Regula Esposito
Die Kabarettistin über ihre Figur Helga Schneider: «Sie braucht Reibungsfläche und Drama»

Zum Weltlachtag am Samstag erzählt die Kabarettistin Regula Esposito, wie sie seit über 30 Jahren auch an schlechten Tagen ihr Publikum zum Lachen bringt und dabei von ihrem Alltag Abstand gewinnt.

Lina Giusto
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Die Kabarettistin Regula Esposito steht seit über 30 Jahren auf der Bühne und wünscht sich, dort alt zu werden.

Die Kabarettistin Regula Esposito steht seit über 30 Jahren auf der Bühne und wünscht sich, dort alt zu werden.

Sandra Ardizzone

Frau Esposito, Sie wählten vor über 30 Jahren die Bühne, weil Sie unabhängig sein wollten. Sind Sie das?

Regula Esposito: Mir ist Emanzipation sehr wichtig. Ich bin zwar nicht politisch aktiv oder laufe mit dem Zeigefinger auf Leute gerichtet durch die Welt. Ich bin eine emanzipierte Frau, die allerdings auch gerne mal die männliche Schulter zum Anlehnen sucht und eine verletzliche Seite hat. Schon in meinen Jugendjahren war es mir ein Anliegen, dass wir Frauen uns den Männern gegenüber gleichwertig fühlen. Es geht mir dabei um die gleiche Augenhöhe. Einerseits will ich von meinem Umfeld ebenbürtig behandelt werden. Andererseits muss man als Frau einen bewussten Schritt in diese Richtung machen. Mein Lebensplan bestand nie daraus zu heiraten und die Hausfrauenrolle zu übernehmen.

Haben Sie diese Augenhöhe erreicht?

In meinem privaten wie auch professionellen Umfeld fühle ich mich absolut gleichberechtigt. Schaue ich mir aber gewisse gesellschaftliche Strukturen an, oder öffne das grosse Fenster in die Welt, stelle ich mir schon ab und zu die Frage, ob wir denn noch im Mittelalter sind.

Was meinen Sie mit der Aussage, die Frau müsse einen Schritt in Richtung Gleichberechtigung machen?

In unserer Gesellschaft existiert nach wie vor eine konservative Rollenverteilung. Ich selber wurde auch so erzogen: meine Mutter war Hausfrau, mein Vater war der Chef in der Familie. Ich kenne diese Familienstrukturen aus den 60er-Jahren. Aber nur weil man etwas kennt, muss man es nicht unhinterfragt übernehmen. Da müssen sich Frauen selber an der Nase nehmen und sich nicht blindlings an den Tschopenzipfel eines Mannes hängen. Ich mag es nicht, wenn beispielsweise Frauen erwarten, dass der Mann im Restaurant bezahlt. Ich durchbreche solche Arche-typen gerne.

Und wie?

Ich hatte sehr konservative Lehrer damals im Schulhaus Hirschengraben. Den wohl grössten Eklat gab es aber in der Kirche bei meiner Konfirmation. Dazu gehörte eben auch, dass man sich neue, schöne Kleider kaufen durfte. Ich ging also in die Stadt und kam mit einer tollen Schlaghose, einer Bluse und passendem Pullunder zurück. Ich kann ihnen sagen, ich sah super aus. Nur als ich die Kirche zusammen mit meinen Eltern betrat, flippte der Pfarrer aus. Dass ich als Frau eine Hose trug, empfand er als Affront. Zwischen ihm und meinem Vater sind dann die Fetzen geflogen. Aber mit Erfolg. So war ich also in den 70er-Jahren die erste Frau, die in Hosen gekleidet, in der Predigerkirche in Zürich, konfirmiert wurde.

Zur Person Regula Esposito

Seit über 30 Jahren steht die 51-jährige italienischstämmige Zürcherin auf der Bühne. Während 18 Jahren tourte sie mit der Kabarettgruppe Acapickels durch die ganze Schweiz. Nach der Auflösung der Gruppe 2010 startete sie mit ihrem Soloprojekt Helga Schneider. Seit 2016 ist sie mit ihrem dritten Solo-Programm «SuperH3LG@» unterwegs, bei dem sich alles um den Alltag im digitalen Zeitalter dreht.

Ihre Figur Helga Schneider ist als verletzliche Plaudertasche bekannt. Steht sie nicht im Widerspruch zu Ihnen?

Die Helga Schneider ist sicher nicht gleich emanzipiert, wie ich als Regula Esposito, die dahinter steht. Das darf sie auch nicht sein. Helga braucht Reibungsfläche und Drama. Sie ist in ihrem Alltag laufend überfordert. Sie muss scheitern und bei gewissen Themen auch auflaufen. Und das tut sie gerade beim Thema Mann und der Emanzipation. Damit eine solche Kunstfigur überhaupt funktionieren kann, darf sie nicht zu intelligent, nicht zu emanzipiert und nicht zu politisch belesen sein. Die hausbackene Schildbürgerlogik ist Teil dieses humoristischen Spiels.

Gibt es Parallelen zwischen Ihnen und Helga Schneider?

Garantiert. Nur glaube ich, ist sie tatsächlich mehr Mittel zum Zweck. Helga Schneider spiegelt den Alltag, sie überzeichnet den Ist-Zustand der Gesellschaft. Die Zuschauer sollen sich in der Helga Schneider wieder erkennen. Deswegen ist sie als künstlerisches Werkzeug sinnbildlich für die kleine Frau oder den kleinen Mann. Damit das aber gelingt, muss ich mit Emotionen arbeiten. Es ist einfach eine Kunstform.

Ihr Beruf ist es, Menschen zum Lachen zu bringen. Wie machen Sie das, wenn sie einen schlechten Tag haben?

Wenn es um die Bühne geht, bin ich ein Profi. Ich mache das nun seit mehr als 30 Jahren. Dazu gehört an einem Abend zweieinhalb Stunden auf der Bühne zu stehen und mein Programm zu spielen. Dann muss der Alltag ein Stück weit in der Garderobe bleiben. Solche «bad-hair-days» hat jeder und geht trotzdem zur Arbeit. Dann gibt es nur eines: Grind abe und dure.

Ist das nicht anstrengend?

Natürlich. Andererseits würden mich meine Alltagssorgen auf der Bühne in meiner Konzentration gewaltig stören. Auftritte sind an solchen Tagen auch ein Segen. Während meiner Show vergesse ich alles andere und kann dabei abschalten.

«Die Helga Schneider ist sicher nicht gleich emanzipiert wie ich als Regula Esposito, die dahinter steht. Das darf sie auch nicht sein.» Regula Esposito Kabarettistin

«Die Helga Schneider ist sicher nicht gleich emanzipiert wie ich als Regula Esposito, die dahinter steht. Das darf sie auch nicht sein.» Regula Esposito Kabarettistin

Zur Verfügung gestellt

Das würden die meisten Vorgesetzten wohl gerne hören.

Auf der Bühne befinde ich mich als Helga Schneider in einem energetischen Pingpong mit dem Publikum. Das klingt jetzt etwas esoterisch. Aber wenn ich es schaffe die Leute zu knacken, dann kommt eine riesige Energie aus dem Publikum zu mir auf die Bühne zurück.

Sie suchen den Kick?

Mehr als das. Zwischen mir und dem Publikum herrscht immer eine spezielle Chemie. Aber sie ist jeden Abend anders. Ich spüre in den ersten zwei Minuten, wohin die Reise geht. Für mich ist ein Auftritt ähnlich wie auf einem Surfbrett zu stehen. Das Publikum ist eine bewegliche Masse. Die gilt es zu spüren und mit ihr mitzugehen. Wir schaukeln uns dann über den Abend hinweg gegenseitig hoch.

Wellen können gefährlich sein. Wurden Sie schon mal überrollt?

Nein, nicht wirklich. Meine Präsenz auf der Bühne darf nie unter ein bestimmtes Qualitätsniveau fallen. Jedes Wort ist niedergeschrieben und durchgeplant. Es ist wichtig zu wissen, was eine Show auslösen kann. Natürlich gibt es Abende, da springt der Funke einfach nicht auf das Publikum über. Da kann ich alles versuchen und komme trotzdem nicht in die Gänge. An solchen Abenden gehe ich mit vielen Zweifeln nach Hause und muss noch einmal die ganze Show mit meinem Team analysieren. Aber: man muss auch die Grösse haben zu scheitern. Nur dann kann der nächste Auftritt wieder besser werden.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie sich in Helga Schneider verwandeln?

Ich würde sagen, bei mir ist alles verkehrt. Wenn andere zur Arbeit gehen, beginnt mein sinnlicher Morgen. Das ist mein eigentlicher Feierabend. Ich wache gerne langsam auf. Ich trinke sehr gemütlich mal zuerst einen Kaffee. Am liebsten nehme ich dann ein Bad, lese ein bisschen die Zeitung und gehe mental meinen Tag durch. Vor speziellen Auftritten gehe noch einmal meinen Text durch. Danach folgt die morgendliche Entfaltung, damit alles sitzt und aussieht, wie es muss. Wenn andere Feierabend machen, beginnt mein Arbeitstag.

Wo bleibt da das Privatleben?

Ich bin als Künstlerin tagsüber natürlich sehr flexibel. Wenn ich eine Woche lang jeden Abend einen Auftritt habe, folgen danach einige freie Tage. Dann finde ich Zeit Wäsche zu waschen, meine Eltern zu besuchen und das zu tun, was alle machen. Zudem spielt sich ein grosser Teil meines Privatlebens in meinem beruflichen Umfeld ab.

Funktioniert diese Vermischung gut?

Ich muss sagen, der Kunstszene funktioniert heute gemeinschaftlicher wie früher. Damals war der Futterneid viel grösser. Die Kunstszene ist in den letzten 20 Jahren aber auch farbiger geworden. Mittlerweile gibt es die Slam-Poeten, es gibt den Theatersport, Satire, Komödien, Social-Media-Stars. Dank den Sozialen Medien sind wir Künstler untereinander besser vernetzt.

Was machen Sie, wenn niemand mehr mit und über Helga Schneider lacht?

Dann ist es Zeit aufzuhören.

Das sagen Sie jetzt so einfach.

Ich glaube, jeder Künstler befasst sich mit der Frage, wann es Zeit ist aufzuhören. Ich kann einfach nur hoffen, dass ich spüre, wenn Helga Schneider nicht mehr funktioniert.

Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?

Privat finde ich das Altwerden schon etwas schwierig. Der Körper verändert sich, man bekommt Falten, die Pensionskasse wird ein wichtiges Thema. Mit all dem muss man irgendwie zurechtkommen. Aber auf der Bühne – und das sehe ich auch bei meinen Kollegen – bekommt man mit dem Alter viel mehr Charakter. Ich freue mich riesig auf das Altwerden im Theater. Ich hoffe, noch mit weit über 70 auf der Bühne stehen zu können. Das funktioniert aber nur, wenn ich selber neugierig und aktiv bleibe. Es kommt eben darauf an, wie jung man sich fühlt.

Das ist mal ein Steilpass. Wie alt fühlen Sie sich denn?

Das ist eben das Problem. Da gibt es Tage, da fühle ich mich beim Aufstehen sicher 10 Jahre älter als ich tatsächlich bin. Innerlich dagegen fühle ich mich deutlich jünger. Ich erschrecke regelmässig, wenn ich sage, ich werde bald 52 Jahre alt. Eigentlich bin ich eher 45.

Sie strahlen schon während dem ganzen Gespräch. Sie lieben Ihren Beruf.

Das tue ich. Es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich Menschen zum Lachen bringen und sie nach meinem Auftritt zufrieden nach Hause gehen. Ich selber gehe deshalb so gerne ins Theater oder an Konzerte, weil mich die Unterhaltung inspiriert und aus dem Alltag herausholt.

Obwohl Sie sich auf das Älterwerden freuen, haben Sie noch Träume?

Meinen privaten Traum behalte ich für mich. Beruflich würde ich wahnsinnig gerne einmal einen Film drehen. Ich könnte mir vorstellen, beim «Bestatter» eine Leiche zu spielen. Das Filmgenre wäre das i-Tüpfelchen meiner Karriere.