Kunst
Die Kulturjournalistin schätzt auch Kunst, die irritiert

Die Stadt Zürich stockt ihre Stellenprozente im Bereich Bildende Kunst auf. Die Leitung der neuen Funktion übernimmt ab dem 1. April die Kulturjournalistin Barbara Basting.

Sophie Rüesch
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Barbara Basting vor dem Stadthaus, ihrem künftigen Arbeitsplatz.

Barbara Basting vor dem Stadthaus, ihrem künftigen Arbeitsplatz.

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Die 49-Jährige kennt die Zürcher Kunstszene wie fast keine Zweite: Ein knappes Vierteljahrhundert schon schreibt sie darüber. Anfangs beim Magazin «Du» und dem «Tages-Anzeiger», 2009 übernahm sie die Leitung der Fachredaktion Kultur beim Schweizer Radio SRF2. Zudem nahm Basting verschiedene Lehraufträge an Kunstschulen wahr und ist Mitglied des Zürcher Universitätsrats.

Dabei kam Basting eher zufällig zur bildenden Kunst: «Ich habe immer gedacht, dass ich über Literatur schreiben werde», sagt die studierte Germanistin und Romanistin, doch sei es damals schwierig gewesen, an Aufträge für Literaturkritiken heranzukommen. Als sie 1986 von einem Kommilitonen angefragt wurde, für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» Beiträge zur Kunst zu verfassen, habe sie sich gedacht: «Nun gut, die bildende Kunst interessiert mich genau so wie die Literatur.»

Rund 500 Gesuche jährlich

Zu Bastings Aufgaben bei der Stadt wird hauptsächlich die Konzeption und Betreuung der Förderung im Bereich visuelle Kunst gehören, wobei sie die rund 500 jährlich anfallenden Gesuche für die verwaltungsunabhängigen Kommissionen vorbereiten wird. Insgesamt stehen der Stadt laut Kulturdirektor Peter Haerle jährlich rund 500000 Franken für die Förderung im Bereich Bildende Kunst zur Verfügung.

Zur Förderung kommt die Betreuung der Subventionsverhältnisse mit Kunstinstitutionen wie dem Haus Konstruktiv, dem Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaften, der Shedhalle in der Roten Fabrik oder dem Cabaret Voltaire, wobei sie auch in den verschiedenen Aufsichtsgremien Einsitz nehmen wird. Ausserdem wird sie für die Beobachtung von Trends und Veränderungen in der Kunstszene zuständig sein, damit »eine zeitgerechte, faire und transparente Förderung gewährleistet werden kann», wie Haerle erklärt.

Dabei werden sich auch Bastings Kontakte, die sie während ihrer langjährigen Arbeit in den Medien geknüpft hat, als nützlich erweisen. Den Finger am Puls zu halten, sei für die Kunstförderung zentral. «Mir ist es wichtig, möglichst nah am Geschehen zu bleiben», sagt sie. Die Zürcher Kunstwelt nimmt Basting als «vielfältige Szene» wahr, die in den letzten Jahrzehnten unter schwierigen Bedingungen aufgeblüht sei, nicht zuletzt auch, weil sie sich dem internationalen Wettbewerb geöffnet hat.

Bastings Anliegen ist es, eine möglichst demokratische Kunstpolitik zu verfolgen, sowohl im Hinblick auf die Förderung der Macher wie auch auf die Bedürfnisse der Konsumenten. «Durch die Jugendunruhen hat man gemerkt, dass man nicht einseitig nur die Hochkultur fördern kann, sondern dass man eben auch auf den Humus achten muss, auf die Szene.» Es sei ihr aber auch ein Bedürfnis, Kunst für möglichst viele Leute leicht zugänglich zu machen und ein breites kulturelles Angebot zu fördern, das für alle etwas zu bieten hat.

Public Private Partnerships interessieren

Besonders interessieren sie die verschiedenen Aspekte der Public Private Partnerships. In den letzten Jahren habe sich der Kunstbetrieb stark in die Richtung von Sponsoring durch starke private Partner entwickelt, die dadurch auch Einfluss auf die Produktion und den Konsum von Kunst nehmen. «Dass in diesem Prozess auch die Anliegen derer, die nicht so stark sind, vertreten werden, muss einer öffentlichen Kulturpolitik ein wichtiges Anliegen sein. Die Steuerzahler haben ein legitimes Anrecht darauf, dass Kunst auch für sie da ist», so Basting.

Damit hat sich Basting hohe Ziele gesteckt. «Man muss Visionen haben. Die Ernüchterung, das Pragmatische, kommt dann von alleine», sagt sie lachend. Und es ist zu erwarten, dass sie zu Zeiten starken Spardrucks mit ihrer Tätigkeit auch auf politischen Widerstand stossen wird. «Weil Kunst nicht messbar ist, fällt sie sofort unter den Verdacht, nicht nützlich zu sein und zu viel zu kosten», erklärt sie. Dabei sei Kunst ein Grundbedürfnis der Gesellschaft: «Kunst ist ein Reflexionsraum, in dem eine Gesellschaft sich abbildet und orientieren kann. Man kann über eine Gesellschaft viel lernen, wenn man ihre Kunst betrachtet.»

Was man über Zürich lernen kann, zeigt etwa das aktuelle Beispiel des umstrittenen Hafenkrans am Limmatquai. Das Projekt hat bereits in der Planungsphase hohe Wellen geworfen, die städtische SVP will dessen Realisierung mit einer Volksinitiative verhindern. «Das Projekt soll ja als Idee schon eine Diskussion anregen, was es nun auch genau erreicht hat», amüsiert sich Basting. «Ich kann nachvollziehen, dass das nicht von jedermann als Kunst verstanden wird. Doch gleichzeitig denke ich: Es braucht Kunst, die nicht nur geschmeidig ist.»