Wer nach Sehenswürdigem in der Stadt Zürich sucht, stösst schnell einmal auf die Bahnhofstrasse, die Diva unter den Zürcher Strassen, Luxusmeile der Stadt mit ihren exorbitant hohen Quadratmeterpreisen und den reichen Pelzmanteltouristen aus Russland. Konkurrenz macht ihr vielleicht noch das Niederdorf mit Grossmünster und Fussgängerstrich oder allenfalls das Limmatquai, wo sich die Stadt gerade an klaren Wintertagen von ihrer lieblichsten Seite zeigt.

In keinem Reiseführer aber steht die Löwenstrasse, jenes unspektakuläre Stück Stadt, das den Hauptbahnhof mit der Sihlporte verbindet. Zwar schmückt sich die Löwenstrasse seit Kurzem mit einem Nespresso-Shop und dem Café Sprüngli. Dennoch bleibt sie die farblose Nachbarin der glanzvollen Bahnhofstrasse, welche nur zwei Häuserzeilen entfernt ihr teures Pflaster ausbreitet.

Dieses Schattendasein ist verwunderlich, trägt doch die Löwenstrasse nichts Geringeres als das Zürcher Wappentier im Namen. Dieser bezeichnete ursprünglich einen für die Stadt strategisch wichtigen Ort: Am südlichen Ende der Strasse stand seit dem 17. Jahrhundert das Löwenbollwerk, ein zentraler Teil der Stadtbefestigung, welche die Bevölkerung vor Eindringlingen schützte.

Doch von der ruhmreichen Vergangenheit ist nicht viel übrig geblieben. Auf dem vorspringenden Landstück gegen die Sihl hin gibt es heute statt Wehrmauern eine Coop-Filiale, eine Apotheke und das boomende Café Babu’s. Auffällig sind höchstens die vielen Reisebüros. Ein ganzes Dutzend von ihnen zählt, wer neben den hupenden Autokolonnen die Löwenstrasse auf und ab spaziert. Es scheint, als kämen die Menschen nur hierher, um zu verreisen. «Arme Schwester der Bahnhofstrasse» wird die Löwenstrasse in Zürich halb spöttisch, halb mitleidig auch genannt.

Aber es gibt eine Zeit im Jahr, in der die Löwenstrasse ihr angegrautes Image abstreift. Sobald nämlich Ende November in der Innenstadt die Weihnachtsbeleuchtungen montiert werden, macht sich in der Löwenstrasse ein Zauber breit, der selbst gehetzte Passanten innehalten lässt. Staunend stehen sie plötzlich unter einem Baldachin aus leuchtenden Sternen und erkennen den altbekannten Strassenzug kaum wieder. Markus Meier, Präsident der Vereinigung Löwenstrasse, berichtet von Kunden, die begeistert in seinem Bürogeschäft stehen und die Weihnachtsbeleuchtung loben. Auch heute noch, drei Jahre, nachdem die Sterne erstmals die Löwenstrasse beleuchteten.

Häftlinge bauten Lampen

Die Sterne, das sind je sechs verformte PET-Flaschen, die von LED-Lämpchen beleuchtet werden. Die Idee hatte der Zürcher Lichtkünstler Francesco Mariotti, umgesetzt haben sie unter anderen Häftlinge im Gefängnis Pfäffikon. «Wir fanden es spannend, mit Recyclingmaterial eine Weihnachtsbeleuchtung zu basteln», sagt Mariotti. Dass sie in sozialen Einrichtungen und im Gefängnis hergestellt wurde, trage dem weihnachtlichen Gedanken Rechnung.

Wenigstens in der Weihnachtszeit muss die Löwenstrasse den Vergleich mit ihrer überlegenen Konkurrentin nicht scheuen. Im Gegenteil: Alles, was die Zürcherinnen und Zürcher an Lucy, der Bahnhofstrassenbeleuchtung, vermissten – das warme Licht, die festliche Stimmung – finden sie ein paar Häuser weiter in der Löwenstrasse. Und auch tagsüber wirken hier die PET-Sterne feierlich: Wie durchsichtige Schneekristalle stehen sie am Himmel und reflektieren das Sonnenlicht, während Lucy als traurige Drahtfäden auf die Bahnhofstrasse regnet.

Triumphphase ist bald zu Ende

Doch die Tage des Triumphs sind gezählt. Am 3.Januar werden die Lichterketten abmontiert, die Normalität hält Einzug. Ab dann liegt die Löwenstrasse wieder unscheinbar neben ihrer reichen Schwester, um erst dann aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen, wenn im kommenden November die Sterne wieder strahlen.