Street Parade
Die Lastwagentour ist nur das Vorspiel für eine lange Nacht

950 000 Menschen feierten am Samstag in Zürich an der weltgrössten Technoparade. Unser Autor versuchte, Vom letztlich den Millionentanz gegen die Strömung der Masse zu erleben – vergeblich, wie er bemerkte.

Matthias Scharrer
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950 000 Besucherinnen und Besucher machten die Street Parade zu einem Volksfest.
15 Bilder
Von wegen Jungendfest
Love-Mobiles waren auch dieses Jahr wieder die conditio sine qua non
Wie üblich war auch der Akohol bei vielen Feiernden nicht weit
Vom Nuttenoutfit bis hin zur Augenweide trifft man jede Kostümierung an (im Bild, eine Augenweide)
Peace! Friedlich war die Parade auch dieses Jahr, von den üblichen Paar Schlägereien im Nachgang abgesehen
Viele Gruppen hatten sich kostümtechnisch abgesprochen
Nackte Haut ja, aber der Skandal hält sich in Grenzen
Nun, das mit der Liebe geht offenbar in jedwelchen Kombinationen
Nicht ganz zu Unrecht geniesst die Parade bei vielen den Ruf eines 'Fests der Liebe'
Hauptsache auffallen - junge Brillenträgerinnen
Für die Touristen sind die Street Parade und ihre schrägen Besucher immer ein gutes Fotosujet
Das grosse Krabbeln
Der Fächer täuscht
Feiern in den Massen

950 000 Besucherinnen und Besucher machten die Street Parade zu einem Volksfest.

AZ

Die Invasion erfolgt zu Wasser, via Strasse und Bahn: Vom Stadtrandquartier Wollishofen paddelt ein Trupp bunt gekleideter junger Frauen auf Surfbrettern in die Richtung, aus der bereits die Bässe der Street Parade wummern. Der Parkplatz bei Strandplatz Mythenquai ist vollgestellt mit Autos aus Italien und Deutschland sowie Zelten. Schwäbisch gefärbtes Deutsch, Italienisch und Englisch sind an der Parade beinahe öfter zu hören als Schweizerdeutsch.

Eine Raverin wirft die Angel aus und ruft den jungen Männern, die ihr vom Camping-Parkplatz aus zuschauen, lachend zu: «Wer will an meinem Köder hängen bleiben?» Es ist Samstagnachmittag am Seeufer in Zürich Enge. Hier werden Stunde später die 28 Love Mobile, die gerade am gegenüberliegenden Ufer gestartet sind, eintreffen. An der 22. Street Parade herrscht wieder einmal Paradewetter: Strahlender Sonnenschein bei angenehmen 24 Grad locken nach Angaben der Veranstalter fast eine Million Menschen an. Ich versuche, gegen den Strom zu schwimmen und nehme mir vor, die Parade vom Ziel- zum Startort abzuklappern, um Einblicke jenseits der vorgefertigten Dramaturgie des inzwischen traditionsreichen Megaanlasses zu erhaschen.

Nächster Stopp: Seebad Enge. Die Badi ist auch an diesem Tag einfach eine Badi. Dennoch schwappt die Techno-Party rein: Von der Bühne beim Swiss-Re-Gebäude hört man den DJ brüllen: «Are you readyiiiiiiie?» Auf einer der im See schwimmenden Bretterinseln schwingen Bikini-Girls ihre Hüften im Takt. Ich tauche ab. Für einen Moment entkomme ich dem Wummern und Stampfen, das von allen Seiten aus den Lautsprechern dringt. Nach dem Auftauchen wird es bald deutlich lauter: Die Love Mobile rollen zur Quaibrücke.

General-Guisan-Quai: Bei der Bühne vor dem Kongresshaus finde ich mich inmitten einer Horde junger Männer mit nackten Oberkörpern wieder. Manche tragen Wikingerhelme, einige Windeln. Ein Vollbärtiger mit Bierbauch trägt ein Plakat mit der Aufschrift «Smile if you masturbate» durch die Menge. Es erinnert mich daran, dass die Street Parade offiziell immer noch eine Demonstration ist. «Dance for Freedom» lautet ihr diesjähriges Motto. Der Tanz für Freiheit, der mich jetzt umgibt, riecht nach Schweiss, Bier und Urin. Die Schuhsohlen kleben an Resten von Süssgetränken.

Gut zweieinhalb Stunden nach dem Start am gegenüberliegenden Seeufer rollt das erste Love Mobile vorbei. Die Menschenmenge verdichtet sich und wippt im Takt. Sanitäter tragen ein in Goldfolie verpacktes Opfer des Gedränges durch Selbiges. Altmeister Sir Colin bringt die Menge mit seinen treibenden Rhythmen zum Kochen. Alles zuckt und wippt im Takt.

Quaibrücke: Das Gedränge beim Ein- und Ausgang der Brücke über die Seemündung ist für einige Momente beängstigend. Doch in der Mitte der Brücke, gleichsam im Auge des Taifuns, bleibt der Raum erstaunlich luftig. Dutzende Boote bilden eine Seilschaft im Wasser, in das immer wieder Brückenspringer hüpfen. «Schöne Stadt», meint ein Besucher aus dem Allgäu, der am Brückengeländer lehnt. «Passt schon, oder?»

Seeufer beim Opernhaus: Während im Sanitätszelt die ersten «Partyleichen» verarztet werden, macht sich bei mir Bierdurst bemerkbar. Doch am nächsten Getränkestand ist Gerstensaft ausverkauft. Plan B, sich beim Coop am Stadelhoferplatz zu versorgen, hatten zu viele andere auch: Vor dem Eingang steht eine entmutigend lange Schlange. Also doch zur Gartenbeiz auf dem Platz, wo es kühles Dosenbier für sieben Franken gibt, einen Franken «billiger» als an den offiziellen Ständen, die den Gratis-Anlass mitfinanzieren. An einem mit Müll übersäten Tisch verdrücke ich zum Bier mein Abendessen, begleitet von den Rhythmen einer Perkussionsgruppe und den ewig wummernden Bässen der Technoparade. Die Luft ist Marihuana-geschwängert. Teenager flirten und fotografieren sich gegenseitig. Wer nicht mehr gerade gehen kann, wird von Kollegen gestützt.

Die Parade der Bum-Bum-Lastwagen hat das Seefeld inzwischen hinter sich gelassen. Zurück bleibt ein mit Bierbüchsen und PET-Flaschen gepflasterter Boden. Am Seeufer schlafen erschöpfte Paradebesucher. Andere drehen in der Abendsonne Joints. Mit dem Schiff gehts vom Zürichhorn zurück zum Bürkliplatz. Das Wummern der Bässe wird wieder lauter. Erneut schallt der Ruf eines DJ übers Wasser: «Are you ready for party?»

Love Mobile Nummer 28, das letzte mobile Soundsystem der Parade, zuckelt gerade am Bürkliplatz vorbei. Tänzerinnen pusten Seifenblasen vom Lastwagen ins Publikum. Es dunkelt ein. Noch immer sind Zigtausende unterwegs, lassen sich von DJ-Klängen, Lasershows und Animationstänzerinnen auf den Bühnen entlang der Route in Stimmung bringen. Die Lastwagentour war nur das Vorspiel. Auch ich lasse mich schliesslich vom Strom der Masse mitreissen. Heimzugehen wäre in diesem Moment irgendwie falsch. Auf einem Mäuerchen am Seeufer geht ein Pärchen im Dunkeln auf mehr als Tuchfühlung. Nebenan pinkelt jemand in den See. Andere sitzen einfach auf Bootsstegen und plaudern bei einer Flasche Wein. Das Partyvolk vor der Bühne am Mythenquai tanzt durch, bis pünktlich um Mitternacht Schluss ist mit dem grossen, vereinigenden Fest unter freiem Himmel. Jetzt trennen sich die Wege.

Sonntagmittag im Tram: Bleiche, übernächtigte Gestalten steigen ein. Offensichtlich haben sie durchgefeiert. «Ist es unanständig, einfach in Socken durch die Stadt zu laufen», fragt einer von ihnen, der keine Schuhe mehr hat. Ein anderer empört sich lachend: «Jemand hat meine Badehose geklaut! Wer macht den so etwas?» Am Paradeplatz steigen sie aus.