Chilbi

Die Knabenschiessen-Chilbi findet jetzt stark verkleinert statt

Das Knabenschiessen ist zwar abgesagt, dennoch hat beim Albisgüetli in Zürich eine Chilbi im Kleinformat begonnen. Schausteller kritisieren: «Wir werden als Gefahrenzone behandelt.» Doch wie geht Chilbi in Corona-Zeiten?

Das summende Geräusch ist schon von weitem zu hören: Die Chilbi-Bahn «Disco Express» dreht gerade eine Testrunde. Auf den Festbänken beim Imbiss daneben ist jeweils der mittlere Sitzplatz mit Klebeband als gesperrt markiert. Das Skelett der Geisterbahn kippt in regelmässigen Abständen aus dem hochkant aufgestellten Sarg – und wieder zurück.

Es ist Chilbi-Zeit. Doch viele Chilbis finden wegen der Coronakrise nicht statt. Lange sah es so aus, als gelte dies auch für die Knabenschiessen-Chilbi, eine der grössten des Landes. Die Schützengesellschaft der Stadt Zürich hatte das Schützenfest wegen Corona bereits im Juni abgesagt. Doch nun findet die Chilbi trotzdem statt, wenn auch in einer stark verkleinerten Version: Es gibt fünf grössere und einige kleinere Bahnen, dazu Spielbuden und Imbissstände. Maximal 1000 Personen dürfen gleichzeitig auf dem Chilbiareal sein, wie Veranstalter Peter Howald erklärt. Der kontrollierte Eingang erfolge über einen vorgelagerten Marktplatz: «Dort können die Leute warten, wenn schon mehr als 1000 auf dem Chilbiareal sind.»

Normalerweise dauert die Knabenschiessen-Chilbi drei Tage, und es kommen insgesamt mehrere hunderttausend Menschen. Doch diesmal ist fast alles anders: Zwar ist die Chilbi beim Albisgüetli viel kleiner als sonst; doch dafür erstreckt sie sich nun bis 13. September über drei Wochenenden und ist jeweils ab 13 Uhr von Donnerstag bis Sonntag geöffnet. Abends schliesst sie dafür schon um 20 Uhr, freitags und samstags um 21 Uhr. Die Stadt Zürich kommt den Veranstaltern entgegen, indem sie auf Platzgebühren verzichtet. Weitere Chilbis im Raum Zürich bauen nun auf diesem Modell auf.  

«Die Schausteller waren seit Monaten ohne Einnahmen»

Dass die Chilbi in dieser Form überhaupt stattfinden kann, dafür hat Peter Howald sich zusammen mit Charles Senn eingesetzt. Howald präsidiert den Schaustellerverband Schweiz, Senn die Vereinigten Schaustellerverbände Schweiz. «Wir mussten etwas tun. Die Schausteller waren seit Monaten ohne Einnahmen», sagt Howald, der seit Jahrzehnten beim Knabenschiessen dabei ist.

Die Coronakrise hat die Branche hart getroffen: Während die Einnahmen auch nach dem Lockdown ausblieben, liefen die Fixkosten, etwa für Lagerhallen und Versicherungen, weiter.

Einer der Schausteller, die nun beim Albisgüetli erstmals wieder ihren Stand aufgebaut haben, ist Kay Spengler. Er betreibt einen Stand, an dem man Gummienten fischen sowie Plüschtiere und dergleichen gewinnen kann. «Seit November hatte ich keine Einnahmen», sagt der Familienvater. «Das bisschen Veranstaltungsverbotsersatz, das ich vom Staat bekomme, reicht gerade mal für die Miete.» Kürzlich war er an der Schausteller-Demonstration auf dem Bundesplatz. Mehrere hundert Schausteller demonstrierten für mehr Krisenhilfe. «Frau Sommaruga fand es nicht mal nötig, sich zu zeigen.» sagt Spengler. «Nun zeigen wir: Wir sind noch da. Es ist ein Versuch. Mals sehen, was dabei rauskommt.»

Ein paar Schritte weiter hat Reto Büttiker mit dem «Phönix» die grösste Bahn der diesjährigen Knabenschiessen-Chilbi aufgestellt. «Seit dem Lockdown brach für uns eine Welt zusammen», sagt er. Jedes Wochenende wäre er für eine Veranstaltung gebucht gewesen. Doch während die restliche Wirtschaft allmählich wieder in Gang kam, gab es für die Schausteller keine Veranstaltungen mehr. «Wir werden als Gefahrenzone behandelt», sagt Büttiker. Wenn er sehe, was in den Clubs und Bars laufe, sei das nicht fair.

Beim Eingang zum «Phönix» sind Abstandslinien auf den Boden geklebt. Das Personal trage während der Chilbi Masken. Und für die Besucher stehe Desinfektionsmittel bereit. «Wir sind für Sicherheit. Es soll niemand erkranken oder sterben», sagt Büttiker. «Aber wir dürfen auch nicht sterben. Schliesslich sind wir das älteste Gewerbe – nebst der Prostitution.»

Momentan ist die verkleinerte Knabenschiessen-Chilbi nebst der ebenfalls stark reduzierten Wädenswiler Chilbi die einzige im Raum Zürich, die stattfindet. Doch Howald hofft, dass noch mehr zustande kommt. Er sei in Verhandlungen mit Wetzikon, Thalwil,  Siebnen, Einsiedeln und Chur. Die Verhandlungen erwiesen sich teilweise als erfolgreich, wie er zwei Wochen später im Interview sagt. Dennoch meint er: «So, wie es war, wird es wohl nicht mehr werden.»

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