Es war ein hollywoodreifer Stunt, den ein 27-jähriger Zürcher im Juli 2016 abzog. Er begann bei der Zürcherstrasse in Winterthur, wo die Polizei in einer Nacht auf Sonntag eine Kontrolle durchführte. Weil der junge Mann den Motor seiner Harley-Davidson mehrmals laut aufheulen liess, winkten ihn die Polizisten zu sich, um ihn zu
kontrollieren. Der Mann aber wollte dem entgehen. Er floh mit seiner Beifahrerin in Richtung Autobahn nach Zürich und lieferte sich dabei eine haarsträubende Verfolgungsjagd mit der Polizei, die ihn mit Blaulicht und Sirenen verfolgte.

Mit 172 km/h Richtung Effretikon

Zuerst zwängte er sich im Abstand von weniger als einem halben Meter zwischen Mittelleitplanke und Überholspur mit 160 Stundenkilometern an einem Auto vorbei. Er beschleunigte dann auf 172 Stundenkilometer bis zur Höhe Effretikon, wo er auf den Pannenstreifen wechselte und für fast vier Kilometer in derselben Geschwindigkeit weiterraste. In den nächsten Minuten fuhr er durchschnittlich 50 Stundenkilometer zu schnell, bis er die Autobahn verliess in Richtung Höngg. Danach überfuhr er auf seinem Weg zur Hirschwiesenstrasse vier Rotlichter. Er bog in einen mit Fahrverbot belegten schmalen Weg ein, auf dem er sich mit Tempo 50 zwischen mehreren Fussgängern hindurchzwängte, um dann an einer Verkehrsinsel auf der falschen Strassenseite vorbeizufahren. Die Polizei konnte dem Spuk erst nach fünfzehn Minuten ein Ende setzen, als ein Patrouillenfahrzeug ihm vor der Haltestelle Winzerstrasse den Weg versperrte.

Alles ohne Führerschein

Der junge Mann war dabei ohne gültigen Führerschein unterwegs. Den Führerausweis auf Probe musste er bereits 2011 abgeben, der Lernfahrausweis wurde ihm 2013 ebenfalls auf unbestimmte Zeit entzogen.
Das Nummernschild der Harley-Davidson war zudem auf ein anderes als gestohlen gemeldetes Motorrad eingelöst. Er habe das Kontrollschild bei einem Besuch im damals noch besetzten Hotel Atlantis auf dem Boden liegen sehen und mitgenommen, sagte der Beschuldigte vor Gericht. Dort musste er sich wegen qualifizierter grober Verletzung der Verkehrsregeln und Weiterem im abgekürzten Verfahren verantworten. Der Zürcher erschien in übergrosser Daunenjacke und neuen Nike-Sneakers vor Gericht. Von seinem Hals baumelte eine Silberkette, das Haar war frisch gestutzt. Amtlich verteidigt wurde er von einem Anwalt des Büros von Valentin Landmann, dem Milieu-Anwalt, der unter anderem den Rockerklub Hells Angels vor Gericht vertritt.


«Halsbrecherische Fahrt»

Die Richterin sprach von einer «halsbrecherischen Fahrt»: «Sie hatten ein unglaubliches Glück, dass es dabei keine Schwerverletzten oder Toten gab.» Zudem hätte er seiner Beifahrerin grosse Angst eingejagt. «Haben Sie nicht auch an sie gedacht?», fragte die Richterin. «In dem Moment nicht, alles passierte so schnell», sagte der Beschuldigte etwas ratlos. Er werde in Zukunft aber anhalten für die Polizeikontrolle.
Der 27-Jährige war für drei Jahre im Heim und hat zwei abgebrochene Lehren hinter sich. Zwischenzeitlich arbeitete er als persönlicher Fitnesstrainer. Er lebt bei seinen Eltern, die ihn finanziell unterstützen.
Der Beschuldigte und sein Anwalt sagten beide, dass sich der 27-Jährige gebessert habe. Sein Mandant habe sein Leben jetzt im Griff, sagte der Anwalt. Vor einem Jahr habe er sich selbstständig gemacht. Er produziere «Naturprodukte», namentlich Hanföl, CBD-Blüten und Stecklinge, die er in seinem eigenen Laden verkaufe. «Das läuft gut», sagte der Beschuldigte. «Bald kann ich mir auch einen Lohn auszahlen.» Seine Raserfahrt von 2016 sei «dumm und naiv» gewesen. Er habe einen Fehler gemacht. Jetzt wolle er aber so schnell wie möglich wieder einen Führerschein erwerben, um legal fahren zu können.

Zehn Monate Gefängnis

Das Gericht entschied im Sinne der Anklage und verurteilte den jungen Mann zu einer Freiheitsstrafe von 32 Monaten. Weil er zweifach in ähnlichen Delikten vorbestraft ist, muss er 10 Monate verbüssen, die übrigen 22 Monate werden unter Anordnung einer vierjährigen Probezeit aufgeschoben. Zudem muss der 27-Jährige zwei Bussen in der Höhe von 1600 Franken sowie die Gerichtskosten von über 15 000 Franken zahlen.
Seine Freiheitsstrafe darf der junge Mann in Halbgefangenschaft absitzen: Tagsüber kann er arbeiten gehen, am Abend und am Wochenende muss er ins Gefängnis.