Demonstration
Die Kritik wird immer lauter: Churer Bischof soll entmachtet werden

«Es ist bitter nötig, endlich auf die Strasse zu gehen», sagt Karl Geiger. Der Präsident der Kirchenpflege Dietikon steht auf dem Bahnhofplatz in St. Gallen, wo in Kürze eine Kundgebung gegen den Bischof von Chur beginnt.

Michael Rüegg, St.Gallen
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Aus allen Ecken des Churer Bistumsgebiet kamen Menschen nach St. Gallen zur Demonstration, die am Bahnhofplatz ihren Lauf nahm.
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Grossandrang auf dem St. Galler Klosterplatz.
Demonstration gegen den Churer Bischof Vitus Huonder
Ausgrenzung und Diffamierung von Minderheiten sind nur einige der Vorwürfe an Vitus Huonder.
Dietikons Kirchenpflegepräsident Karl Geiger gibt Auskunft.
Der St. Galler Bischof Markus Büchel nimmt den Brief von Rosmarie Koller, Präsidentin des schweizerischen katholischen Frauenbundes, entgegen.
Bischof Markus Büchel plädierte für gegenseitiges Verständnis, beschränkte sich dabei aber auf Worthülsen und Platitüden.
Die Kundgebung stiess auf beachtliches Medieninteresse.

Aus allen Ecken des Churer Bistumsgebiet kamen Menschen nach St. Gallen zur Demonstration, die am Bahnhofplatz ihren Lauf nahm.

Christian Murer

Über 2000 Menschen haben sich hier eingefunden. Wie Geiger kommen sie aus allen Ecken des Churer Bistumsgebiets. Ihr Unmut richtet sich gegen Vitus Huonder, Diözesanbischof in Chur und auch Hirte der Zürcher Katholiken. Ein Hirte, der seine Schafe gegen sich aufgebracht hat. «Es reicht!», schreiben und schreien sie: der Katholische Frauenbund, Jungwacht und Blauring, die Vereinigung der Jugendseelsorger, die Katholische Arbeiterbewegung und viele andere. Es ist wie ein Klassentreffen aus der Ära Wolfgang Haas: Die kirchliche Basis zieht auf den Klosterplatz, mit dem Ziel, ihren Bischof zu vertreiben.

Dabei fordern sie nicht einmal Huonders Absetzung. Im Schreiben, das die Organisatoren im Anschluss an die Demo dem Präsidenten der Schweizerischen Bischofskonferenz, dem St. Galler Bischof Markus Büchel, überreichten, verlangen sie einen Administrator – einen Vormund also. «Der Bischof dürfte weiterhin Kirchen einweihen, die Leitung aber wäre beim Administrator», erklärt Markus Arnold, ehemaliger Präsident der Zürcher Synode, die Idee.

Huonders «Sündenregister»

Bischof Vitus Huonder sorgte in den letzten Monaten mit zahlreichen Provokationen für Unmut. So legte er als einziger der Schweizer Bischöfe im Februar 2013 den Unterzeichnern der Pfarrei-Initiative nahe, ihren kirchlichen Auftrag niederzulegen.

Huonder griff auch mehrfach die staatskirchenrechtlichen Strukturen an, dahinter steckt gemäss einhelliger Meinung vor allem sein Generalvikar Martin Grichting. Dieser kämpft für eine Abschaffung der Kirchensteuern.

Im November 2013 wurde bekannt, dass Huonder mehrmals pro Jahr die Messe im alten lateinischen Ritus feiert, dabei trage er prunkvolle liturgische Kleidung. Papst Franziskus distanziert sich derweil vom lateinischen Ritus und lebt Bescheidenheit vor.

Zum Tag der Menschenrechte startete Huonder in einem Brief einen Angriff auf sexuelle Minderheiten. Anfang 2014 schlug er vor, dass wiederverheiratete Geschiedene, Menschen im Konkubinat, Homosexuelle und alle, die Verhütungsmittel verwenden, sich selber vom Abendmahl auszuschliessen und dies öffentlich zu demonstrieren haben. (mir)

Arnold will vor allem einen Bischof Martin Grichting verhindern. «Es hat sich zu Unrecht alles um Huonder gedreht», so der Theologe. Denn Grichting, heute Generalvikar des Bistums, gilt als stockkonservativer Kirchenrechtler und treibende Kraft hinter Huonders Angriffen auf Minder- und Mehrheiten. In rund drei Jahren wird der Bischof altershalber abtreten. Arnold befürchtet, dass dann Grichting auf der Dreierliste für die Nachfolge erscheinen wird. Damit wäre dieser gemäss Arnold praktisch gewählt, denn die Wahlbehörde, das Domkapitel, wird von erzkonservativen Mitgliedern dominiert: «Das Domkapitel besteht zu zwei Dritteln aus Leuten aus der Haas-Ära», so Arnold.

«Wir vertreten die Mehrheit»

Ihrem Bischof in Chur werfen die Demonstranten nicht nur vor, Gläubige auszugrenzen und die eigenen Seelsorger zu diffamieren. In der Kritik steht die Bistumsleitung auch wegen ihrer dauernden Sticheleien gegen die staatskirchenrechtlichen Strukturen. Der Luzerner Alt-Regierungsrat Anton Schwingruber warf Huonder in einer Rede vor, damit den religiösen Frieden zu gefährden. Dem Verhältnis von Kirche und Staat müssten beide Seiten Sorge tragen. Damit spielte Schwingruber auf Huonders Sympathien für die Abschaffung der Kirchensteuern an.

Schwingruber zitierte ausserdem Papst Franziskus derart oft und passend, dass man sich fragte, warum der Pontifex nicht gleich selbst unter den Demonstranten gegen Huonder weilt. Viel Applaus erntete Jacqueline Keune, eine der Initiantinnen des Protests. Sie wünsche sich eine Kirche, in der Bischöfe «leiten, ohne zu herrschen» und nicht nur wüssten, «wo im Bücherschrank das Kirchenrecht steht».

Der St. Galler Bischof Markus Büchel nahm das von allen beteiligten Vereinigungen unterzeichnete Schreiben an die Bischofskonferenz entgegen. Ausser ein paar Worthülsen, in denen er für gegenseitiges Verständnis plädierte, vermochte er keine Zeichen zu setzen.

Dass nun bald etwas passiert, damit rechnen die Organisatoren nicht. Der Vatikan wird den Protest wohl zur Kenntnis nehmen – sich aber davor hüten, direkt darauf zu reagieren. Dennoch scheinen die Teilnehmer vom Sinn ihres Protests überzeugt: «Wir vertreten hier die Mehrheit der Katholikinnen und Katholiken», sagt Kirchgemeindepräsident Geiger, «nicht die Minderheit.»