«Digitalisierung ist keine leere Worthülse mehr», sagte Thomas Ulrich, Präsident des Zürcher Bankenverbandes, an der Präsentation der Studie «Finanzplatz Zürich 2016/2017» gestern vor den Medien. Durchgeführt hat diese das Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Basel im Auftrag des Kantons und der Stadt Zürich. Was vor einigen Jahren noch mit Argwohn beobachtet wurde, hat im Banken- und Versicherungssektor Einzug gehalten. Man habe erkannt, dass die Digitalisierung keine Gefahr sei, sondern ein wichtiger Wachstumstreiber für den ganzen Finanzplatz, so Ulrich weiter.

Der Begriff der Digitalisierung bedeutet für den Finanzsektor den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien, mit dem Ziel Geschäftsprozesse effizienter zu machen, aber auch neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dieser Trend zeichnet sich bereits seit längerem ab. So werden seit einiger Zeit intern Buchhaltungssoftware verwendet und viele Kunden verwalten ihre Konten selbstständig über das E-Banking. Damit nicht genug: Die Finanzfirmen müssen auf die veränderten Kundenbedürfnisse reagieren. Und wie der Digitalisierungsindex des BAK Basel zeigt: Die technischen Möglichkeiten sind bei Banken und Versicherungen noch nicht ausgereizt.

Ein selektiver Prozess

Der Finanzsektor in der Region Zürich verfügt bereits über Software-Lösungen. Die Digitalisierung schreitet bei den Firmen intern aber als selektiver Prozess voran. So wurden Bereiche wie Zahlungsverkehr und Wertschriftentransaktionen bereits relativ weit digitalisiert, weil diesen Geschäftsfeldern auch künftig eine grosse Relevanz zugeschrieben wird. Handlungsbedarf sehen Banken, wie auch Versicherungen bei ihren Kernkompetenzen. Für Banken sind dies mehrheitlich der Vertrieb und die Beratung, während die Versicherer hier auf Vertragsabschlüsse und die Nachforderungen fokussieren.

Beide Branchenzweige zeichnen sich bei den digitalen Lösungen durch eine hohe Eigenfertigungsquote aus. Dennoch ist der Trend zur Auslagerung von Geschäftsprozessen absehbar. Die Banken sehen hier vor allem im Zahlungsverkehr und die Versicherungen beim Vertrieb und Beratung Potenzial. Grundsätzlich wird bei der Erarbeitung digitaler Lösungen auf externes Wissen zurückgegriffen. Die nach der Entwicklung anhand einer Kooperation in die Firma integriert wird.

Eine Münze mit zwei Seiten

Mit all diesen Entwicklungen werden Geschäftsprozesse effizienter, die Produktivität höher und es kommt zu strukturellen Verschiebungen in den Unternehmen. Was durch Kundenbedürfnisse ausgelöst wird, hat aber Auswirkungen auf die Arbeitnehmenden in dieser Branche. Die Automatisierung und die steigende Vernetzung von Geräten und Maschinen, mündet darin, dass diese weitgehend direkt miteinander kommunizieren. Letzterer Teil lässt neue Berufsprofile und neue Geschäftsmodelle entstehen.

Der Präsident des Zürcher Bankenverbandes sagt zum strukturellen Wandel: «Noch vor wenigen Jahren war der Beruf des App-Programmierers eher unbekannt. Heute ist er weitverbreitet.» Die technischen Fähigkeiten hätten im Allgemeinen bei den Arbeitnehmenden an Bedeutung gewonnen und würden dies auch in Zukunft, so Ulrich weiter.

Weil die Digitalisierung hilft, effizienter zu werden und Kosten zu sparen, hat sie auch einen Effekt auf die Einnahmenseite der Firmen. Ulrich hält es für möglich, dass dem Kunden künftig kein Berater mehr gegenübersteht, sondern nur eine Maschine. Und damit sinkt allenfalls die Zahlungsbereitschaft der Kunden. Dennoch ist er sicher: «Die Digitalisierung ist kein Margenkiller, diese sind im Finanzsektor generell unter Druck». Damit sprich er das derzeit vorherrschende Tiefzinsniveau, die Negativzinsen der Schweizerischen Nationalbank und den nach wie vor starken Franken an.

Die Förderung der technischen Fähigkeiten der Arbeitnehmenden ist ein grosses Thema in der Finanzbranche. Dies hält auch Carmen Walker Späh, Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons Zürich, gestern vor den Medien fest. Deshalb ist für 2017 auf dem Gelände des zukünftigen Innovationsparks Zürich ein gesamtschweizerisches Blockchain-Forschungs- und Innovationszentrum geplant. Ihre Forschung wird sich auf Software- und Transaktionslösungen im Finanzsektor fokussieren.