Warum Anna Adlischwyler als junge Frau ins Kloster Oetenbach eintrat, ist unklar. Finanziell hatte sie es nicht nötig, denn ihr Vater, Hans Waldmanns Leibkoch, hatte ihr ein beachtliches Vermögen vermacht, als er 1512 verstarb. Anna war aber wohl im Zürcher Dominikanerinnenkloster, als der Reformator Ulrich Zwingli dort trotz Widerstand zu den Nonnen predigte.

«Was sie davon hielt, wissen wir leider nicht», sagt Andrea Spörri, «denn von ihr selber blieb nur ein Brief erhalten.» Spörri ist Pfarrerin von Richterswil und Mitglied der Gesellschaft zu Fraumünster und hat sich mit dem Leben von Anna Bullinger-Adlischwyler auseinandergesetzt. Denn mit ihr ehrt die Frauenzunft dieses Jahr zum 21. Mal eine Zürcher Pionierin. Passend zum Reformationsjubiläum sollte eine Frau aus der Reformationszeit eine Ehrentafel erhalten, erklärt Spörri. Diese wird morgen Sonntag am Pfarrhaus des Grossmünsters am Zwingliplatz 4 enthüllt. Da Anna Reinhart, Zwinglis Frau, bereits 1999 eine Ehrentafel erhalten hatte, fiel die Wahl auf Anna Bullinger-Adlischwyler, die Nachfolgerin der ersten Zürcher Pfarrersfrau.

Verlobung zurückgezogen

Anna Bullinger lebte noch im bereits geschlossenen Kloster, als sich der aufstrebende Reformator Heinrich Bullinger für sie zu interessieren begann. Er umwarb sie heftig mit langen Briefen, die Predigten ähnelten, gespickt mit Bibelzitaten. «Er definierte klar, was die Aufgabe einer idealen Ehefrau sind – aber auch diejenigen eines Ehemannes», sagt Andrea Spörri.

Oft zitiert wird Bullingers Vorstellung, eine Frau solle das Haus nur kurz verlassen, wenn es unvermeidlich sei, gleich einer Schildkröte, die den Kopf aus dem Panzer streckt. «Auch die Reformatoren waren Kinder ihrer Zeit», sagt Andrea Spörri. Das Frauenbild sei zwar alles andere als modern gewesen, dennoch habe Bullinger seiner Zukünftigen eine gewichtige Rolle im Haushalt mit viel Arbeit und Verantwortung zugedacht.

Anna überlegte sich reiflich, ob sie heiraten wollte. Denn sie entschied sich damit nicht nur für einen Ehemann, sondern für einen Glaubenswechsel und gegen das Leben, das sie bisher geführt hatte. Nach einem ersten Verlobungsversprechen zog sie dieses wieder zurück. Allenfalls war ihre Mutter nicht begeistert von dieser Verbindung. Aus Bullingers Briefen ist sein Unverständnis ob Annas Rückzug zu lesen. Er plädierte dafür, dass die Ehe gottgewollt sei und das Nonnendasein eine Verschwendung des weiblichen Körpers.

11 Kinder in 18 Jahren

Schliesslich willigte Anna ein und heiratete Bullinger 1529 kurz nach dem Tod ihrer Mutter. «Es scheint eine gute Ehe gewesen zu sein», sagt Spörri. Zumindest zeugen Bullingers Schriften davon. Richtiggehend romantisch ist das von ihm verfasste Hochzeitsgedicht.

Anna Bullinger gebar elf Kinder in 18 Jahren, von denen nicht alle überlebten, aber dennoch einen beachtlichen Haushalt bildeten. Diesen führte sie ab 1531 im Pfarrhaus des Grossmünsters, wo Heinrich Bullinger nach Zwinglis Tod dessen Nachfolge antrat.

Aber nicht nur Familienmitglieder, sondern auch Freunde des international bekannten Pfarrers, Kollegen, Studenten und ganze Familien von Glaubensflüchtlingen bevölkerten Annas Tisch. Sie führte ein offenes Pfarrhaus, wie es zuvor nicht existiert hatte. «Und das fast konstant schwanger oder mit einem Kleinkind», sagt Spörri.

Sie hielt ihrem Mann den Rücken frei und ermöglichte ihm, eine immense Arbeitslast zu bewältigen und ein grosses Netzwerk aufzubauen. Das merkten auch andere: In Dankesbriefen wird die Hausfrau gegrüsst und ihr werden Geschenke geschickt. Anna sorgte sich um das Wohl ihrer Kinder, die fast alle selber Pfarrer oder Pfarrersfrauen wurden. Dies zeigt der einzige erhaltene Brief von ihr an einen ihrer jugendlichen Söhne. Darin weist sie ihn an, sich sauber zu halten, zu beten und seine Kleider regelmässig waschen zu lassen.

«Bullinger brachte seiner Frau grossen Respekt für ihre Leistungen entgegen», sagt Spörri. Daher habe ihn auch der Tod seiner «inniggeliebten Hausfrau» an der Pest 1564 hart getroffen. Er selber war auch an der Pest erkrankt, überlebte sie aber. Dennoch konnte er nicht an ihrer Beerdigung teilnehmen, was ihn schmerzte, wie ein Tagebucheintrag zeigt.

«Schritt in richtige Richtung»

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich ein Kult um Anna Bullinger als Musterbild der christlichen Hausfrau. Es entstanden auch Mythen um sie, die aber keinen historischen Quellen entsprechen. «Anna Bullingers Funktion als Hausfrau und Mutter mag heute altmodisch klingen», sagt Andrea Spörri, «ist aber als erster Schritt in die richtige Richtung zu deuten.»

Dass etwa der Frau ein Platz im halböffentlichen Pfarrhaus eingeräumt und ihr die religiöse Früherziehung übertragen wurde, setzte voraus, dass sie eine minimale Bildung genossen hatte. So entstanden Mädchenschulen für die bessergestellten Stände. Auch die Sonntagsschulen waren laut Spörri in Frauenhand: «Da war der Schritt auf die Kanzel nicht mehr so weit.»