Glencore-Spenden
Die guten Menschen vom Säuliamt und ihre Spenden von den Glencore-Geldern

Wegen Ivan Glasenbergs Steuermillionen errang die Obfelder Gemeindeversammlung Weltruhm. Der Entscheid der Bevölkerung das Geld des Rohstoffriesen zu spenden war sogar in der Online-Ausgabe des «Wall Street Journals» zu lesen.

Michael Rüegg
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Haben Obfelden mobilisiert: Helena Heuberger und Heiner Stolz.
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Säuliamt und die Glencore-Gelder
Setzte die Bewegung in Hausen a.A. in Gang: Bastian Nussbaumer.

Haben Obfelden mobilisiert: Helena Heuberger und Heiner Stolz.

Der Nebel kriecht vom Aargau her über die Reuss. Auf Zürcher Seite liegt die Gemeinde Obfelden, hier drückt die Sonne durch. Und sie hat nicht als Einzige Grund zum Strahlen. Heiner Stolz und Helena Heuberger konnten am Vorabend die Ernte eines monatelangen Engagements einfahren: Die Gemeindeversammlung hatte am Dienstagabend mit 146 zu 112 Stimmen Stolz’ und Heubergers Initiative angenommen. Das Ergebnis der Abstimmung konnte man kurz darauf im amerikanischen «Wall Street Journal» nachlesen, das in seiner Online-Ausgabe über die Obfelder Gemeindeversammlung berichtete: «Schweizer Dorf stimmt für Spende von Glencore-Geldern», stand dort im Titel.

Obfelden war die letzte von sechs Gemeinden im Zürcher Säuliamt, die darüber abstimmte, einen Teil der durch den Glencore-Börsengang von 2011 im ganzen Kanton verteilten 160 Millionen Franken an Hilfswerke weiterzugeben. Fünf der sechs stimmten ja, nur in Kappel am Albis fand sich keine Mehrheit.

Dass sein Dorf weltberühmt werden würde, war nicht im Sinne des Obfelder Gemeinderates. Auch die Exekutiven der anderen Gemeinden lehnten die Volksbegehren ab. Einzig der Mettmenstetter Gemeinderat nahm die Idee ins Budget auf, nachdem er die dortige Initiative aus formalen Gründen für ungültig erklärt hatte, wie Finanzvorstand Beat Bär erklärt. Der Widerstand war auch andernorts heftig: Ein Gutmenschen-Virus, das sich ausbreite, hatte SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi in einem Leserbrief die Idee geschimpft. Und die SVP Hausen am Albis warnte, wer spende, helfe mit, den Drogenhandel zu finanzieren.

Begonnen hatte alles in Hedingen, erklären Heuberger und Stolz. Dort hatte der mittlerweile aus dem Parlament ausgeschiedene Zuger Nationalrat Jo Lang ein Referat über die Schattenseiten des Rohstoffhandels gehalten. Daraus wurde letztlich die Bewegung «Hedingen handelt». Unabhängig davon und etwa ein Jahr später lud die SP-Sektion im etwa 20 Autominuten entfernten Hausen am Albis zu einer Filmvorführung: Gezeigt wurde ein Glencore-kritischer SRF-Dokumentarfilm über die weltweiten Aktivitäten des Konzerns.

Organisator des Abends war Bastian Nussbaumer. Der pensionierte Sozialpädagoge erinnert sich: «Als ich die etwa 50 Gäste verabschieden wollte, fanden die meisten: ‹Das kanns jetzt aber nicht gewesen sein!›» Etwas hilflos reichte Nussbaumer einen Zettel herum, darauf trugen ein Grossteil der Besucher ihre Kontaktdaten ein. Im Nu war die spontan entstandene Bewegung mit derjenigen in Hedingen koordiniert. Dann breitete sich die Idee von der Weitergabe eines Teils des Glencore-Geldes in weiteren Gemeinden aus.

«207 Unterschriften hatten wir innerhalb von zwei Wochen zusammen», erzählt Nussbaumer. In Obfelden waren es noch mehr. Längst hatte sich die Bewegung von den Parteien gelöst. In Hedingen sollen gar SVP-Mitglieder dafür eingetreten sein. Das Ergebnis ist beeindruckend: in fünf von sechs Gemeinden fliessen zehn Prozent des dadurch zusätzlich in die Gemeindekassen gespülten Ertrages an Projekte diverser Hilfswerke. Hedingen machte mit 110 000 Franken den Anfang, Obfelden setzte mit 48 000 den bisherigen Schlusspunkt.

Auf die weltweite Aufmerksamkeit hätte wohl auch Ivan Glasenberg gern verzichtet. Der in Rüschlikon wohnhafte Chef des Rohstoff-Multis hatte bei seiner täglichen Autofahrt an den Hauptsitz in Zug dem Säuliamt bis vor einigen Monaten vermutlich wenig Beachtung geschenkt. Doch dann begann sich in den beschaulichen Dörfern an Zürichs Peripherie etwas zu regen. Doch erst 19. November verschickte der millionenschwere Glasenberg Schreiben an zahlreiche politisch aktive Säuliämtler. «Ja, ich habe einen neuen Brieffreund», gibt Heiner Stolz zu Protokoll. Der ehemalige Bioweinhändler durfte lesen, wie Glasenberg seinen Konzern verteidigte.

Doch Stolz fehlt der Glaube für Glasenbergs Beteuerungen. «Wenn eine Firma so viel Geld an ihre Aktionäre verteilen kann, begibt sie sich in den Verdacht, nicht nur Rohstoffe, sondern auch Menschen und Länder auszubeuten», schrieb er dem Firmenchef zurück.

Doch warum setzt sich der Solidaritätsgedanke gerade in diesem Teil des Kantons durch? Ist es die geografische Nähe zu Zug? Dem Ort, wo Glencore und andere Rohstoffhändler ihren Geschäften nachgehen?

Das habe sicher einen Zusammenhang, meint Helena Heuberger. «Baar ist ja wie eine Nachbargemeinde für unsere Region. Vor kurzem sollte sogar ein gemeinsamer Golfplatz entstehen. Doch die Zürcher Seite erteilte dem Vorhaben eine Abfuhr.

In dieser südlichsten Ecke des Kantons Zürich hat die Ethik einen kleinen Sieg über das Kapital errungen. Und geht es nach Nussbaumer, Stolz, Heuberger und ihren Mitstreitern, ist der Weg hier noch lange nicht zu Ende: «Ich glaube, das war erst der Anfang», sagt Helena Heuberger. Vielleicht reist eine Gruppe aus dem Säuliamt bald zu einer Mine in Südamerika oder Afrika.