Stadtrundgang
«Die Haupstadt der Felix' und Regulas»: Zürich neu entdecken

Das internationale Kollektiv «Social Space Agency» will im sozialen Raum Grenzen aufbrechen. Nun hat es kurzerhand das Zürcher Niederdorf neu erfunden: mit einem Stadtrundgang, der streng genommen keiner ist – oder mehr als das.

Silvan Gisler
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Mit offenen Augen und frischem Blick entdeckten Miko Hucko (Mitte) und die Teilnehmer neue Seiten und alte Geschichten des Zürcher Niederdorfs. Fotos: Michele Limina

Mit offenen Augen und frischem Blick entdeckten Miko Hucko (Mitte) und die Teilnehmer neue Seiten und alte Geschichten des Zürcher Niederdorfs. Fotos: Michele Limina

MICHELE LIMINA

Sozionauten entdecken den sozialen Raum

Das Kollektiv «Social Space Agency» (SoSA) ist eine Gruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, den sozialen Raum auf kreative Art und Weise zu entdecken. Die lose Gruppierung ging vor einem Jahr in Bern aus einem Theaterfestival hervor. Mittlerweile gehören ihr aber verschiedene «Sozionauten», wie sie sich selbst nennen, in ganz Europa an – von Berlin über Krakau bis Helsinki. Ihre Mitglieder kommen aus den Bereichen Theater, Architektur und Design. (sig)

Doch das kümmert ihn nicht, denn nichts ist, wie es scheint, bei der «Social Space Agency», und «gewöhnlich» ist dort schon gar nichts: Zürich neu schreiben, neue Geschichten entdecken, die Stadt erfahrbar machen, eine «wagemutige Entdeckungsreise» unternehmen wollen Micha Küchler und seine zwei Kolleginnen Miko Hucko und Iren Weber an diesem Abend. «Zu einer Stadt gehört immer ein Lebensgefühl, getragen von Gesten, Erzählungen, Stadtoriginalen, einem Slang, einem Tempo», sagt die «Social Space Agency» – und schon bald sieht man sie und die Teilnehmer im Niederdorf mit Kreiden Erinnerungen auf die Gassen malen, an Wänden entlangspringen, in dunkle Ecken hineinlangen und in schmalen Gässchen gestenreich fiktive Geschichten zu realen Gegenständen erzählen.

Viele Wege führen hinein in die Geschichte Zürichs. Bei der «Social Space Agency» entscheidet der Würfel.

Viele Wege führen hinein in die Geschichte Zürichs. Bei der «Social Space Agency» entscheidet der Würfel.

Michele Limina

Die Teilnehmer als Experten

«Ich hatte mir etwas vollkommen anderes vorgestellt, als ich herkam. Ich dachte, wir gehen hier einfach an eine Stadtführung», sagt Ursula Tauch, eine ältere Dame, zuerst skeptisch – um ein wenig später völlig in ihre Geschichte vertieft über einem Schreibblock gebeugt zu sitzen, während der Regen auf ihren Regenschirm tröpfelt. Drei verschiedene Gruppen hat die «Social Space Agency» gebildet, um die Stadt neu zu entdecken. Ursula Tauch gehört der Gruppe von Miko Hucko an, in der es darum geht, neue Geschichten im Niederdorf zu finden. Jeder fasst darum in einem schmalen Seitengässchen mit dem Namen «Scheitergasse» etwas ins Auge, das ihm auffällt, und muss – per Würfelprinzip – zu einer gegebenen Epoche eine Geschichte dazu erfinden.

Und so werden die Pflastersteine der Scheitergasse in der Geschichte von Ursula Tauch zu Überbleibseln eines Kometen, der dazumal Louis XIV. den Weg nach Zürich gewiesen hatte. Ein Tor wird zur Verbrennungsanlage von Hexen und in einer anderen Geschichte wiederum zum Drogenlabor eines Apothekers in den 1960er-Jahren, eine gusseiserne Tulpe in einem Hauseingang zum Erinnerungsstück an den «berühmten» Zürcher Tulpenkönig. «Ist das wahr?», fragt zwischendurch plötzlich einer der Teilnehmer ob der überzeugten Präsentation, worauf der Erzähler mit einem überzeugten «Aber klar!» antwortet. Das stimmt natürlich nicht, aber ob Fiktion oder Wahrheit, das spielt bei diesem Stadtrundgang sowieso keine Rolle.

«Kein Kunst-Ding»

Micha Küchlers Gruppe wiederum entdeckt die Stadt gerade, indem sie Wände und Erker des Niederdorfs abtastet, in verschiedenen Geschwindigkeiten abläuft und den Coop am Stadelhofen kurzerhand zu einem Gefängnis macht, aus dem man nur ausbrechen kann, wenn man die Namen der «Wärter», also der Verkäufer, erkennt.

Ein Stück weiter sitzt Iren Weber mit ihrer Gruppe auf einem Bänkli, blickt auf die Limmat und schwelgt in Erinnerungen: «Weisst du noch, als das grosse Flossfestival auf der Limmat war?» — «Ou ja, das war schön.» Später sind dann überall in den Gässchen fiktive Erinnerungen in Kreide verewigt. Ob sie wahr sind oder nicht, das ist auch hier total egal.

Aber ist das nun einfach Theater oder ergibt das Ganze auch irgendeinen Sinn? «Es geht uns darum, Wege aufzuzeigen, wie man eine Stadt wahrnehmen kann», sagt Micha Küchler. «Und indem wir die Regeln verändern, können die Menschen andere Perspektiven einnehmen.» Küchler, der sonst Theater macht, möchte den Stadtrundgang darum auch explizit nicht als «ein Kunst-Ding» verstanden wissen. «Normalerweise läuft man doch auf zwei Arten durch das Niederdorf: entweder als Shopper oder zielstrebig auf dem Weg von A nach B. Wir legen den Fokus nun einfach auf andere Dinge.»

Wie früher als Kind

Tatsächlich sind die skeptischen Mienen aufgeregten gewichen, als sich die Gruppen zum Schluss im Zentrum «Karl der Grosse», das die Führung organisiert hat, wieder treffen. Menschen allen Alters sitzen um einen grossen Tisch und tauschen eifrig ihre Erfahrungen aus.

Neues gelernt über Zürich haben dabei nicht nur die Teilnehmer, sondern auch die «Stadtführer». Denn Micha Küchler zum Beispiel kommt eigentlich aus Bern und hat keine Ahnung von der Limmatstadt. «Aber das ist auch vollkommen egal», sagt er. Wichtig sei nicht die Stadt, sondern der Zugang zu ihr. Er hofft, den Besuchern eine Möglichkeit auf den Weg mitgegeben zu haben, die eigene Stadt neu zu entdecken: «Das kann man auch ohne Führung tun.» Zum Beispiel, indem man die Umgebung mal genauer anschaut, wenn man an der Bushaltestelle steht, anstatt auf das Smartphone zu starren. «So wie früher, als ich als Kind mit grossen Augen durch die Strassen lief», sagt einer der Besucher. Und hat damit nicht unrecht.