Es grenzt an ein Wunder, dass bislang noch keiner von ihnen ernsthaft havariert ist.

Die Rede ist vom Frauenbad am Stadthausquai, einem Zürcher Unikum, das gestern ein Jubiläum begangen hat: den Auftakt in den 125. Sommer. Das Bad, das für Männer tagsüber tabu ist, ist in der Stadt das letzte seiner Art. Dank des orientalisch anmutenden weissen Holzbaus in der Limmat, im Herzen der Stadt, gilt es als eines der schönsten Bäder der Schweiz.

Balzrituale mit anderen Mitteln

Was weniger bekannt ist: Mitte der Siebzigerjahre war es das erste Zürcher Bad, das es Frauen offiziell erlaubte, oben ohne zu baden. Das damalige Kalkül des städtischen Gesundheitsinspektorats: Solange unverhüllte Brüste gut abgeschirmt blieben vor männlichen Blicken, waren keine Beschwerden wegen Verstössen gegen das sittliche Empfinden zu befürchten.

Das Bad besteht aber nicht nur aus dem allseits geschlossenen Kastenbau, es verfügt zur Flussseite hin zusätzlich auch über ein Aussenbecken samt Liegerost. Ursprünglich war dieser Bereich für den Schulschwimmbetrieb gedacht.

Heute ist das anders. Weil die Frauenbadi an schönen Tagen förmlich überrannt wird von Besucherinnen, die am liebsten unbegafft an ihrer nahtlosen Bräune arbeiten möchten, müssen manche von ihnen wohl oder übel nach draussen ausweichen.

Dorthin also, wo in wenigen Metern Entfernung nicht nur Limmatschiffe voller Kamera-bewehrter Touristen vorbeifahren, sondern auch all jene Freizeitkapitäne, die ihre Bootsplätze an den umliegenden Stegen haben.

Je nach Verhalten unterscheiden regelmässige Badibesucherinnen drei Typen: Den Testosteronbolzen, der beim Passieren der Badi den Motor aufheulen lässt, sodass sich sein Schiff im Wasser aufrichtet – eine Art Fortsetzung archaischen Balzverhaltens mit anderen Mitteln.

Das Stielauge, das sich ganz der Kontemplation hingibt und das Steuern des Bootes seinen anderen vier Sinnen überlässt. Und schliesslich den Kämpfer, der seine niederen Instinkte ehern unterdrückt und geradeaus auf den Fluss starrt – bis er sich in letzter Sekunde dann doch noch einen verstohlenen Blick gönnt.

Eine ähnliche Typologie liesse sich sicher auch für jene Herren erstellen, die auf der anderen Seite des Stadthausquais im noblen Geschäftshaus Metropol arbeiten. Gerüchtehalber sind dort jene Büros besonders begehrt, von denen man direkt hinab ins Bad sieht.

Wie dem auch sei: Das männliche Interesse am Geschehen in der Frauenbadi läuft auf verquere Art dem Interesse der Frauen zuwider, dort in Ruhe gelassen zu werden. Denn nichts anderes wollen sie.

Regelmässige Besucherinnen schwärmen vom Bad als einer friedvollen Oase, wo sie sich endlich mal unbeobachtet fühlten. Selten erlebe man Frauen so entspannt wie dort – ganz egal, ob sie eine perfekte Figur hätten oder halt nicht. Keine fühle sich dort gezwungen, nach dem Essen den Bauch einzuziehen.

Die Idee kam von den Männern

Schon als 1837 der erste Vorgängerbau der Frauenbadi gebaut wurde, ging es darum, die «Frauenzimmer» vor neugierigen Blicken zu schützen. Damals geschah dies allerdings auf Initiative der Männer und aus ganz anderen Gründen: Der Zeitgeist verlangte nach mehr Körperhygiene, und in den Zürcher Häusern gab es kein fliessendes Wasser.

Deshalb sah sich der Stadtrat veranlasst, das bis dahin geltende Badeverbot für Frauen aufzuheben.

Noch heute ist die Frauenbadi auch ein Rückzugsort für Frauen, die nach strengen Sittlichkeitsvorschriften leben. Etwa für orthodoxe Jüdinnen, die sich dort ihrer Haarteile entledigen dürfen, oder für Touristinnen aus dem arabischen Raum.

Denn auch das Personal ist strikte weiblich – anders als in jenem Basler Frauenbad, wo ein männlicher Bademeister vor ein paar Jahren zum Politikum wurde. Erst am Abend, wenn sich die Zürcher Frauenbadi jeweils in die romantische Barfussbar verwandelt, sind Männer zugelassen.