Draussen scheint die Sonne, drinnen leuchten die Scheinwerfer. Der Lichtkegel erhellt die Tanzfläche. Von der Galerie des Zürcher Konzert- und Ausgehlokals Komplex 457 in Zürich Altstetten sind die gelben, roten und weissen Lettern «Red Bull BC One Camp» lesbar. Rundherum sind Sitztreppen aufgebaut. Etwa 20 junge Männer und einige wenige Frauen haben es sich dort bequem gemacht. Wer nicht sitzt, dehnt Beine, schwingt Arme oder wärmt Handgelenke mit Kreisbewegungen auf. Unabhängig davon haben alle ihre Augen auf die Tanzfläche gerichtet. Dort dreht sich ein junger Mann auf der Schulter gerade um seine eigene Achse. Ein Fotograf hält die Szene fest. Musik läuft keine. Der Break-Dance-Workshop beginnt erst in zehn Minuten.

In der Disco in Altstetten finden seit Donnerstag neben Workshops, Diskussionsrunden und einer Ausstellung am Freitagnachmittag die letzten Qualifikationen für den Wettkampf am Samstag statt. Im Hallenstadion batteln dann Breakdancer und Breakdancerinnen aus der ganzen Welt um den Titel des besten B-Boys respektive B-Girls. Es ist die 15. Austragung des Red Bull BC One World Finals.

Zum ersten Mal fand das Turnier 2004 im Jugend- und Kulturzentrum La Coupole in Biel statt. Initiiert hat es der Tänzer Claude Hunkeler. Danach umrundete die österreichische Energydrink-Firma mit dem Turnier einmal die Welt. Neben Berlin, Paris, New York und Rio de Janeiro wurde der Wettkampf auch schon in Tokio und Moskau durchgeführt. Seit seiner Geburtsstunde 2004 kommt der Anlass nun erstmals wieder in die Schweiz und damit nach Zürich.

Plattformen bieten

Von Anfang an damit verbunden war auch Nicole Binggeli. Sie ist eine der Köpfe hinter dem Camp. Sie hat die Instruktoren, Tänzer und Redner aus der ganzen Welt für dieses Wochenende nach Zürich geholt. Die 38-Jährige hat 1993 mit dem Break-Dance angefangen. «Ich hab es bei den Jungs in der Schule gesehen und wollte das auch können», sagt sie. In einer Zeit, in der es diese Tanzform noch an keiner Schule zu lernen gab und auch keine Youtube-Videos Inspiration geliefert haben, gab es nur eins: «Anschauen, nachmachen, auf den Mund fallen, aufstehen und weitermachen.» Aber nicht nur so, hat die in Zürich wohnhafte Organisatorin breaken gelernt. Durch verschiedene Aufenthalte im Ausland ist sie mit Tänzerinnen und Tänzern in Kontakt gekommen, hat Plattformen gefunden und an Wettbewerben teilgenommen.

Eine Tanzform, die etabliert ist

Seit Binggeli Mutter ist, hat sie sich von der Tanzfläche verabschiedet, nicht aber aus der Szene. Nach Zürich geht es für die Organisatorin am Sonntag an die YOG (Youth Olympic Games) nach Buenos Aires: «Dort ist Breaking als Disziplin in diesem Jahr erstmals vertreten.» Schliesslich steht noch das Street Style Lab in Los Angeles auf dem Programm. «Plattformen bieten», das ist der Antrieb der in Zürich wohnhaften Szenekennerin. «Breaking hat sich seit den 1970er-Jahren etabliert», sagt sie. In jeder noch so kleinen Tanzschule werde heute ein Kurs angeboten, der diese Tanzform lehre. Plattformen aber – und damit meint die ehemalige Tänzerin Workshops oder Turniere – gebe es in der Schweiz zu wenig. Neben der kleinen Landesgrösse sieht Binggeli den Grund dafür darin, dass man als Profi kaum vom Break-Dance leben kann. «Im Ausland gibt es viel mehr Möglichkeiten, wie professionelle Tanzcompagnies, aber auch die Musik- und Filmindustrie sind grösser.»

Wie gross die Szene ist, sieht man auch an der Teilnehmerliste des am Samstag im Hallenstadion stattfindenden Finals. Dort treten 16 Breakdancer aus der Schweiz, Frankreich, Grossbritannien, den Vereinigten Staaten, Brasilien, Marokko sowie Japan und Südkorea um den Champion-Titel gegeneinander an. Der 32-jährige Dr. Hill aus Zürich wird am Wettkampf die Schweiz vertreten. Seine Break-Dance-Karriere begann vor 13 Jahren. Nach seinem letztjährigen Sieg bei den Schweizer Meisterschaften wurde er als das «Mass aller Break-Dance-Dinge» bezeichnet.

Diese Bezeichnung dürfte auch der 34-jährigen Japanerin Ayumi gerecht werden. Denn sie war es, die als erste Frau 2017 in Amsterdam im Finale der weltweiten Austragung des Red-Bull-Wettbewerbs stand. Ihr dürfte denn auch der diesjährigen Neuerung des Turniers zu verdanken sein. Am Samstag wird in Zürich nämlich zum ersten Mal in der Geschichte des Anlasses ein Frauen-Final stattfinden. Neben Ayumi batteln damit 15 weitere Finalistinnen aus der Ukraine, Russland, Polen, Kasachstan, Frankreich, Grossbritannien, Finnland, den Vereinigten Staaten, Brasilien sowie Südkorea und Japan um den Titel «Queen der B-Girls».

Weniger Technik, mehr Tanz

Binggeli freut sich über die jüngste Entwicklung, obwohl die Forderung nach einem Frauen-Final schon lange im Raum stand. Red Bulls Entscheid, eine zweite Liga zu schaffen, bezeichnet sie als «geschickten aber auch wertvollen Zug». Warum es gerade 2018 mit der ersten Durchführung eines Frauen-Finals klappt, darüber kann Binggeli nur mutmassen: «Der Fokus hat sich vom technischen etwas mehr ins tänzerische verlagert.» Was von der Anatomie her für Frauen ein Vorteil sei und ihnen wohl deshalb zu mehr Aufmerksamkeit in der Szene verhelfe.

Wer sich für den bereits ausverkauften Final im Hallenstadion kein Ticket kaufen konnte, hat die Möglichkeit am Samstagabend den Wettkampf kostenlos im Livestream im Komplex 457 mitzuerleben. Im Anschluss feiern Tänzerinnen und Tänzer sowie Tanzbegeisterte dort den Hip-Hop und die Tanzkultur.