichtet, was bis heute Bestand hat: die Viersäulenpolitik mit Repression, Prävention, Therapie und Überlebenshilfe.

Heute findet sich am Letten ein schickes Badeparadies.

Heute findet sich am Letten ein schickes Badeparadies.

«Die 1990er haben gezeigt: Abschrecken und informieren, das genügt einfach nicht mehr», sagt Eveline Winnewisser, die heutige Leiterin der Suchtpräventionsstelle. Man müsse die Ursachen anschauen, Schutzfaktoren einbauen und präventiv vorgehen, zum Beispiel an Schulen. Winnewisser, welche die SUP vor dreissig Jahren mitgründete, betont jedoch auch: «Die Welt heute ist eine andere. Andere Drogen werden aus andern Motiven konsumiert. Damit ändert sich auch unsere Herangehensweise.» So sei Sucht damals in erster Linie mit harten Drogen verbunden worden, heute verstehe man dabei vielmehr ein Verhalten, das zum Beispiel auch beim Onlinekonsum feststellbar sei. Über Alkohol werde vermehrt gesprochen, neue Partydrogen seien aufgetaucht wie auch Kokain.

Aber nicht nur die Drogen, sondern auch die Art des Konsums habe sich verändert: «Die offene Drogenszene existiert nicht mehr, konsumiert wird natürlich dennoch. Doch anstatt sichtbar aus der Gesellschaft auszusteigen, wird hier der Rausch häufiger als vorübergehender Ausstieg aus dem Alltag gebraucht.» Aus diesem Grund sei Heroin gegenüber anderen Drogen heute auch weniger verbreitet.

Einzelne Experten kritisieren die heutige Drogen- und Präventionspolitik. Diese spreche heute nicht mehr über Grundsätzliches, sondern verzettele sich, findet zum Beispiel der ehemalige Zürcher Drogenbeauftragte Michael Herzig in einem Interview mit der «NZZ». Seit den 90er-Jahren sei man denkfaul geworden, sagt er und wirbt für eine Legalisierung aller Drogen. Winnewisser versteht die Kritik, relativiert aber auch: «Die Suchtprävention hängt immer auch davon ab, was in Politik und Öffentlichkeit akzeptiert wird.» Fachkreise sähen das Problem, dass harte Drogen verboten seien, Alkohol aber nicht. Darum plädiere man auch für einen regulierten Umgang mit allen Drogen. Dafür aber müsse erst ein Verständnis in der Öffentlichkeit heranwachsen.

Mauro Tuena, Vizepräsident der Stadtzürcher SVP, geht hingegen bereits die heutige Politik zu weit: «Ecstasy auf seine Qualität hin zu untersuchen oder Ähnliches hat nichts mit Prävention zu tun», sagt er. «Prävention bedeutet für mich: Finger weg von Drogen. Man löst das Problem nicht, indem man diese legalisiert.» Die Diskussion zeigt: Die Suchtprävention hat sich in den letzten dreissig Jahren zwar verändert. Die grundsätzlichen Richtungsdebatten aber sind geblieben.