Zürich
Die Mortalität steigt wieder – Intensivstation des Universitätsspitals ist stärker ausgelastet als im Frühling

Während der zweiten Welle musste das Universitätsspital Zürich bisher doppelt so viele Covid-Patienten auf der Intensivstation behandeln wie in der ersten. Antworten zu den wichtigsten Entwicklungen.

Michel Wenzler
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Die Spitäler sind immer noch stark gefordert: Eine Pflegerin misst den Puls eines Covid-Patienten auf der Isolationsstation des Universitätsspitals Zürich.

Die Spitäler sind immer noch stark gefordert: Eine Pflegerin misst den Puls eines Covid-Patienten auf der Isolationsstation des Universitätsspitals Zürich.

Keystone/Christian Beutler

Wie ausgelastet sind die Spitäler zurzeit?

Zu Wochenbeginn befanden sich im Kanton Zürich 400 Personen wegen einer Covid­Erkrankung in Spitalpflege – so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Vergleichsweise tief war der Höchststand von 207 Patienten während der ersten Welle. 44 Patienten sind im Kanton derzeit an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Die meisten von ihnen liegen im Universitätsspital (USZ), dem grössten Covid-Krankenhaus im Kanton. Von den 25 Patienten, die sich dort auf der Intensivstation befinden, werden 18 künstlich beatmet. Hinzu kommen 63 weitere Patienten, die im USZ wegen des Coronavirus hospitalisiert sind.

Soll man also die Spitäler möglichst meiden?

Auf keinen Fall. Wer medizinische Hilfe benötigt, soll den Spitalbesuch nicht aus Angst oder falscher Rücksichtnahme hinauszögern. «Kommen Sie zu uns. Sie werden sich bei uns nicht anstecken», sagte Universitätsspital-CEO Gregor Zünd am Dienstag an einer Medienkonferenz an die Adresse der Bevölkerung.

Haben die Spitäler also noch Kapazität?

Sie können, falls nötig, mehr schaffen. Gregor Zünd sagt dazu: «Unser Haus ist voll – aber vor allem mit Patienten, die dringend Eingriffe benötigen.» Die aufschiebbaren Eingriffe hingegen habe das Spital bereits um 15 Prozent zurückgefahren, um Personal für Covid-Patienten freizuspielen. Falls erforderlich, könne man noch mehr solche Operationen absagen. Im Moment scheint dies aber nicht nötig zu sein: «Die Situation ist stabil», sagt Zünd.

Reichen die Betten auch auf der Intensivstation aus?

«Es ist immer ein bisschen knapp», sagt Peter Steiger, stellvertretender Leiter des Instituts für Intensivmedizin. Am USZ waren am Dienstag noch drei Covid-Betten auf der Intensivstation frei. Dabei handelt es sich um sogenannte zertifizierte Betten. Sie müssen technische Bedingungen erfüllen, und das Personal muss eigens dafür geschult sein. Werden mehr Betten benötigt, kann das Spital diese zwar bereitstellen, diese Vorgaben aber nicht mehr einhalten – weil es beispielsweise zusätzliches Personal aufbieten muss, das nicht über eine spezialisierte Ausbildung verfügt. Solches Personal zu rekrutieren, werde zunehmend schwieriger, sagt Steiger.

Gibt es somit einen Engpass beim Personal?

Ja, allerdings nicht nur auf den Intensivstationen. Am USZ waren am Dienstag 97 Mitarbeiter in Quarantäne oder erkrankt. Diese Zahl war allerdings mit 140 Mitarbeitenden schon höher. Hinzu kommt, dass nicht nur Pflegende ausfallen, sondern auch Mitarbeiter aus anderen Berufsgruppen. Die Situation ist nicht so dramatisch, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Was hat sich für die Spitäler gegenüber der ersten Welle verändert?

Die Patienten kommen später ins Unispital als noch während der ersten Welle, wie Dagmar Keller Lang, Direktorin des In­stituts für Notfallmedizin, sagt. Meistens seien sie bereits seit ein bis zwei Wochen infiziert. Viele waren zudem schon einmal hospitalisiert und kommen ein zweites Mal, weil sie immer noch Probleme mit dem Atmen haben. Die Notfallstation des USZ hatte in den vergangenen Monaten viel zu tun: «Wir hatten seit der ersten Welle sagenhafte 4400 Patienten im Notfall», sagt Keller Lang. Die meisten Patienten, die den Notfall aufsuchten, mussten jedoch nicht im Spital bleiben. Sie wurden ambulant behandelt und wieder entlassen. Und nur ein Bruchteil landete auf der Intensivstation.

Und was ist auf der Intensivstation anders als während der ersten Welle?

Jene am USZ ist stärker ausgelastet als im Frühling. Gemäss Peter Steiger mussten bereits über 100 Patienten auf die Intensivstationen verlegt werden. «Das ist viel. In der ersten Welle waren es 48.» Die Patienten liegen dafür im Schnitt nur noch neun Tage auf der Intensivstation, im Frühling waren es zwei bis drei Wochen. Das liegt vermutlich daran, dass die Mediziner mittlerweile mehr Erfahrungen mit der Behandlung der Krankheit haben.

Wie alt sind die Patienten auf der Intensivstation?

Die Altersverteilung habe sich in den vergangenen Tagen geändert, sagt Steiger. «Wir haben jetzt wieder mehr ältere Menschen.» Ein Drittel der Patienten ist über 70 Jahre alt, ein Drittel 60 bis 70 und ein Drittel unter 60.

Wie gut sind die Heilungschancen?

Die Mortalität steigt wieder, weil zunehmend ältere Personen hospitalisiert werden. Die Hälfte der Patienten, die bisher während der zweiten Welle am USZ verstorben sind, waren über 75 Jahre alt. «Solange ein Patient in diesem Alter nicht auf die Intensivstation muss, kann man ihn gut behandeln», sagt Steiger. «Geht es ihm aber so schlecht, dass er eine Beatmung braucht, ist die Prognose nicht gut.»

Das USZ verwendet immer noch das Ebola-Mittel Remdesivir, das gemäss einer Studie der WHO kaum wirkt. Weshalb?

Die Studie habe nicht berücksichtigt, zu welchem Zeitpunkt den Patienten das Mittel verabreicht worden sei, kritisiert Steiger. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es nichts nützt, wenn man es spät einsetzt.» Zu einem frühen Zeitpunkt sei dies aber anders. Steiger zieht den Vergleich mit einer Löschdecke, mit der man problemlos einen Pfannenbrand ersticken könne. «Wenn bereits das ganze Haus brennt, nützt es aber nichts, wenn ich die Löschdecke hineinwerfe.»