Im Gebiet hinter dem Bahnhof Oerlikon aber hat sich eine ganze Reihe von Kreativen in einem Neubau eingenistet, im Nœrd. Jetzt präsentieren sie sich der Öffentlichkeit.

Am Anfang stand aber auch hier eine ausrangierte Fabrik, nämlich die Zahnräderfabrik Maag, wo die Brüder Daniel und Markus Freitag ihre Taschen herstellten. Wegen der Neuüberbauung, zu der der spektakuläre Prime Tower gehört, mussten sie sich nach einer neuen Produktionsstätte umsehen, wie von Markus Freitag zu erfahren ist. Natürlich hätten sie sich erneut eine ausrangierte Fabrik vorgestellt, sagt er, doch dann wurden sie in Neu-Oerlikon fündig. «Immerhin handelt es sich hier um ein Gebiet, wo früher Industriebauten standen», erwähnt Freitag. «Das passt auch sehr gut zu uns.»

Die meisten dieser alten Gebäude sind zwar verschwunden, sie haben Neubauten Platz gemacht. Und dann gab es eine Parzelle, die für stark störendes Gewerbe reserviert war und sich nicht nur für Freitag, sondern auch für weitere Firmen als Produktionsstandort hervorragend eignete.

Munitionsresten und Naturschutz

Markus Freitag erinnert sich: Es war ein enorm sportliches Vorhaben, Investoren zu suchen, das Bauprojekt zu erarbeiten – Architekt ist Beat Rothen – und die Baubewilligung zu erlangen. Die Beseitigung der alten Baracken auf dem Gelände war kein Problem, aber im Boden vergraben war eine betonierte Anlage, wo die Firma Oerlikon Bührle Munition getestet hatte. Diese musste ebenfalls abgebrochen und das Areal musste dekontaminiert werden.

Doch das war nicht alles: Ursprünglich war das ganze Gelände Riedgebiet, das Stierenried lag hier, und etwas Torfland war so wertvoll, dass dieses erhalten werden musste. So ist jetzt ein schmaler Streifen hinter dem Gebäude als Sumpfland ausgeschieden. «Und auf dem Dach hegen und pflegen wir zusätzlich und ganz ohne Auflagen des Naturschutzes einige weitere Pflanzen inklusive Unkraut», fügt Freitag lachend hinzu. Tatsächlich blühen hier Königskerzen und andere Gewächse um die Wette. «Ein Blechdach wäre billiger gewesen», sagt er, doch sei es ihm und seinen Mitstreitern immer auch darum gegangen, nachhaltig zu bauen. Ökologisches Handeln ist ihnen wichtig.

Ideen kreieren und umsetzen

Freitag belegt im neuen Gebäude rund 7000 Quadratmeter Fläche. Von der Planenwäscherei über die Musterschneiderei bis zur Versandabteilung und einem kleinen Ladenlokal ist hier alles vereint, es arbeiten hier rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Verarbeitet werden gegen 400 Tonnen Blachen im Jahr, aus denen 300000 Taschen und andere Produkte entstehen, wie der Schrift «Freitag – ein Taschenbuch» zu entnehmen ist. Sie ist soeben im Rahmen einer Ausstellung im Museum für Gestaltung ediert worden.

Weil das Areal eine grössere Ausnutzung zuliess als Freitag brauchte, ging man auf die Suche nach Mitmietern. Und wurde fündig bei Aroma, einer Firma, die sich auf dreidimensionale Kommunikation spezialisiert hat. «Wir gestalten Räume», erläutert Roger Stämpfli, Creative Director bei Aroma. Schwerpunkte sind Events, Messen, Ausstellungen, aber auch Schaufenster- und Ladengestaltung. Man liefert nicht allein Ideen, sondern setzt sie auch um; im Haus befinden sich unter anderem eine Schreinerei ebenso eine Abteilung, wo sich alle möglichen Materialien bedrucken lassen. Und wenn Eisen, Kupfer oder ein anderes Metall zum Zug kommen soll, ist nebenan die Metall Werk Zürich AG, die sich für innovative Metallarbeiten empfiehlt und auch aussergewöhnliche Anliegen umsetzt, wie der Firmengründer Samuel Fausch erläutert.

Biotop auch für kleinere Betriebe

Alten Fabrikhallen abgeschaut ist die Idee, um einen Innenhof herum Räume anzuordnen, die sich jetzt für kleinere Betriebe der Kreativwirtschaft eignen. Rund zwei Dutzend sind eingezogen, sozusagen sesshaft geworden. Ein einziger, aber grosser Raum von 400 Quadratmetern ist gegenwärtig noch frei.

«Das Gewerbehaus der Kreativen», nennt sich denn auch das Haus an der Binzmühlestrasse 170. Für Markus Freitag ist wichtig, dass nicht irgendwelche Mieter einziehen, sondern dass ein Mix aus Leuten entsteht, die irgendwie zusammenpassen. «Eine einigermassen ähnliche Wellenlänge ist von Vorteil», meint er, das gebe interessante Gespräche am Mittagstisch. Dass sich mit der Zeit weitere Synergien unter den einzelnen Firmen ergeben, zu denen auch Einmann-Betriebe gehören, sei anzunehmen. Übrigens ist die Dachkantine für jedermann offen.

Warum heisst das Gebäude eigentlich «Nœrd»? Auch dazu weiss Freitag die Antwort: Zu dritt habe man mit Worten etwas herumgespielt, und aus Nord, dem Oe für Oerlikon und dem englischen Nerd für Freak entstand die neue Bezeichnung.

Und jetzt, ein gutes Jahr nach der Übernahme des Rohbaus, ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich die Firmen mit ihren insgesamt rund 300 Mitarbeitenden der Bevölkerung zeigen wollen, wer hier was tut. Tag der offenen Tore ist Samstag,2. Juni, 12 bis 18 Uhr, Treffpunkt Dachkantine.