Wie wichtig ist Umweltschutz?

«Die nächste Katastrophe kommt bestimmt»

«Vorstellungen über Nachhaltigkeit gab es bereits im      18. Jahrhundert in der Forstwirtschaft», sagt der Historiker Christian Koller.

«Vorstellungen über Nachhaltigkeit gab es bereits im 18. Jahrhundert in der Forstwirtschaft», sagt der Historiker Christian Koller.

Christian Koller, Historiker und Leiter des Schweizerischen Sozialarchivs, spricht über Geschichte und Perspektiven des Umweltschutzes.

Herr Koller, die Grünen und die GLP waren die grossen Verlierer bei den Wahlen 2015 – und jetzt wird auch noch ein neuer Strassentunnel durch den Gotthard gebohrt. Ist der Umweltschutz auf dem absteigenden Ast?

Christian Koller: Das denke ich nicht. Es gibt immer wieder konjunkturelle Schwankungen, das war schon in den 70er- und 80er-Jahren so. Immer, wenn eine Katastrophe passiert, gibts wieder Schub. Zuletzt war das mit Fukushima der Fall.

Wenn man den längerfristigen Trend anschaut, sind die Grünen und Grünliberalen überhaupt nicht auf dem absteigenden Ast.

Sie befassen sich als Historiker mit der Geschichte des Umweltschutzes und sind 1971 geboren. Wann und wie sind Sie mit dem Thema Umwelt in Berührung gekommen?

Die Zeit meiner politischen Sozialisation liegt irgendwo in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre. Das ist genau die Zeit, in der Ökologie ein wichtiges Thema war: Stichwort «Waldsterben» in den frühen 80er-Jahren, dann Tschernobyl und Schweizerhalle, ökologische Katastrophen.

5 Tipps für ein glückliches Leben

Es war auch die Zeit, in der die Grünen Parteien in verschiedenen Ländern aufkamen – so auch in der Schweiz. Das Thema Umwelt war damals praktisch immer tagespolitisch aktuell. Daher fand ich es als Menschheitsproblem wichtig.

In den 90er-Jahren studierte ich Geschichte. Da war es naheliegend, mich mit der historischen Dimension der Themen, die mir wichtig waren, auseinanderzusetzen. Heute leite ich das Sozialarchiv, das umfangreiche Archivbestände über die Umweltbewegung hat.

Und Sie treten als Referent an der Nachhaltigkeitswoche der Zürcher Hochschulen auf. Wie steht es um Ihr persönliches Verhalten punkto Umwelt?

Ich habe immer versucht, Umweltbewusstsein in meinen Lebensstil mit einzubeziehen – mehr oder weniger konsequent. Ich kann zum Beispiel bis heute nicht Auto fahren. Teilweise war ich auch politisch in ökologischen Zusammenhängen aktiv.

So sammelte ich in den 90er-Jahren für verschiedene energiepolitische Initiativen Unterschriften, verteilte Abstimmungspropaganda, wurde Mitglied bei Greenpeace und WWF. Deren Mitglied bin ich heute noch, wenn auch jetzt eher auf der passiven Seite.

Vom Nationalpark zur Nachhaltigkeit: Christian Koller erklärt die Geschichte des Umweltschutzes

Vom Nationalpark zur Nachhaltigkeit: Christian Koller erklärt die Geschichte des Umweltschutzes

Christian Koller hält im Rahmen der Nachhaltigkeitswoche der Zürcher Hochschulen ein Referat unter dem Titel: «Umweltschutz – ein modernes Phänomen?», Donnerstag, 10. März, 14 bis 15 Uhr, Hauptgebäude Universität Zürich, Zimmer Kol-F-117. 

Was bedeutet für Sie heute Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist das Gegenteil einer Nach-mir-die-Sintflut-Haltung. Man überlegt sich: Wäre es tragbar, wenn alle Menschen so wie ich handeln würden? Ist meine Lebensweise eine, nach der auch noch Kinder und Kindeskinder leben könnten – oder trägt sie dazu bei, dass es irgendwann zu einer Katastrophe kommt?

Heute redet man vermehrt von Nachhaltigkeit statt von Umweltschutz. Wie ist das historisch einzuordnen?

Vorstellungen über Nachhaltigkeit gab es bereits im 18. Jahrhundert in der Forstwirtschaft: Wie muss man einen Wald bewirtschaften, damit er Wald bleibt und man längerfristig davon profitieren kann?

Seit den 1970er- und 1980er-Jahren wurde der Begriff in einer viel globaleren, umfassenderen Art verwendet: Wie muss eine Globalgesellschaft funktionieren, damit nicht irgendwann der Absturz kommt? Der Nachhaltigkeitsbegriff wurde dann auch in Bereiche übertragen, die eigentlich nicht mehr viel mit Ökologie zu tun haben.

Warum?

Dass Begriffe Konjunktur haben, kommt vor. Das Wort «nachhaltig» wurde in den 80er-Jahren im Zusammenhang mit der Ökologie-Debatte sehr prominent. Wenn ein Begriff derart Konjunktur hat, ist es naheliegend, dass man auch in anderen Zusammenhängen auf ihn zurückgreift – und auf die Denkweise, die dahintersteht.

Ist damit auch ein gesellschaftlicher Wandel verbunden? Das Thema Umweltschutz ist ja stark mit der Konsumgesellschaft verknüpft, die sich ab den 1950er-Jahren herausbildete. Haben wir seither eine neue gesellschaftliche Entwicklungsstufe erreicht?

Schwer zu sagen. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in den westlichen Industriestaaten die Schwelle zur Konsumgesellschaft überschritten. Schon früh setzte die Kritik an der Überflussgesellschaft ein, Kritik am reinen Materialismus – Kritik von allen möglichen Seiten. Die ökologische Kritik kam ab den späten 1960er-Jahren hinzu.

Gleichzeitig kam auch die Wachstumskritik auf, die am Anfang nicht nur ökologisch gemeint war. Anfang der 70er-Jahre erhielt sie durch die Club-of-Rome-Studie über die Grenzen des Wachstums eine stark ökologische Komponente. Seither lautet die Fragestellung: Wachstum und Nachhaltigkeit – wie geht das zusammen?

Die Konsumgesellschaft kam durch die Entdeckung grosser Erdölvorkommen in Fahrt. Hat die Konjunktur des Nachhaltigkeitsbegriffs mit der Verknappung der Erdölvorkommen zu tun?

Die Energiefrage ist in diesem Zusammenhang sehr zentral. Mit dem Übergang zur Konsumgesellschaft nimmt der Energieverbrauch massiv zu. Gleichzeitig ist man sich bewusst, dass die Erdölvorkommen endlich sind.

So kommt die Debatte über Kernenergie hinzu, die ja für die Ökologiebewegung ebenfalls prägend ist. Der Begriff «Nicht erneuerbare Energien» führt direkt in den Nachhaltigkeitsdiskurs – und zur Suche nach Alternativen, nach Energien, die potenziell unendlich zur Verfügung stehen – dann aber auch zur Frage nach den Risiken und der Rentabilität.

Welche Perspektiven sehen Sie für eine ökologisch nachhaltige Entwicklung in der Schweiz?

Die Ökologie-Problematik beschränkt sich ja nicht auf den Nationalstaat. Ich denke, die Entwicklung wird dahin gehen, dass man die Energieeffizienz erhöht – da ist schon viel gemacht worden – und dass man die Steuersysteme so ausrichtet, dass sich ökologisch sinnvolles, nachhaltiges Verhalten lohnt beziehungsweise nicht nachhaltiges Verhalten finanzielle Nachteile bringt.

Es muss im ureigensten Interesse des Einzelnen sein, sich ökologisch sinnvoll zu verhalten – und zwar sowohl individuell wie auch als Firma.

Braucht es dafür wieder neue politische Bewegungen?

Was ich skizziert habe, ist das Kernprogramm von bereits existierenden Bewegungen. Sie könnten zum Schluss kommen, ich sei bei der GLP. Bin ich aber nicht. Wir haben auf der politischen Ebene Parteien, die entsprechendes Gedankengut vertreten.

Wir haben auch Umweltorganisationen, die in den letzten 40 Jahren, ausgehend von spezifischen Themen wie Arten- und Gewässerschutz oder dem Kampf gegen AKWs, ein viel umfassenderes Verständnis von Ökologie entwickelt haben. Die Organisationen gibt es. Wie man ihre Stärke verbessern kann, ist eine andere Frage.

Die Öko-Bewegung ist heute institutionalisiert, in den Parlamenten, im Politsystem. Ist sie dadurch gezähmt oder gar erlahmt?

Ihre Organisationen sind sicher professioneller geworden. Dass sie institutionalisiert sind, würde ich nicht nur als Zähmung im negativen Sinn sehen. Die Öko-Bewegung hat dadurch an Einfluss gewonnen, auch wenn sie in der Öffentlichkeit weniger sichtbar ist.

Spektakuläre Aktionen in der Öffentlichkeit sind das eine. Wenn man aber die Möglichkeit hat, permanent in Parlamenten und Behörden zu lobbyieren, kann das am Schluss vielleicht zielführender sein. Das ist eine offene Frage. Es braucht eine Kombination von beidem.

In den 70er- und 80er-Jahren war die Umweltbewegung stärker auf der Strasse präsent, etwa mit Besetzungen von AKW-Geländen. Ist das vorbei?

Das ist im Moment nicht aktuell, weil es kein Gelände gibt, wo ein AKW geplant ist. Auch bei der Gegenseite hat sich einiges geändert.

Es leuchtet historisch ein, warum durch Energieverbilligung die Konsumgesellschaft und als Reaktion darauf die Umweltbewegung entstanden ist. Doch welche Faktoren können dazu beitragen, dass so etwas wie die Energiewende gelingt?

Die Debatte über die Energiewende kam vor fünf Jahren nach der Fukushima-Katastrophe wieder auf. Das ist ein Phänomen, das man schon öfter gesehen hat: Eine Debatte flammt in so einer Situation auf – und flaut ab, sobald wieder andere Themen wichtig sind. Einiges ist für die Energiewende aufgegleist.

Aber zum Teil wird schon wieder daran gerüttelt. Ich gehe davon aus: Die nächste Öko-Katastrophe kommt bestimmt irgendwann irgendwo. Das ist eine pessimistische Sicht, aber mein Gott, das werden wir erleben!

Und dann werden diese Debatten wieder aufkommen. Es ist traurig, dass es so läuft. Aber die Debatten der letzten 30 Jahre zeigen: Ohne unmittelbare Betroffenheit oder etwas, das jetzt gerade passiert ist, bewegt sich in der Regel ziemlich wenig.

Die Vorstellung vom historischen Fortschritt als aufklärerischem Prozess ist also naiv?

Nicht vollständig, aber es gibt andere Komponenten, die dazukommen. Und die sind zumindest kurzfristig wirkungsmächtiger. Die Frage ist immer, wie viel Schwung man jeweils mitnimmt. Das gilt nicht nur für das Themenfeld Ökologie.

Nach dem Ersten Weltkrieg fanden alle: Nie wieder Krieg! Man hat gesehen, wie lange diese Haltung anhielt.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1