«Jetzt hat sie sich voll ausgezogen!» Das Grüppchen von Schulkindern, das am frühen Donnerstagnachmittag über die Zürcher Rathausbrücke läuft, schnattert aufgeregt durcheinander – und eilt weiter zum Limmatquai. Auf der breiten Brücke steht eine nackte Frau und bewegt sich wie in Zeitlupe. Sie ist umringt von Fotografen, Fernsehkameras und Passanten. Viele zücken ihre Handys, filmen, fotografieren. Die Haare der Nackten sind grau, die Bewegungen anmutig wie chinesisches Schattenboxen, die Haut ist leberfleckig. Passanten schauen kurz – und laufen dann weiter. Der Platz füllt sich, als eine jüngere Frau ihre Kleider ablegt. Die Mehrheit der Zuschauer ist jetzt männlich. Einige rücken näher, als die jüngere Nackte sich vor einer massiven Sitzbank aus Beton mit gespreizten Beinen auf den Boden setzt, den Rücken zum Publikum.

Andere Körperbilder

Das Body and Freedom Festival hat begonnen. In seinem Rahmen performen 18 Künstlerinnen und Künstler bis Samstag jeweils nachmittags nackt auf der Zürcher Rathausbrücke. Wobei Rahmen eigentlich das falsche Wort ist. Denn es gehe genau darum, den nackten menschlichen Körper ausserhalb des Rahmens sonstiger Kunst-Veranstaltungen zu thematisieren, im öffentlichen Raum. So erklärte Thomas Zollinger, der Initiant des Festivals, im Vorfeld sein Anliegen.

Inzwischen haben sich auch zwei Männer auf der Rathausbrücke entblösst: einer mit Glatze, Bart und behaartem Schwabbelbauch, einer drahtig-muskulös. Der Schwabbelige bläst dem Drahtigen Luft ins Gesicht.

Nackte performen mitten in Zürich

Nackte performen mitten in Zürich

Immer wieder waren am Donnerstagnachmittag mitten in Zürich nackte Menschen zu sehen. Auf der Rathausbrücke reckten und streckten sie sich, bliesen sich Luft ins Haar oder standen still da wie Statuen. Die Veranstalter wollen ihre Darbietungen im Rahmen des «Body and Freedom Festivals» als Kunst im öffentlichen Raum verstanden wissen. Was sagen Passanten und Schaulustige dazu?

Einige hundert Zuschauer sind nun auf dem Platz. Im Publikum gibts Diskussionen. «Das sind andere Körperbilder, als man sonst in der Zeitung sieht», sagt eine graumelierte Frau. Ein Mann mit überdimensionaler Brille und oranger Leuchtveste ruft: «Wir machen hier keine Sexualkunde. Wir haben die Schulklasse informiert und umgeleitet.» Trotzdem kommt kurz darauf eine Klasse über die weitläufige Brücke. Manche der Kinder wenden den Blick ab, als sie an den nackten Männern vorbeilaufen; andere gucken interessiert hin.

Die Zuschauer, von den zahlreich anwesenden Reportern nach ihrer Meinung gefragt, geben sich gelassen: «Soll doch jeder machen, was er will», meint ein junger Mann. «Der Mensch ist nackt zur Welt gekommen», sagte ein Älterer mit Dächlikappe. «Langsam wirds langweilig», entgegnet seine Frau, die am Vorabend an einem der Diskussionsanlässe zum Festival im nahen Zentrum Karl der Grosse war. «Da hinten gibts ein schönes Kafi», drängt sie zum Aufbruch. Sie bleiben dann doch noch eine Weile. Eine Mittvierzigerin kommt hinzu: «Wir sehen jeden Tag Mord und Totschlag im Fernsehen. Aber über nackte Körper rümpft man die Nase», sagt sie. Die drei diskutieren über ihr Verhältnis zum eigenen Körper, über Schönheitsideale und die Zeit, als Büstenhalter der Inbegriff des Spiessertums waren, und über ihre Töchter, die nie ohne BH ausgehen würden. Gespräche über männliche Nacktheit sind nicht zu hören.

Die junge nackte Frau kauert immer noch vor der Betonsitzbank. Ein Grüppchen von Männern mit Bierdosen und -bäuchen schaut zu, palavert über «geile Frauen» und das Rotlichtviertel an der Langstrasse.

Festival-Mitarbeiter machen Zuschauer mit grossen Fotoapparaten darauf aufmerksam, dass sie ihre Fotos nicht verkaufen dürfen. Es soll hier nicht um Voyeurismus gehen, sondern um Reflexionen über den blossen menschlichen Körper.

«Was mich überrascht, ist, dass nicht mehr Gegner da sind, radikale Christen oder so», sagt eine Zuschauerin im Gespräch mit einem Radioreporter. Nur einer sei da gewesen und habe protestiert, entgegnet dieser. Und eine junge Frau in ultrakurzen Hosen und mit nur einem Streifen Stoff über den Brüsten habe erklärt, sie würde so etwas nie machen.

Katharina Vogel, die grauhaarige Tänzerin und Bewegungsforscherin, die die Performance eröffnet hat, ist nun wieder angezogen. Im Schatten eines Altstadthauses am Rande der Brücke reflektiert sie ihren Auftritt: Es sei schön gewesen. «Ich mache das täglich daheim. Aber hier ist es ganz anderes. Ich fühlte mich wie ein Tropfen im Ozean.» Und jetzt? «Ich fühle mich gut, weil die Stimmung offen geblieben ist. Es gab keine Aggressionen, sondern ein Einverständnis auf dem Platz.» Ausser einem Stadtoriginal habe niemand ausgerufen.