Zürich
«Die Impfung ist ein Pappenstiel im Vergleich zur Gefahr für meine Altersgruppe» – seit Montag wird gegen Corona geimpft

Auftakt zur grössten Impfaktion der Zürcher Geschichte – die ersten Stiche erhielt ein Ehepaar aus Wetzikon.

Anna Six
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Das sind die ersten geimpften Zürcher: Das Ehepaar Stüssi aus Wetzikon.

Das sind die ersten geimpften Zürcher: Das Ehepaar Stüssi aus Wetzikon.

Keystone

Vom Raumgefühl her wähnt man sich in einem Festzelt: Bretterboden, weisse Plastikplanen als Wände und Dach, dazu das Summen der Lüftung. Doch hier fliesst kein Bier, ertönt kein Schlager. Der Anlass ist ernst: Beim grossen Zelt am Hirschengraben in Zürich handelt es sich um das Referenz-Impfzentrum des Kantons, wo man sich seit Montag gegen Covid-19 impfen lassen kann.

Als Erstes an die Reihe kommt das Ehepaar Stüssi aus Wetzikon, 77 und 76 Jahre alt, ihre Vornamen gibt die Gesundheitsdirektorin nicht bekannt. Ausgewählt wurden die beiden, so erklärt es Regierungsrätin Natalie Rickli (SVP) später, weil sie sich schon früh per E-Mail nach Impfmöglichkeiten erkundigt hatten. Vor mehreren Dutzend Medienleuten sitzen sie jetzt nebeneinander da, Frau Stüssi schlüpft aus dem rechten Ärmel ihres Wollpullovers – doch halt, der linke Arm muss her: Geimpft wird in den Oberarm jener Seite, mit der man nicht schreibt. Beim Piks verzieht die Seniorin keine Miene. Dann ist ihr Mann dran, auch er nimmt es stoisch. Zum Schluss umringen drei Regierungsrätinnen die beiden, um mit einer ­Mischung aus Freude und Besorgnis zu fragen: «Ist es gut ge­gangen?»

Prominente als Impfbotschafterinnen

Es geht auch gut bei Unternehmerin Rosmarie Michel, alt Ständerat Hans Hofmann, Schriftsteller Franz Hohler, Schauspieler Walter Andreas Müller sowie dem Arzt Robert Steffen, der einst Gründer des Zentrums für Reisemedizin der Universität Zürich war. Sie alle treten an diesem Morgen als «Impfbotschafterinnen» und «Impfbotschafter» auf.

Dass er den Start der langersehnten Covid-19-Impfung mit einem Staraufgebot inszenierte, brachte dem Zürcher Regierungsrat vergangene Woche einige Kritik ein. Vor allem, weil gleichzeitig die Onlineanmeldung für die Bevölkerung unter der grossen Nachfrage zusammenbrach: Für die 8000 verfügbaren Termine bis Ende Januar wollten sich rund 100'000 Senioren registrieren. Für die technischen Probleme entschuldigte sich Gesundheitsdirektorin Rickli am Montag noch einmal. «Jedoch habe ich kein Verständnis, wenn man kritisiert, dass Prominente zuerst drankämen– unsere Impfbotschafter gehören schliesslich genauso zur Risikogruppe.»

Achtung, Walter Andreas Müller fällt vom Stuhl!

Wie sich Franz Hohler vor versammelter Journalistenschar das dunkelrote Hemd aufknöpft, um seinen Oberarm freizumachen, hat etwas Rührendes. Beim Einstich der Spritze entfährt ihm unter der Maske ein kaum hörbares «Aua!». «Geht’s?», kommt sofort die Frage des medizinischen Fachpersonals. «Bis jetzt schon», meint Hohler lakonisch. Walter Andreas Müller outet sich dagegen als Linkshänder – er wird in den rechten Arm gepikst. Ein Blick zum Himmel, ein theatralisches «Oh!», dann tut er kurz so, als fiele er vom Stuhl.

Schauspieler Walter Andreas Müller wird geimpft.

Schauspieler Walter Andreas Müller wird geimpft.

Keystone

Robert Steffen will weniger unterhalten und mehr die Botschaft verbreiten: «Die Impfung ist ein Pappenstiel im Vergleich zur Gefahr für meine Altersgruppe, an Covid-19 zu sterben.» Der Hausarzt, der noch immer in Küsnacht praktiziert, betreut auch Patienten in Heimen. Dort soll demnächst auch geimpft werden. Auch sei er vom Kanton angefragt worden, so Steffen, ob er in seiner Praxis impfen würde. «Insbesondere in Gemeinden, die weiter entfernt sind von Zürich, wird die Möglichkeit willkommen sein, beim Hausarzt oder der Hausärztin zu impfen.»

Ab Mitte Monat wird in den Pflegeheimen geimpft

Tatsächlich sind dies die nächsten Schritte im Zürcher Impfprojekt, wie dessen Leiter Markus Näf erklärt. Ab 18. Januar bis zirka Ende Februar wird in den 358 Alters- und Pflegeheimen im Kanton geimpft – noch ist aber offen, in welcher Reihenfolge. «Der Fahrplan ist auch abhängig davon, wie viele Impfdosen wir erhalten», sagt Näf. Bisher stehen 16'000 zur Verfügung, diese Woche sollen weitere 20'000 geliefert werden. Das sind wenige angesichts der 200'000 Menschen im Kanton Zürich, die zur Risikogruppe gehören – zumal pro Person zwei Dosen nötig sind.

Den derzeit verfügbaren Impfstoff von Pfizer/Biontech nennt Näf ein «sehr sensibles Kind». Er muss bei minus 70 bis minus 80 Grad aufbewahrt werden, vor dem Spritzen aufgetaut und mit Salzlösung rekonstruiert werden und dann innert kurzer Zeit injiziert werden. Ein einfacheres Handling verspricht der Impfstoff von Moderna, dessen Zulassung in der Schweiz momentan erst geprüft wird. Der Moderna-Impfstoff soll künftig auch in Hausarztpraxen verimpft werden. Eine deutlich erhöhte Liefermenge an Impfdosen ist laut Näf aber erst ab Ende März zu erwarten.

Ich fühle mich blendend.

(Quelle: Walter Andreas Müller nach der Impfung)

Für die Bevölkerung soll am 18. Januar wieder ein Anmeldesystem aufgeschaltet werden, um sich für neue Impftermine ab Februar zu registrieren. Bis dahin wolle man von Erfahrungen anderer Kantone mit dem Onlinetool lernen, sagte Natalie Rickli. Den «Impfbotschaftern» genügten indes 15 Minuten Geduld: So lange steht beziehungsweise sitzt man im neuen Impfzentrum nach dem Stich in den Arm unter ärztlicher Beobachtung. Walter Andreas Müller trat danach wieder vor die Journalisten und meinte ganz ohne Showeinlage: «Ich fühle mich blendend.»