Agnes Guler spricht ruhig und bedacht, überlegt meistens lange, bevor sie antwortet. Nur einmal sagt die 92-Jährige wie aus der Pistole geschossen: «Also, das muss ich jetzt loswerden.» Etwas rege sie auf an den jüngeren Frauengenerationen: «Alles, das wir damals nicht hatten, halten sie für selbstverständlich.

Es ist für sie eine Selbstverständlichkeit, dass sie stimmen gehen können, dass ihre Löhne heute näher bei denen ihrer männlichen Kollegen sind, dass es Mutterschaftsurlaub gibt, das Recht auf Abtreibung. Das sind alles Sachen, um die wir kämpfen mussten», sagt Guler; und die Verständnislosigkeit ist ihr dabei ins Gesicht geschrieben.

«Das stört mich manchmal an der heutigen Generation», schiebt sie nach, fast entschuldigend, «das fehlende Geschichtsbewusstsein» – das fehlende Bewusstsein überhaupt.

Man muss es wohl selbst gewesen sein, eine Bürgerin zweiter Klasse, ihn selbst erlebt haben, den Moment, in dem man das erste Mal seine Stimme in eine Urne werfen durfte.

Guler war 47 Jahre alt, als er bei ihr gekommen war; fast 20 Jahre lang hatte sie sich zuvor schon aktiv für das Frauenstimmrecht eingesetzt. «Das war ein hehres Gefühl», erinnert sie sich. Keine einzige Abstimmung oder Wahl hat sie seither verpasst.

Für Frauen gabs 20 Rappen Lohn

Für Guler ging der Stimmrechtskampf damals mit dem Einleben in eine neue Stadt einher. 1953 war sie mit ihrem Mann und ihren drei kleinen Mädchen von Sils im Domleschg nach Zürich gezogen, in den Kreis 10, wo sie heute noch lebt.

Im Wohnzimmer hängen Bilder vom Bündnerland an der Wand, gegenüber ein Foto des «Marsches auf Bern». Auch sie war dabei, als im Juni 1952 Textilarbeiterinnen und -arbeiter vor dem Bundeshaus gegen Massenentlassungen protestierten.

Ihr Mann, der einen mehrmonatigen Streik in der Silser Wolldeckenfabrik angeführt hatte, fand danach in der Gegend keine Stelle mehr; die Familie musste weiterziehen.
Da war der politische Kampfeswille schon längst erwacht in ihr. Denn schon früh war Guler Ungerechtigkeiten ausgesetzt – als Frau und als Arbeiterin.

Als sie als 16-Jährige in der Wolldeckenfabrik zu arbeiten begann, verdiente sie in den ersten zwei Wochen zuerst einmal gar nichts, dann 20 Rappen die Stunde – bedeutend weniger als ihre männlichen Kollegen. Diskriminierung gab es selbst in der Partei, die später die ihre werden sollte.

Denn in Graubünden wurden Frauen damals noch gar nicht in die SP aufgenommen – obwohl die SP Schweiz das Frauenstimmrecht schon 1904 in ihr Parteiprogramm aufgenommen hatte. «Man hatte ja noch kein Stimmrecht, was würde eine Mitgliedschaft also bringen?» – Guler muss selbst darüber lachen, als sie das erzählt.

Fackelzüge durch die Stadt

Die Zürcher SP sah das zum Glück anders. Dort hatten die Kreissektionen schon eigene Frauengruppen. Mit ihren Genossinnen begann sich die dreifache Mutter für ihr Recht einzusetzen, mit Demonstrationen, Informationsveranstaltungen und – nachdem sich das männliche Stimmvolk 1959 erstmals gegen ein eidgenössisches Stimmrecht aussprochen hatte – mit alljährlichen Mahn-Fackelzügen durch die Zürcher Innenstadt.

Zehn Jahre später fand ein weiterer Marsch auf Bern statt: 5000 Frauen, darunter auch manche Konservative, jubelten dort der künftigen Zürcher Stadt- und Ständerätin Emilie Lieberherr und ihrem Aufruf zum Unbequemsein zu.

Als sich 1971 eine männliche Zweidrittelmehrheit an der Urne für ein eidgenössisches Frauenstimmrecht aussprach, war der Kampf für Guler aber noch längst nicht beendet.

Es sollte zwar noch weitere neun Jahre dauern, bis sie als erste Vertreterin ihrer Kreissektion im Kantonsrat Einsitz nehmen konnte. Nachdem in Zürich das kantonale Frauenstimmrecht schon 1970 eingeführt wurde, wurden auf die 1971 beginnende Legislatur sechs Frauen ins Parlament gewählt.

Doch die SP-Frauen seien während diesen Anfängen von den oberen Listenplätzen gestrichen worden, erinnert sich Guler. Sie vermutet darin eine unterschwellige Angst der Genossen, dass die Frauen ihnen dann plötzlich auch die Arbeitsplätze wegnehmen, ihnen den Rang ablaufen könnten.

Das habe sich etwa auch in den Abstimmungsresultaten der Zürcher Stadtkreise 4 und 5, damals Arbeiterquartiere, geäussert: Dort sei die Zustimmung am tiefsten gewesen. Andere wiederum hätten den Frauen ein politisches Mandat schlicht nicht zugetraut.

Natürlich sei das paradox, räumt Guler ein: Dass in Zürich ausgerechnet die Frauen jener Partei, die als erste und lange als einzige für Frauenrechte kämpfte, zuerst einmal wenig Chancen auf eine Wahl hatten.

Auch im Kantonsrat setzte sich Guler zwischen 1980 und 1991 für die Sache der Frau ein – und stellte mit Behagen fest, dass die zweite Generation ihrer Mitstreiterinnen selbstbewusster und frecher auftrat, als es ihnen damals nahegelegt wurde.

«Bei uns hiess es noch, wir sollten besser etwas zurückhaltender bleiben.» Das sei ihr nie so ganz gelungen, sagt Guler und lacht.

Als Kommissionspräsidentin der «Schule für Hauswirtschaft und Lebensgestaltung» setzte sie sich etwa dafür ein, dass Hauswirtschaftslehrerinnen gleiche Löhne wie ihre Kollegen von der Allgemeinbildung bekommen. Und sie ist sozusagen die Mutter der heutigen kantonalen «Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann».

1987 hatte sie mit zwei Genossinnen ein Postulat eingereicht, das die Schaffung einer «Stabsstelle für Frauenfragen» verlangte; im März 1990 nahm das «Gleichstellungsbüro» seine Arbeit auf.

Die Gründung einer solchen Institution sei bitter nötig gewesen in Zeiten, als es hiess, nun habe man ja das Stimmrecht, nun sei doch alles gut. Dass es die Zürcher Fachstelle und ihre Pendants im ganzen Land heute noch gebe, trotz mehrerer Angriffe auf deren Existenz, ist für Guler auch ein weiteres Zeichen, dass eben auch heute noch nicht alles gut ist.

«Ich bin stolz darauf, dass ich diesen Anstoss gegeben habe», sagt Guler heute. Sie ist überzeugt: «Man ist heute auch dank solcher Institutionen sensibilisierter für die Probleme und Anliegen der Frauen.»

Es gibt noch genug Baustellen

Doch das Grundproblem bleibt: «Die Gleichberechtigung ist leider immer noch nicht erreicht», sagt Guler. Trotzdem sie ist keine Pessimistin; sie hat im Lauf der Jahrzehnte gelernt, geduldig zu sein. Und hat so gemerkt: Es gibt im Kampf für die Gleichstellung immer wieder kleine und grosse Etappensiege.

«Es hat sich vieles zum Guten gewendet», sagt sie, die auf fast ein Jahrhundert zurückblicken kann, in dem sich die Stellung der Frau in der Gesellschaft radikal geändert hat. «Aber eben nie, ohne dass man sich dafür eingesetzt hat.»

Dabei gebe es doch auch heute noch genug, für das es sich als Frau einzusetzen lohne: allem voran die Tatsache, dass Frauen für gleiche Arbeit immer noch weniger Lohn verdienen als Männer.

Aber auch, dass trotz vermehrtem Engagement der Männer die Haus- und Betreuungsarbeit nach wie vor mehrheitlich an den Frauen hängenbleibt – ob die nun selbst arbeiten oder nicht.

Immerhin, so Guler, spreche man heute über die wunden Punkte. Die Gleichstellung bleibt auf der politischen und der privaten Agenda, sei es in der Diskussion über Frauenquoten für Führungspositionen oder bei der Suche nach neuen Familien- und Arbeitsmodellen.

Zudem gebe es heute offizielle Stellen, die dafür sorgen sollen, dass die Gleichstellung nicht nur auf Papier existiert. «Auf jeden Fall geht es weiter», sagt Guler – «in welche Richtung, müssen die Frauen selber bestimmen.»