Seit Zwinglis Zeiten hat im Pfarrhaus Schlatt ein reformierter Pfarrer gewohnt. 1531 ist der pfarrherrliche Wohnsitz erstmals urkundlich erwähnt. Das Haus, 1583 vom Ritterturm zum Wohnhaus umgebaut, ist eine steingewordene Zürcher Kirchentradition. Majestätisch thront es auf dem Kirchhügel über Unterschlatt. Ein Anklang ans Kirchenlied: Ein feste Burg ist unser Gott.

Nach 484 Jahren ist es jetzt aus mit der Pfarrtradition. Die Kirchgemeinde sucht im Internet einen Mieter für das Pfarrhaus. Beim ersten Besichtigungstermin am vergangenen Wochenende kamen die Menschen zwar nicht in Scharen, aber einige Interessenten vermochte das untypische Angebot anzulocken. «Die Nähe der Kirche zu den Gemeindemitgliedern ist nicht zwingend abhängig vom Wohnsitz des Pfarrers», sagt Kirchenpflegepräsidentin Verena Wüthrich. Im Moment ist in Schlatt die Pfarrstelle vakant. Ein Pfarrvertreter ist im Einsatz, der in Stallikon wohnt, hinter dem Üetliberg. «Trotzdem ist er voll da und gut erreichbar.»

Tabubruch für die Kirche

Für die reformierte Kirche des Kantons Zürich ist die Abkehr vom Prinzip des Gemeindepfarrers ein Tabubruch. «Die Pfarrerinnen und Pfarrer vor Ort tragen wesentlich dazu bei, dass die Kirche nach wie vor nahe bei den Menschen ist», sagt Nicolas Mori, Sprecher der kantonalen Kirche.

Dass in jeder Gemeinde eine Pfarrerin oder ein Pfarrer wohnen soll, ist nicht nur in der Kirchenordnung explizit vorgeschrieben. Der Dorfpfarrer ist auch ein Stück Kulturgeschichte: In vielen Krimis und Romanen gehört er zum Standardpersonal. Manchmal in Hauptrollen wie in Agatha Christies «Mord im Pfarrhaus» oder C. F. Meyers «Schuss von der Kanzel», viel häufiger in Nebenrollen, bis heute in modernen Fernsehserien. Eine Institution, wie Dorfladen, Dorfpost oder Dorfbeiz – und nun vielleicht mit demselben Schicksal?

Die Kirchgemeinde Schlatt hat das im Unterhalt teure Pfarrhaus 2010 halbfreiwillig vom Kanton übernommen. Dass sie es nun vermieten will, hängt mit der Reform «Kirchgemeinde Plus» zusammen. Die Zahl der reformierten Gemeinden im Kanton Zürich soll bis 2020 von heute über 170 auf rund 50 reduziert werden. Gleichzeitig wird die Sparschraube angezogen. In Schlatt mit rund 720 Einwohnern – davon gut 420 Reformierte – setzte die Kantonalkirche das Pfarrpensum von 70 auf 60 Prozent hinunter. Die Gemeinde probt bereits die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden Elgg und Elsau, weitere Schritte sind geplant.

Moderne Pfarrer

«In dieser Situation ist es schwierig, für die Stelle hier eine neue Pfarrperson zu finden», sagt Verena Wüthrich. «Wir können keine Sicherheiten bieten.» Kommt hinzu, dass viele moderne Pfarrleute das Konzept des Dorfpfarrers – immer erreichbar und voll im Dorfleben – ohnehin nicht mehr leben wollen.

Wichtiger als ein Pfarrer im Pfarrhaus ist der Schlatter Gemeinde ein lebendiges Pfarrhaus. Im Dorf gibt es keinen Kirchgemeindesaal. Anlässe, Konfirmandenunterricht und Sitzungen der Kirchenpflege finden in Esszimmer und Stube des Pfarrhauses statt. Seit der letzte Dorfpfarrer im Frühling eine neue Stelle in Zürich angetreten hat, nutzt die Gemeinde das Pfarrhaus vermehrt für sich selber. «Die Gemeinde hat das Haus in Besitz genommen», sagt Verena Wüthrich.

Das soll auch nach der Vermietung so bleiben: «Drei Räume des Pfarrhauses werden durch die Kirchgemeinde genutzt», heisst es im Onlineinserat. Und weiter: «Verbunden mit der Miete ist zwingend ein Engagement in der Kirchgemeinde, das separat entschädigt wird.» 800 bis 1000 Franken (bei 3600 Franken Monatsmiete) will die Gemeinde dafür zahlen, dass die Mieter beispielsweise am Sonntag beim «Chilekafi» mithelfen und tolerieren, dass Konfirmanden die Holztreppe hoch und an der Küche vorbei zum Unterricht poltern. Abtrennen lassen sich die Gemeinderäume im denkmalgeschützten Haus nicht. «Wir sind uns bewusst, dass es ein kontroverses Konzept ist», sagt Verena Wüthrich. Trotzdem ist sie zuversichtlich: «Die Kirche muss auch einmal etwas wagen.»