Noch ist die Rautistrasse 114 in Zürich Altstetten ein Idyll: Ein zweigeschossiges Wohnhaus steht in einem 1100 Quadratmeter grossen baumbestandenen Grundstück, im Garten vor dem Balkon blüht eine Magnolie. Die fünfköpfige WG, die dort wohnt, wird diesen Luxus schätzen. In Zeiten der baulichen Verdichtung sind solche Liegenschaften zu bezahlbaren Mieten kaum mehr zu finden. Auch dieses kleine Paradies könnte bald verschwinden. Der Grund: Die reformierte Kirchgemeinde Zürich Altstetten, der die Liegenschaft gehört, fusioniert 2019 mit den 33 anderen städtischen Gemeinden in Zürich. Und die Zentralkirchenpflege (ZKP) hat mit den Immobilien Grosses vor.

Letzte Woche genehmigten die Delegierten der Zürcher Kirchgemeinden nämlich ein neues Leitbild, das für der Immobilienpolitik der Kirche einen radikalen Wandel bedeutet. Die rund 200 Liegenschaften der einzelnen Kirchgemeinden werden demnach künftig zentral verwaltet und bewirtschaftet. Dabei unterscheidet die Zentralkirchenpflege zwischen Betriebsimmobilien, die der Erfüllung kirchlicher Aufgaben dienen, und Anlagenimmobilien, die nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt und bewirtschaftet werden.

Erstere müssen keine finanziellen Erträge generieren, sondern werden von den neu zu bildenden Kirchenkreisen zur Kostenmiete von der Kirchgemeinde Stadt Zürich gemietet. Einzelne Räume können jedoch in nicht genutzten Phasen an Vereine und andere Dritte weitervermietet werden. Die Anlagenimmobilien hingegen sollen künftig laut Leitbild zu «ortsgerechten Marktpreisen» angeboten werden und Rendite abwerfen. Dieser Punkt sei intern kontrovers diskutiert worden, sagt Markus Willy, Bereichsleiter Liegenschaften des Zürcher Stadtverbands der reformierten Kirche: «Viele setzen ‹Marktpreis› mit dem Höchstpreis gleich. Gemeint ist damit aber jenes Preissegment, in welchem die meisten vergleichbaren Angebote auf die grösste Nachfrage treffen.»

Zwei Drittel weniger Mitglieder

Die reformierten Kirchgemeinden der Stadt Zürich haben im Laufe der Jahrhunderte Immobilien für den Bedarf von 270 000 Mitgliedern angehäuft. Doch in den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der eingetragenen Mitglieder auf gegenwärtig gut 87 000 Personen gesunken. Das führte dazu, dass die Immobilien zuletzt gar jährliche Defizite von rund 10 Millionen Franken generierten.

Einen Teil dieser Immobilien will die Zentralkirchenpflege mit Bauprojekten rentabler machen: «Gerade Pfarrhäuser haben teilweise grosse Grundstücke und damit Entwicklungspotenzial», sagt Willy. Als Beispiel nennt er das eingangs erwähnte Gebäude an der Rautistrasse. Solche Häuser könnten, wenn sie etwa eine schlechte Bausubstanz aufweisen, künftig abgerissen und das Land dichter bebaut werden, erklärt Willy: «Das sind wir der Stadt, die den haushälterischen Umgang mit Landreserven längst zur Maxime erklärt hat, auch schuldig.» Zudem hält er es auch für möglich, dass einzelne Immobilien für öffentliche Nutzungen im Stile der Kapelle Helferei im Niederdorf angeboten werden.

Eigene Verwaltung lohnt sich

Klar verworfen hat die vorbereitende Arbeitsgruppe der ZKP die Idee, die Liegenschaftenverwaltung an eine rechtlich unabhängige Trägerschaft – etwa eine neu zu gründende Stiftung – zu vergeben. Dies, um Doppelspurigkeiten zu verhindern und Abläufe und Prozesse nicht rechtlich zu verkomplizieren. «Mit 200 Liegenschaften hat das Portfolio zudem die kritische Grösse, sodass sich der Aufbau einer eigenen zentralen Verwaltung lohnt», sagt Liegenschaftsleiter Willy.

Derzeit erheben drei der zehn Kirchenkreise in einem Pilotprojekt ihren Raumbedarf. Bis Ende Jahr hofft die Zentralkirchenpflege, das Kirchenraum-Programm für sämtliche Kirchenkreise fertigstellen zu können. Mithilfe interner Fachleute wird dann festgelegt, welche Räume für den Betrieb wirklich genutzt werden und welche fremdvermietet oder gar baulich entwickelt werden sollen. Spätestens dann wird sich also zeigen, ob auch das Idyll an der Rautistrasse in Altstetten einer Überbauung weichen muss, die mehr Menschen Obdach bietet als das zweigeschossige Wohnhaus.