Nein, das ist kein peinlicher Rechtschreibfehler, der den Planern beim Anschreiben des Zusammenflusses von Sihl und Limmat im Norden des Zürcher Platzspitzes unterlaufen ist. Die Schreibweise «Ljmmat» und «Sjhl», die in metallenen Lettern gegen Norden und Westen auf der Betonmauer beim Limmatwehr prangt, ist gewollt. Sie zeugt vom Aufenthalt des grossen irischen Schriftstellers James Joyce, der während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrere Jahre in Zürich gelebt hatte – und dessen Lieblingsplatz, so sagt man, sich genau hier befunden hatte.

Hier, wo die dreckbraune Sihl, gerade dem Tunnel unter dem Hauptbahnhof entflossen, sich ins grünblaue Wasser der vom See herkommenden Limmat mengt, ihren Namen hinter sich lässt und als Limmat mit ihr zusammen weiterfliesst: Hier soll er gerne gestanden haben, der Autor des «Ulysses», dieses Monumentalwerks der Moderne. So wurden 2004 auf Initiative eines Mitarbeiters des städtischen Tiefbaudepartements und der James-Joyce-Stiftung, die in Zürich die umfangreichste Joyce-Sammlung Europas beherbergt, die Schriftzüge des Künstlerpaars Hannes und Petruschka Vogel angebracht.

Joyce verhalf der Limmat zu Weltruhm, nicht nur dieses Lieblingsplatzes wegen, an dem Ende der 1930er-Jahre zudem eine der bekanntesten Fotografien des Iren entstanden ist. Die Limmat fand auch Eingang in sein Werk, am eindeutigsten in seinem letzten Roman «Finnegans Wake» aus dem Jahr 1939 – zwei Jahre also, bevor Joyce in Zürich an den Folgen einer Darmoperation verstarb. In einer der meistzitierten Passagen des experimentellen Romans tratschen zwei Waschweiber am Ufer des irischen Flusses Liffey über das Leben der Figur Anna Livia Plurabelle.

«Yssel that the Limmat?»

Dabei webt Joyce aus den Namen Hunderter Flüsse – darunter Limmat und Sihl – ein Wortgeflecht, dessen Bedeutung sich einem erst auf den zweiten oder dritten Blick erschliesst. Während das Geschriebene nämlich weitgehend sinnfrei bleibt, ist dem ausgesprochenen Text eine Geschichte eingeschrieben, wie das Beispiel der Limmat schön illustriert: «Yssel that the Limmat?», heisst es dort, wobei der niederländische Fluss Ijssel zusammen mit der Limmat einen Satz wie «Isn’t that the limit?» – «Ist das nicht die Grenze?» – ergibt. Der Fluss als reale und metaphorische Grenze: Neu ist dieser Gedanke auch vor 80 Jahren nicht, sehr wohl aber die Umsetzung.

Dem Dubliner Joyce, der mit seiner Frau Nora den grössten Teil seines Lebens im selbstgewählten Exil verbrachte und 1941 in Zürich begraben wurde, muss die Limmat auch ein Heimatgefühl vermittelt haben, wie Literaturwissenschaftler Hermann Rasche in einem Aufsatz über Joyces Zeit in der Schweiz schreibt: «Zürich ist Joyces Heimatstadt nicht unähnlich; was die Limmat für Zürich, ist die Liffey für Dublin, beide Flüsse trennen die Stadt; entlang der jeweiligen Flüsse laufen Uferstrassen». Dabei war es dem Dichter zuerst nicht sonderlich wohl in der Limmatstadt, in der er im Kriegsjahr 1915 eher zufällig landete – «ich habe hier angehalten, weil es die erste grosse Stadt nach der Grenze ist. Ich weiss nicht, wo ich in der Schweiz leben soll. Vielleicht hier», schrieb Joyce damals – Enthusiasmus tönt anders.

Er beklagte sich über die Berge, «those big lumps of sugar» (diese grossen Zuckermocken), und den Föhn. Am Platzspitz hingegen, wo sich die beiden Gewässer treffen, um als eines weiterzufliessen, hat es ihm offensichtlich gefallen. Der Ort soll ihn an ein Gedicht seines Landsmanns Thomas Moore erinnert haben, das berühmte «Meeting of the Waters», in dem dieser das Zusammenkommen zweier irischer Flüsse besingt.

Der Fluss: ein beliebtes Motiv

Doch nicht nur Joyce hat die Limmat inspiriert. Ohnehin ist «der Fluss» – ob nun die Limmat, die Seine oder der mythologische Totenfluss Styx – ein beliebtes Motiv, das seit Jahrtausenden und über die Kulturen hinweg in Literatur, Musik und Kunst erscheint. Der Fluss mit seinem einerseits verheerenden Zug und seinem andererseits sanft rauschenden Auf und Ab erfüllt dabei mehrere Funktionen; häufig wird er herbeigezogen, um Themen wie Vergänglichkeit und Tod, aber auch Erneuerung, Beständigkeit oder den Lauf den Lebens zu veranschaulichen.

Selbst bei Gottfried Keller hat die Limmat einen prominenten Auftritt. Für seine Heimatstadt und ihren Fluss machte Keller, der für seine literarischen Schauplätze fast ausschliesslich fiktive Ortschaften ersann, mehrere Ausnahmen: Nicht nur hat er ihnen in den «Züricher Novellen» ein Denkmal gesetzt, auch die erste Fassung des «Grünen Heinrichs» (1854/55) beginnt mit Impressionen einer vergangenen Limmatstadt, und zwar aus der Perspektive des Schifffahrers, der von Rapperswil her kommend das geschäftige Treiben am Fluss schildert.

«Wie ein Traum steigt zuletzt die Stadt selbst aus den blauen Wassern», heisst es, als das Gefährt den Zürichsee allmählich hinter sich lässt, «und man sieht sich unvermerkt mit erhöhter Bewegung auf der grünen Limath unter den Brücken hinwegfahren. Das ganze Treiben einer geistig bedeutsamen und schönen Stadt drängt sich an den leicht dahinschwebenden Kahn.» Von diesem aus erblickt der Reisende die Versammlung «des gesetzgebenden Rates der Repulbik» und der «Vertreter des Volkes», deren Gesichter «weder elegante Beredsamkeit noch grosse Belesenheit verraten». Er vernimmt Trommelschlag und das «Getöse des Marktes», wo «Gewerk und Gewerbe längs des Flusses summt und ihn teilweise trübt, bis die rauchende Häusermasse einer der grössten industriellen Werkstätten voll Hammergetönes und Essensprühen das Bild schliesst».

Zürich West hinter sich lassend, fährt man «wieder zwischen reizenden Landhäusern und Gewerben, zwischen Dörfern und Weinbergen dahin, die Obstbäume hangen ins Wasser, zwischen ihren Stämmen sind Fischernetze ausgespannt». «Voll und schnell» fliesst der Strom hier, bis «ein stilles Frauenkloster hinter Uferweiden hervorlauscht» – das Kloster Fahr. Weiter gehts vorbei an «blühenden Jünglingen, die aus den hellgewaschenen Fenstern des durchlüfteten Gotteshauses herabschauen»: Es sind die Zöglinge des Lehrerseminars, das elf Jahre vor Erscheinen des «Grünen Heinrichs» im Kloster Wettingen Einzug hielt. Am Schluss «landet man endlich zu Baden»; hier endet die Reise des Kellerschen Schifffahrers.

Vefolgungsjagd auf eine Leiche

Auch Max Frisch räumt der Limmat in «Mein Name sei Gantenbein» eine tragende Rolle ein. In ihren Fluten endet der 1964 erschienene Roman über das Geschichten-Erzählen, das Sich-selber-Entfliehen und -Erfinden nämlich, mit einer makabren Episode, die den Stoff des Romans auf wenigen Seiten auf den Punkt bringt. «Plötzlich ein Mensch, der nicht einmal einen Namen hinterlassen wollte, geschweige denn eine Geschichte», erzählt Gantenbein seiner Vertrauten Camilla da.

«Man wusste von diesem Zeitgenossen nur, dass er gelebt haben musste, das bewies schliesslich seine Leiche, die sie eines Morgens in der Limmat fanden – eines sehr schönen Morgens, ich erinnere mich, ich kam gerade über die Helmhausbrücke, um dort die Schwäne zu füttern». Die Polizei eilte in einem grünen Weidling herbei, stocherte im Wasser herum, bis sich der Körper aus seiner «jahrelangen Verklemmung» löste – und der Polizei mit einem Vorsprung flussabwärts entkam. «Da schwamm etwas, eine Leiche», erzählt Gantenbein, «langsam, aber als hätte sie noch einen Willen, sogar einen sehr entschiedenen Willen: zu entkommen».

Doch die Leiche verfing sich bei der Gemüsebrücke erneut, die Polizei blieb hilflos, die verdutzten Passanten empört – «die Öffentlichkeit, so schien es, hatte ein Anrecht zu wissen, wer diese Leiche ist». Und «inzwischen war’s Mittag geworden, Stossverkehr, nur die Leiche hatte keine Eile; Gesicht nach oben, taub für Verkehrslärm, liess sie die Limmat mit leise gurgelnden Wirbeln an ihren Schlammbärten vorbeiziehen.» Dann wurde ein Sarg herbeigebracht, angesichts der fortgeschrittenen Verwesung des Körpers wurde der Plan klar: «Unterwassereinsargung».

Doch die Leiche, nun im Tannenholz-Sarg, entkam erneut, «der Sarg schwamm allein, einmal Füsse voran, einmal Kopf voran, als müsste er erproben, was für eine lange Reise bequemer ist». Am Wehr beim Draht-Schmiedli dann war Schluss, «der offene Sarg stand ziemlich senkrecht aus dem gurgelnden Wasser, die Leiche lehnte drin». - «Scheusslich!», erwidert Camilla, worauf Gantenbein sagt: «Dabei hätte er’s beinah erreicht, beinah – abzuschwimmen ohne Geschichte.»

Krimis im Sog der Limmat

Die letzte literarische Limmat-Leiche sollte jene von Frisch aber nicht bleiben. Im Zürich-Krimi «Tanz an der Limmat» geht Philipp-Maloney-Autor Roger Graf 1997 dem mysteriösen Verschwinden einer Frau namens Helen nach, die der Legende nach in den siebziger Jahren im Drogenrausch an der Limmat getanzt hat.

In Raphael Zehnders «Müller und die Tote in der Limmat» hat die Leiche es sogar in den Titel geschafft. Nachdem Zehnder unter anderem allen, die sich schon immer gefragt haben, erklärt, woher das Limmattal seinen Namen hat – «heisst so, weil Fluss» –, kommt die Erzählung schnell zur Sache: «Ort: Jugendkulturzentrum ‹Dynamo›, mitten in der Stadt, zwischen dem in Fliessrichtung rechts steil aufragenden Hang, worauf das ‹Dynamo› gepfropft ist (kein schöner Bau), und dem Flussufer der Limmat, die Zürich teilweise durchfliesst. Fliesst sanft Richtung Nordwesten. Gurgelt sanft.» Mitten in dieser Realidylle stösst plötzlich Person A Person B in den Fluss. «Schwups.» Ergebnis: «Person B verschwindet im Strudel. Schwarzes Wasser. Dunkles schwarzes Wasser. Undurchsichtig wie Hölle. Gurgelt düster, fliesst unbeteiligt vorbei, kümmert sich nicht, schwemmt nur weg.»

Die Stadt, der Fluss und der Tod. Erstes Kapitel: Platzspitz

Die Stadt, der Fluss und der Tod. Erstes Kapitel: Platzspitz

Der unerbittliche Sog der Limmat hat schon viele fasziniert – davon zeugt auch Roger Grafs Hörspiel «Die Stadt, der Fluss und der Tod». Das im Rahmen der «Züri z’Fuess»-Stadtspaziergänge erschienene Stück begleitet als literarischer Audioguide durch Zürich West. Wer sich selbst auf die makabre Tour begeben will, kann den Soundtrack dazu auf der Website der Stadt Zürich herunterladen.