«Sie ist eher steil», urteilt der Radio-24-Filmkritiker Alex Oberholzer über die Rampe, die in den Lido-Pavillon auf dem Festgelände führt, «aber ich bin schon glücklich, wenn ich eine Rampe sehe.» Oberholzer ist einer von drei Testern, die das diesjährige Theater-Spektakel auf Barrierefreiheit hin überprüfen.

Gestern trafen sie sich zu einem Rundgang mit Medienvertreter. Co-Leiter Werner Hegglin schreibt fleissig mit, als Rollstuhlfahrer Oberholzer, die blinde Studentin Gaby Rechsteiner und die Gehörlose Inga Laas ihre Kommentare abgeben. «In den letzten Minuten hat sich Arbeit für mehrere Tage ergeben», so Hegglins Zwischenfazit.

Keine Alibi-Übung

«Das ist keine Alibi-Übung», betont Gerhard Proschka von Procap, einem Netzwerk für Menschen mit Handicap. Der Testlauf soll dazu dienen, vor der heutigen Eröffnung die letzten Feinjustierungen vorzunehmen. Der eigentliche Versuch ist das Festival selber. Zwar war es bereits in den Vorjahren rollstuhlgängig, doch erstmals wollen die Verantwortlichen nun auch seh- und hörbehinderte Menschen ansprechen.

Bereits am Eingang kommen verblüffende Vorschläge. Die blinde Gabi Rechsteiner regt an, ein Relief des Festivalgeländes anzubringen: «So kann ich mich besser orientieren», zudem könnten die Infotafeln auch in Blindenschrift angeschrieben werden.

Inge Laas wünscht sich möglichst viele schriftliche Informationen, auch dazu, welche Aufführungen übertitelt oder in Gebärdensprache übersetzt werden. Sie ist praktisch gehörlos, kann aber ihre Mitmenschen mittels eines Hörgerätes und eines externen Mikrofons, in das sie sprechen müssen, verstehen. Doch der Baustellenlärm auf dem Festgelände bereitet ihr Mühe.

Sechs Stücke werden dieses Jahr für Seh- und Hörbehinderte angeboten. Während Blinde sich über ein Gerät eine sogenannte Deskription anhören können, wird die Bühne für Hörgeschädigte wie im Kino über- oder untertitelt. Zudem probiert das Festival eine Technik aus, bei der der Mikrofon-Ton direkt auf Hörgeräte übertragen wird.

«Induktionsschlaufe» nennt sich das. «Das kommt auch vielen älteren Menschen zugute», weiss Gerhard Protschka. Er empfiehlt allen Kulturstätten eine solche Installation: «Ich sage den Intendanten immer, die mit den Hörgeräten, das sind die Mäzene und Donatoren. Dann werden sie meist hellhörig.»

Selbstbedienung geht nicht

Inga Laas wirft ein, dass bei Übertitelung auch an die Übersetzung gedacht werden soll. Gerade bei englischen Stücken werde darauf verzichtet, in der Annahme, dass sowieso jeder Englisch könne: «Auch viele Nichtgehörlose sind froh um die Übersetzung», so Laas.

Neben dem Kulturangebot macht die Gastronomie einen wichtigen Teil des Theaterspektakels aus. Hier wird schnell klar: Selbstbedienung ist für Seh- und Mobilitätsbehinderte eine unüberwindbare Hürde. «Wenn ich alleine hier bin, kann ich nicht darauf hoffen, dass irgendein Passant sich für mich in die Schlange stellt», sagt Oberholzer. Und auch Rechsteiner zieht es vor, ihre Getränke auf dem Weg zum Tisch nicht zu verschütten.

Doch auch bediente Restaurants warten mit Handicaps auf. «Ich muss darauf warten, dass mir jemand einen freien Platz zeigt», meint Rechsteiner. Und was die Speisekarte betrifft: «Wer nicht blind aber sehbehindert ist, braucht eine Karte mit kontrastreicher Schrift, die nicht laminiert ist», so Rechsteiner.

Dann wird Oberholzer auf die Behindertentoilette geschickt. Dass er dafür erst einen Schlüssel holen muss, versteht er nicht. «Es gibt doch den Eurokey, das ist ein genormter Schlüssel für alle Behinderten-WCs.» Den hätten fast alle Rollstuhlfahrer bei sich.

Festival-Chef Hegglin nickt und notiert. Vermutlich wird er nächstes Jahr das Schloss auswechseln. Und noch die eine oder andere Änderung am Festgelände vornehmen.