Zürcher Nachtleben

Die Langstrasse will sich beruhigen

Lärmende Partygäste auf der Langstrasse sind ein Ärgernis. key

Lärmende Partygäste auf der Langstrasse sind ein Ärgernis. key

Die einen wollen feiern, die anderen schlafen. Ein «Wirtetelefon» für Anwohner, schärfere Kontrollen und Toiletten sollen die Situation an der Langstrasse nun verbessern.

Die Langstrasse: Sie wird gerne als Sündenpfuhl der Schweiz gesehen, als Sodom und Gomorra im Herzen von Zürich, als Freilichtmuseum für Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Zwar gehört diese Sichtweise schon längst selbst ins Museum: Die Langstrasse und der Kreis 4 wurden kräftig durcheinandergewirbelt. Neben dunklen Bars stehen helle Ateliers, neben Partykellern Architekturbüros, der Perückenladen wird zum Handyhüllenshop, der Kunstbetrieb zum vegetarischen Restaurant, das Cabaret zur Bar. Doch eines ist dabei geblieben: der Lärm.

Statt das Milieu sind nun einfach die Partygänger aus allen Ecken der Stadt und von ausserhalb die Verursacher, nicht ohne Konsequenzen: Der Unmut auf allen Seiten stieg in den letzten Jahren. Einwohner mokieren sich über laute Partygänger, Partylokale über lärmempfindliche Einwohner, das Gewerbe über Kotze vor dem Eingang. Letzen Frühling eskalierte der Streit. 115 Anwohner schrieben einen offenen Brief an die Stadt und protestierten gegen die «stadtzerstörerische Sauerei.» Darauf lancierte das Kulturmagazin «Kult» die Petition «Langstrasse bleibt Langstrasse». Die Stadt reagierte, lud zum runden Tisch und machte dort, was man halt so macht: Arbeitsgruppen.

Gute Gespräche

Am Montagabend nun traf man wieder zusammen und diskutierte die Ideen. Konkret wird geprüft, ob mobile öffentliche Toiletten aufgestellt werden sollen, Problembetriebe werden intensiver kontrolliert, Innenhöfe zu sensiblen Zonen erklärt, eine Sensibilisierungskampagne geplant und ein Wirtetelefon eingeführt, wo sich die Anwohner beschweren können. Zudem sollen 24-Stunden-Shops gegen Littering vor der Türe ankämpfen. Alle Seiten haben diese ersten Massnahmen und Ideen akzeptiert, welche im Sommer realisiert werden sollen. Alexandra Heeb, die Delegierte für Quartiersicherheit der Stadt Zürich, ist sich bewusst, dass dadurch das Dilemma zwischen Nachtleben und Nachtschlaf nicht verschwindet, ist aber dennoch positiv gestimmt: «Wir erwarten keine Wunder, sind aber überzeugt, dass diese Massnahmen zu Verbesserungen führen werden.»

Die Stimmung am zweiten runden Tisch sei gut gewesen, sagt Heeb. Rund sechzig Leute kamen zusammen, davon zu je etwa einem Drittel Anwohner, Vertreter der Verwaltung sowie Club- und Gewerbebesitzer. «Das gegenseitige Verständnis war vorhanden. Die Leute haben sich zugehört, was bei zum Teil entgegengesetzten Positionen ja nicht selbstverständlich ist.» Bei einigen Themen vertraten zudem Clubbesitzer und Anwohner gleiche Anliegen. So stören sich beide am wilden Urinieren an jeder Ecke. Mobile Toiletten werden darum von der Stadt geprüft, die Umsetzung sei unter anderem auch eine Frage der Finanzen.

Lärm gehört dazu

Andere Massnahmen wurden teils schon eingeführt: Einige Betriebe betreiben bereits ein Wirtetelefon. Die Erfahrungen sind offenbar gut, zukünftig soll es eine möglichst komplette Liste mit Rufnummern von Bars und Clubs geben, wo sich die Anwohner melden können. Doch Lärm kommt nicht nur aus den Partykellern: Immer mehr Ausgänger an der Langstrasse bleiben lieber draussen zum Feiern, insbesondere auf dem Piazza Cella. «Die Langstrasse ist nun mal auch als öffentlicher Raum ein Magnet, da können die Clubs wenig dagegen unternehmen», sagt dazu Alex Bücheli von der Bar- und Clubkommission Zürich (BCK). Wie Alexandra Heeb bestätigt, wird die Stadtpolizei an der Piazza Cella darum auch dieses Jahr von Mai bis September über Nacht stärker präsent sein.

Optimismus

Alex Bücheli zeigt sich vorsichtig optimistisch, dass der runde Tisch fruchtete. Es handle sich bei vielem noch um Ideen, doch sei gut, dass man das Thema auf verschiedenen Ebenen anpacke. «Allein schon die Tatsache, dass Bars, Clubs und Shops mitreden konnten, ist ein starkes Zeichen auch von der Stadt, dass wir zur Langstrasse gehören.» Gerade mit der Sensibilisierungskampagne könnten sie nun dazu beitragen, die Clubgänger daran zu erinnern, dass «eine gute Party nicht bedeutet, draussen herumzuschreien». Gleichzeitig betont er jedoch auch: «Solange Leute hier in den Ausgang kommen, wird es Lärm geben. Der Chreis Cheib wird nie zum ruhigsten Quartier der Welt werden.»

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