Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Die Stadtzürcher SVP will mit Susanne Brunner und Roger Bartholdi in den Wahlkampf ziehen. Die Delegierten werden dies am 4. Juli wohl ohne Murren abnicken. Es war ja nicht leicht, Leute zu finden, die sich dem grossen Risiko aussetzen wollen, erneut zu scheitern. Bekanntlich hat die SVP in Zürich seit 1990 keinen Stadtratssitz mehr. Sie versuchte es mit allen möglichen Leuten, schaffte es aber nie.

Die Frage stellt sich, warum es nun ausgerechnet mit diesen Kandidaten gelingen soll. Beide wären fähig und haben politische Erfahrung. An Brunner erinnert man sich auch deshalb, weil sie 2010 als CVP-Kantonsrätin zur SVP überlief und 2011 wegen einer einzigen fehlenden Stimme abgewählt wurde. Die Economiesuisse-Frau ist wirtschafts- und gewerbenah. Bartholdi war Gemeinderatspräsident und arbeitet bei der UBS. Dass er dort auch als Angestelltenvertreter wirkt, macht ihn im Mitte-Links-Lager sicher nicht unsympathisch.

Kaum bekannt

Trotzdem: Der Bekanntheitsgrad der beiden ist bescheiden. Interessant wird es sein, zu beobachten, wie geschickt oder ungeschickt sie ihren Wahlkampf anpacken. Da Zürich als Wohn- und Wirtschaftsstandort nach wie vor sehr beliebt ist, könnte es kontraproduktiv sein, Zürich in gewohnter SVP-Manier schlecht zu reden, auch wenn die Vorzüge der Stadt sicher nicht einzig das Verdienst der rot-grünen Regierung sind. Anderseits müssen die SVP-Kandidaten, wenn sie Erfolg haben wollen, doch mit einfachen Worten klar machen können, weshalb es nun ausgerechnet sie braucht.

Die beiden SVP-Vertreter sind Teil des bürgerlichen Fünfertickets, das die Parteispitzen von SVP, FDP und CVP anstreben (2 SVP, 2 FDP, 1 CVP). Dass die SVP mit zwei Leuten kommt, war für die Partner erwartbar. Sie zeigen sich jetzt auch mit Brunner und Bartholdi zufrieden. Der Doppelauftritt der SVP markiert trotzdem einen klaren Machtanspruch und etwas Eitelkeit: Sie will als stärkste bürgerliche Partei (17 Prozent) nicht mit nur einer Person antreten, wenn die kleinere FDP (16 Prozent) ebenfalls im Duo kommt. Der SVP-Machtanspruch kontrastiert aber mit dem Fakt, dass es ihr seit 27 Jahren misslingt, in die Stadtregierung zu kommen. Die FDP ist in einer komfortableren Lage. Sie hat bereits zwei Sitze und steht nun einzig vor der Herausforderung, jenen des abtretenden Andres Türler zu ersetzen. Filippo Leutenegger tritt ja wieder an.

Die Freisinnigen, die vor vier Jahren auf einer Erfolgswelle ritten, stehen jetzt vor der delikaten Aufgabe, sich von einem ihrer beiden Hoffnungsträger zu trennen: Entweder von Nationalrätin Doris Fiala oder dem ehemaligen Parteipräsidenten Michael Baumer. Auf dem Fünferticket ist neben Leutenegger nur noch ein Platz frei. Gut möglich, dass der FDP-Vorstand diese unangenehme Ausmarchung den Delegierten überlässt, die am 20. Juni entscheiden.

Ihre Wahl ist deshalb so schwierig, weil Fiala trotz grosser Bekanntheit in Zürich keine Garantin für Erfolg ist. Sie hat sich in der Abstimmung über die Energiestrategie im linksgrünen Lager unbeliebt gemacht. Diese Angriffsfläche, in Zürich nicht zu unterschätzen, dürfte der Grüne Kandidat und ebenfalls sehr bekannte Nationalrat Bastien Girod nicht ungenutzt lassen – sollte er von den Grünen aufgestellt werden. Ein Erfolgsgarant ist auch FDP-Mann Michael Baumer nicht. Ausserhalb des Zürcher Politkuchens ist er wenig bekannt. Das gilt erst recht für die Kandidatin oder den Kandidaten der CVP auf dem Fünferticket. Ob Nicole Barandun oder Markus Hungerbühler: Klar ist schon jetzt, dass es für die Kleinpartei eine Zitterpartie werden wird, den Sitz von Gerold Lauber zu behalten. Auch hier lauert die grüne Konkurrenz. Sie ist hungrig, weil sie den verlorenen zweiten Sitz zurückhaben will.

Das bürgerliche Fünferticket markiert den Anspruch, die Mehrheitsverhältnisse im Zürcher Stadtrat zu kippen. Von den 9 Sitzen sind heute sechs in rot-grüner Hand (4 SP, 1 Grüner, 1 AL). Dieser Anspruch ist sehr hoch gegriffen – höchstwahrscheinlich zu hoch. Denn anders, als es sich die Bürgerlichen gerne einreden, wackelt der Sitz von AL-Mann Richard Wolff keineswegs stark, trotz seinen Verstrickungen rund ums Koch-Areal.

Wenn die bürgerlichen Parteien mit dem Fünferticket die Wende anstreben, müssten sie logischerweise auch das Stadtpräsidium anpeilen. Denn was soll eine bürgerliche Stadtratsmehrheit unter Führung einer SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch? Wirft man einen Blick auf das bürgerliche Personal, das dafür infrage kommt, ist man rasch bei Filippo Leutenegger. Ob er Lust aufs Stadtpräsidium hat, ist offen. Wenn ja, würde dies auf jeden Fall den Wahlkampf beleben, auch wenn die Erfolgschancen beschränkt sind. Wenn nein, hätte Doris Fiala als erfahrene Debattiererin am ehesten das Zeug dazu, Mauch herauszufordern. Ihre Kandidatur als Newcomerin hätte den Nachteil, anmassend zu wirken, wenn der erfahrene Leutenegger den Verzicht erklären würde. Eine Präsidenten-Kandidatur der SVP wäre aber zum vornherein nur eine Show-Einlage – im besten Fall mit Unterhaltungswert.