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«Die obligatorische Pflegeversicherung ist eine ernst zu nehmende Alternative»

Aus Sicht der Gemeindepräsidenten stehen die Kommunen bezüglich Pflegebettenbedarf vor grossen Herausforderungen – etwa, was die Finanzierung der Langzeitpflege angeht.

Patrick Gut
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Jörg Kündig: «Nur wenn Gemeinden und Städte eigene Pflegeeinrichtungen betreiben, können sie direkt Einfluss nehmen.»

Jörg Kündig: «Nur wenn Gemeinden und Städte eigene Pflegeeinrichtungen betreiben, können sie direkt Einfluss nehmen.»

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Die Gemeinden wünschten sich mehr Unterstützung vom Kanton im Bereich der stationären Langzeitpflege. Die Gesundheitsdirektion hat diese Woche eine Studie präsentiert. Sind die Gemeinden nun wunschlos glücklich?

Jörg Kündig*: Die Studie ist ein Schritt in die richtige Richtung. Sie ist für die Gemeinden wertvoll, weil sie ihnen zeigt, wie der Bedarf an Pflegebetten bis 2035 aussehen könnte.

Gemäss der Studie sind im Kanton Zürich gut ein Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen überhaupt nicht oder nur leicht pflegebedürftig.

Das bedeutet, dass es Sinn macht, die ambulante Versorgung zu fördern, auch wegen der Kosten.

Zur Person

Jörg Kündig präsidiert den Verband der Gemeindepräsidenten des Kantons Zürich. Der Freisinnige ist Gemeindepräsident von Gossau und Kantonsrat.

Hat Sie die hohe Zahl an nicht und kaum Pflegebedürftigen in den Pflegeheimen überrascht?

Ja, vor allem die deutliche Differenz zu den Regionen Ostschweiz und Westschweiz.

Wie erklären Sie sich das Phänomen?

Es sind verschiedene Lebensumstände denkbar, in denen jemand froh ist, wenn er in ein Pflegeheim umziehen kann. Wenn beispielsweise ein Partner stirbt und man plötzlich alleine in einem Haushalt lebt, sich unsicher fühlt, ängstlich ist, dann ist eine Pflegeeinrichtung eine mögliche Lösung. Erst recht, wenn die Verwandten weit weg wohnen. Oft wäre Nachbarschaftshilfe da, die Hemmschwelle, nach einer Unterstützung oder Betreuung zu fragen, ist aber immer noch hoch.

Wie können die Gemeinden ihre Senioren motivieren, nicht zu früh ins Pflegeheim überzusiedeln?

Information spielt eine wichtige Rolle. Auf den Fachstellen für Alters- und Pflegefragen müssen wir den Senioren vermehrt Alternativen zum Pflegeheim aufzeigen. Es ist jedoch auch eine Frage der Strukturen. Ich denke an die niederschwelligen Angebote wie Hilfen im Haushalt, beim Einkaufen oder schlicht gelegentliche Besuche oder Nachfrage. Das ist ausbaufähig. Da steht nicht der medizinische Teil der Betreuung im Vordergrund. Natürlich sind die Spitex-Dienste ebenfalls wichtige Pfeiler einer solchen ambulanten Versorgung. Insbesondere hier liessen sich finanzielle Anreize schaffen. Etwa indem ein Patient profitiert, wenn er sich für eine ambulante statt für eine stationäre Versorgung entscheidet.

«Ambulant vor stationär» ist also die heilbringende Strategie?

Heilbringend nicht, aber durchaus auch finanziell für die Gemeinden vorteilhaft. Die ambulante Versorgung ist letztlich günstiger als die stationäre. Nur schon, weil bei der stationären grosse Investitionen nötig sind. Gerade diese Kostensituation führt natürlich dazu, dass die Betreiber der Heime – vielfach sind dies die Gemeinden – an einer guten Auslastung interessiert sind. Denn «ambulant vor stationär» birgt durchaus die Gefahr, dass in den Heimen plötzlich Betten leer bleiben – und dies bereitet den Gemeinden Sorgen. Sie tragen das finanzielle Risiko.

Die Gesundheitsdirektion unterstützt die Gemeinden nicht bloss bei der Angebotsplanung. Sie ermuntert sie auch, die Preise der ambulanten und stationären Leistungen zu verhandeln statt – wie oftmals üblich – den maximalen Betrag, das sogenannte Normdefizit, zu berappen.

Damit eine Gemeinde verhandeln kann, braucht es einen Markt. Das heisst: Einer Gemeinde müssten mindestens zwei mögliche Anbieter zur Auswahl stehen. Das ist bei weitem nicht immer der Fall. Deshalb wird in den meisten Fällen das sogenannte Normdefizit zum eigentlichen Preis für die stationäre Pflegeversorgung durch die Heime. Nur wenn die Gemeinden und Städte eigene Pflegeeinrichtungen betreiben, können sie direkt auf die Führung Einfluss nehmen und so versuchen, tiefere Kosten zu erreichen.

Man muss davon ausgehen, dass die Kosten in der Langzeitpflege weiter steigen werden. Sehen Sie einen Ausweg?

Man braucht tatsächlich kein Prophet zu sein, um steigende Kosten zu prognostizieren. Dabei haben wir jetzt eigentlich erst von den Pflegekosten gesprochen. Ein weiterer Kostenfaktor, der indirekt mit diesen verbunden ist, sind die Ergänzungsleistungen. Diese kommen zum Tragen, wenn sich Senioren den Selbstbehalt einer stationären Unterbringung nicht mehr leisten können. Sie haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Was ist also zu tun?

Die höheren Kosten können über höhere Steuerfüsse oder Sparmassnahmen in anderen Bereichen finanziert werden. Eine ernst zu nehmende Alternative, die mindestens vertieft geprüft werden sollte, ist auch die Einführung einer obligatorischen Pflegeversicherung.