Kultur
Die kleinen Bühnen tragen zur Vielfalt bei: «Geld allein macht kein gutes Theater»

Die neue Saison beweist auch dank kleinen Häusern, wie vielfältig die Zürcher Theaterszene ist.

Daniel Diriwächter
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Zürich ist eine Theaterstadt – das verkündet nicht nur die Stadt selbst; dass weiss auch das Publikum, das nun, wenn die neue Saison beginnt, jeden Abend die Qual der Wahl hat, welche Aufführung man besuchen könnte. Die Gunst der Zuschauer ist begehrt: Opern- und Schauspielhaus starten mit grossen Eröffnungsfesten sowie aufwendigen Premieren in die neue Spielzeit; mittelgrosse Bühnen schmieden Allianzen, um die Auslastung zu steigern. Und schliesslich verfügt die Limmatstadt auch über Häuser, die weniger als 100 Plätze anbieten. Auch sie sind bereit für die neue Saison – höchst lebendig und überaus vielfältig.

Mit Zuversicht in die neue Spielzeit

«Ein klares Profil ist wichtig für den Erfolg», sagt Peter Brunner, Leiter des sogar Theaters, das letzten Donnerstag die 19. Spielzeit mit dem Glauser Quintett einläutete. Das «sogar» an der Josefstrasse gilt als literarisches Kleintheater und Brunner, einst Buchhändler, will mittels Sprache die bescheidenen Raumverhältnisse sprengen. Erzähltheater-Abende, szenische Lesungen oder literarische Konzerte werden sehr geschätzt: «Bei uns weiss man, was man bekommt», erklärt Brunner, der im letzten Jahr eine Auslastung von über 80 Prozent vorweisen konnte. Er ist überzeugt, dass der neue Spielplan ebenso ein Erfolg wird.

Auch im Theater Winkelwiese herrscht Optimismus. Leiter Manuel Bürgin und sein Team sind seit einem Jahr am Start. «Wir haben verschiedene Formen des Theaters ausprobiert und konnten die neue Spielzeit aufgrund der Erfahrungen entsprechend gestalten», sagt Denise Rickenbacher, Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit und Dramaturgie. Der Schwerpunkt der Produktionen liegt in der zeitgenössische Dramatik – im kleinen Rahmen: Der Theatersaal, ein unverwechselbares Kellergewölbe, fasst rund 50 Zuschauer, je nach Bestuhlung. Zu erleben ist er ab dem 30. September mit der theatralen Installation «Hausbruch. Eine Pandemie».

Ganz in der Nähe der Winkelwiese liegt der Keller 62, das Theater mit Schwergewicht auf Erzähltheater und Kleinformen. Leiter Lubosch Held spricht von einem romantischen Ort, dessen Intimität sehr geschätzt wird – 49 Sitzplätze sind nur 50 Zentimeter von der Bühne entfernt. «Bei uns kann man sich vorher und nachher begegnen», so Held, der den Betrieb seit 1999 im Alleingang führt. Die freie Szene findet dort jene Bretter, die die Welt bedeuten. Held produziert aber auch Eigenproduktionen: Sein Stück «Restart» feiert am 15. Dezember Premiere und bietet einen ironischen Blick auf zwei Frauenleben in Zürich.

Von Kindern bis zu Klassikern

Der Keller 62, die Winkelwiese oder das sogar Theater erhalten für ihre Arbeit auch Subventionen, denn viele der kleinen Bühnen könnten sonst nicht überleben. «Natürlich wünsche ich mir manchmal ein paar Franken mehr, aber ich will nicht jammern. Immerhin befinden wir uns in einem Land, wo Kultur noch möglich ist», so Held. In diese Kerbe schlägt auch Helmut Pogerth, Leiter des Theaters Stadelhofen: «Geld allein macht kein gutes Theater.» Auch seine Bühne erhält Subventionen und überzeugt mit modernem Figurentheater in all seinen Facetten. Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden gleichermassen angesprochen. «Das Zusammenspiel des Figurentheaters mit anderen Künsten, insbesondere der Musik, aber auch die Grenzbereiche zu Schauspiel, Tanz und bildender Kunst, hat uns immer interessiert», so Pogerth. Er startet die Saison mit dem Grimm-Märchen «Siebe Geisse und zwei Wölf», das in Mundart vom Figurentheater «Hand im Glück» aufgeführt wird.

Ohne Finanzspritze kommt die Bühne S aus. Theaterleiter Ueli Bachmann mietet den Raum, der im Bahnhof Stadelhofen integriert ist, seit 1998 bei den SBB zu günstigen Konditionen. Allerdings steckte er viel Zeit und Geld in den Ausbau. «Wir kreieren hier anspruchsvolles Laientheater», sagt Bachmann, der hauptberuflich den Bereich Deutsch als Fremdsprache am Sprachenzentrum der Universität Zürich leitet. Einmal im Jahr präsentiert er mit seinem Ensemble eine neue Produktion; die Leidenschaft gilt den Klassikern: Die Proben für Georg Büchners «Leonce und Lena» haben bereits begonnen, die Premiere findet nächsten März statt. Ansonsten wird die Bühne an sorgfältig ausgewählte Theatergruppen vermietet.

Die hier genannten Theater fanden ihre Nische in der hiesigen Kulturlandschaft und sind bestrebt, ihr Publikum zu begeistern und neue Zuschauer zu erobern. Damit sind sie nicht alleine, denn Zürich bietet weitere Bühnen der Kleinkunst, wie etwa das neue ComedyHaus oder das renommierte Theater Stok, um nur zwei weitere zu nennen. Für sie alle geht in diesen Tagen der Vorhang auf.