Flughafen Zürich
Die Nachtruhe schützt vor Flügen nicht

Seit 2010 dürfen nach 23 Uhr nur noch verspätete Flugzeuge landen oder starten. Dennoch gibt es heute nach 23 Uhr mehr Flüge als vor der verlängerten Nachtruhe.

Andreas Frei
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Auch nach 23 Uhr dürfen Flüge mit Verspätungen noch landen. (Archiv)

Auch nach 23 Uhr dürfen Flüge mit Verspätungen noch landen. (Archiv)

Die Pünktlichkeit am Flughafen Zürich ist in den letzten fünf Jahren um fünf Prozent auf 78 Prozent gefallen. Fast jeder vierte Abflug erfolgt mit einer Verspätung von mindestens 15 Minuten. Für den Flughafen ist das im hart umkämpften Markt ein besorgniserregender Wert, für die Hauptfluggesellschaft Swiss sowieso. Sie führt über die Hälfte aller Flüge von und nach Kloten aus und weist eine Pünktlichkeit von 77 Prozent aus, weit hinter Partnern (Lufthansa 85 Prozent) oder Konkurrenten (Air Berlin 87 Prozent). Der neue Swiss-CEO Thomas Klühr hat die Verbesserung der Pünktlichkeit deshalb zu einem Hauptziel erklärt.

Für die Anwohner hat die Unpünktlichkeit schlafmindernde Auswirkungen. Obwohl nach 23 Uhr eigentlich keine regulären Flüge mehr erlaubt sind, sondern nur noch Verspätungsabbau bis 23.30 Uhr, gibt es in dieser halben Stunde immer mehr Flugbewegungen. 2015 starteten und landeten zwischen 23 Uhr und Mitternacht 2197 Flugzeuge. Das ist der höchste Wert, seit 2010 die siebenstündige Nachtruhe in Kraft gesetzt wurde. Und es sind mehr Flüge, als in den Jahren vor dieser Verschärfung. Auch im ersten Quartal 2016 zeichnet sich keine Besserung ab, es gab sogar mehr Flüge als Anfang 2015. Die Nachtruhesperre nach 23.30 Uhr wirkt hingegen. Früher gab es jährlich über 330 Flüge zwischen 23.30 und 0.30 Uhr. 2015 waren es noch 160. Die Nachtruhe nach 23.30 Uhr wurde deutlich verbessert. In der halben Stunde des Verspätungsabbaus wurde früher jedoch weniger geflogen, als die Starts und Landungen in diesem Zeitfenster noch fix verplant waren.

Verspätungen kaum vermeidbar

Ein Grund für die vielen Verspätungen, welche mehr Flüge nach 23 Uhr zur Folge haben, ist die reduzierte Kapazität tagsüber. Wegen erhöhter Sicherheitsanforderungen führt das in den kritischen Tagesspitzen schneller zu Verspätungen, die praktisch nicht aufgeholt werden können, wie Skyguide-Mediensprecher Vladi Barrosa sagt. Schon wenn Flugzeuge frühmorgens zu spät landen, können diese Verspätungen bis in die Abendstunden kaum abgetragen werden. Aber selbst bei ganztags idealen Wetterbedingungen gäbe es gemäss Barrosa Verspätungen. Das derzeitige Betriebskonzept ist überlastet. Dabei gibt es jährlich nicht mehr Flüge als seit 2003 üblich – meist zwischen 260 000 und 270 000. Wegen der geringeren Kapazität braucht es aber neue Massnahmen, um diese ohne Verspätungen abzuwickeln, etwa die Südstarts geradeaus bei Nebel, Bise und über Mittag, sagt Barrosa. Der Flughafen hat bereits Änderungen am System vorgenommen. Dazu gehört das geänderte Südkonzept am Wochenende, wenn eine halbe Stunde lang nur gestartet und nicht gelandet wird. Auch Schnellabrollwege sollen helfen, Verspätungen abzubauen.

SP-Nationalrat und Schutzverbandspräsident Thomas Hardegger, Gemeindepräsident von Rümlang, sieht das Problem auch bei zu vielen angesetzten Flügen. Er geht mit dem Schutzverband gegen die «übermässig hohe Zahl an Abflügen im Verspätungsabbau» vor. Er sieht das Problem in zu vielen geplanten Flügen kurz vor der Nachtsperre. «Im Flugplan werden zu viele Abflüge auf zwischen 22.30 und 23 Uhr angesetzt, die jeweils noch die verspätete Landung für die Umsteigepassagiere abwarten», sagt er.

Ein Blick in den Flugplan zeigt: Um 22.40 und 22.45 Uhr sollten fünf Langstreckenmaschinen der Swiss starten, welche tatsächlich oft erst nach 23 Uhr rausgehen. Dieses Problem wollen Flughafen und Swiss mit Starts auf Piste 32 etwas entschärfen, jener Piste also, die näher beim Dock E liegt, wo die Langstreckenflugzeuge stehen. Damit liesse sich Zeit sparen und Verspätungen vermeiden. Weil die Flugzeuge dabei aber tiefer als gewohnt über den Norden fliegen, formt sich dort bereits Widerstand gegen diese verspätungsmindernde Abflugvariante.

Nur: Irgendwo wird es mehr Lärm geben müssen. Im Norden für pünktlichere, dafür etwas lautere Starts spätnachts oder im Süden, für kapazitätsentlastende Geradeausstarts zur Mittagszeit. Oder im Osten, mit dem entflechteten Ostkonzept, welches das pendente Betriebskonzept 2014 einführen will. Oder im Süden mit den Südstarts geradeaus, wie das Skyguide, Airlines, Bund sowie 137 Gemeinden in Westen, Norden und Osten des Flughafens fordern. So könnte man in der verkehrsreichsten Zeit des Tages gleichzeitig von Norden landen und in den Westen oder Süden starten. Im Süden stösst die Massnahme aber auf wenig Gegenliebe, vornehmlich auch bei der Stadt Zürich. Besserung wird es demnach nur langfristig geben. Im Sommer ist mit mehr Verspätungen zu rechnen, hat die Swiss doch angekündigt, dass sie dann 1,5 Prozent mehr Flüge durchführen will als 2015.