Wahlen
Die Grünen wittern ihre Chance: Bastien Girod tritt zum zweiten Wahlgang an

Bastien Girod tritt für den zweiten Wahlgang an – SVP und FDP entscheiden heute Abend.

Oliver Graf
Merken
Drucken
Teilen
Derzeit ein gefragter Mann: Der Grüne Bastien Girod am Wahlsonntag von Fotografen und Kameramännern umringt.FNI

Derzeit ein gefragter Mann: Der Grüne Bastien Girod am Wahlsonntag von Fotografen und Kameramännern umringt.FNI

Florian Niedermann

Die Ausgangslage für den zweiten Wahlgang vom 22. November hat sich verändert: Etwas überraschend hat sich Daniel Jositsch (SP) einen der beiden Ständeratssitze bereits im ersten Wahlgang sichern können. Nun ist in der zweiten Runde nur noch ein einziger Sitz frei – damit sind die bisherigen Wahlstrategien der Parteien über den Haufen geworfen worden.

Derzeit zeichnet sich um diesen einen verbliebenen Sitz ein Dreikampf ab. Die FDP will ihren Sitz nach dem Rücktritt von Felix Gutzwiller mit Ruedi Noser verteidigen, der am Sonntag am zweitmeisten Stimmen erzielt hat. Die SVP will mit Rechtsprofessor Hans-Ueli Vogt ins «Stöckli» einziehen. Und die Grünen, die mit Bastien Girod dahinter auf dem vierten Platz mehr als einen Achtungserfolg erzielt haben, hoffen nun darauf, dass sich die bürgerlichen Stimmen zwischen FDP und SVP so aufteilen, dass die linken Stimmen für einen Wahlerfolg ausreichen.

Kein Aussenseiter mehr

Angesichts dieser Ausgangslage hat die Partei Girod auch für den zweiten Wahlgang aufgestellt. «Wir haben eine echte Chance», sagte Präsidentin Marionna Schlatter gestern Abend an einer Mitgliederversammlung in Zürich. Zuversichtlich stimmt Schlatter: Girod habe weit über die Partei hinweg Stimmen geholt, zudem würden sich die Stimmen der Bürgerlichen verzetteln.

Wie viel Geld werden die Grünen für Girods Wahlkampf ausgeben? Die Wahlplakate für Sonntag jedenfalls werden überklebt.

Wie viel Geld werden die Grünen für Girods Wahlkampf ausgeben? Die Wahlplakate für Sonntag jedenfalls werden überklebt.

Flurina Dünki

Auch Bastien Girod wies in seiner Antrittsrede vor den rund 60 Grünen darauf hin, «dass im zweiten Wahlgang alle Kandidaten von derselben Startlinie aus ins Rennen gehen werden». Das bedeutet: Anders als im ersten Wahlgang, als der Grüne noch als Aussenseiter belächelt wurde, gilt er nun als durchaus ernst zu nehmender Bewerber.

Esther Guyer, Fraktionspräsidentin im Kantonsrat, warnte aber: «Das wird ein harter Wahlkampf werden.» Es sei ein grosser Einsatz von jedem einzelnen Mitglied gefordert. Auch finanziell, die Partei habe, anders als die beiden bürgerlichen Grossparteien, kaum Geld für einen zweiten Durchgang. «Aber wir wagen den harten Wahlkampf, wir packen das», sagte Guyer. Die anwesenden Parteimitglieder applaudierten und nominierten Girod in der Folge praktisch einstimmig.

Girod ist der erste Kandidat, der von seiner Partei offiziell in den zweiten Wahlgang geschickt wird. FDP und SVP entscheiden heute Abend über das weitere Vorgehen. Eine Einigung auf einen Kandidaten wäre aus bürgerlicher Sicht das beste Mittel, um neben dem «roten» Jositsch einen «grünen» Girod zu verhindern. FDP und SVP werden sich aber kaum auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen können.

SVP und FDP wollen antreten

Die Freisinnigen verweisen auf Nosers Resultat – als bestplatzierter hinter Jositsch sei der Zürcher Unternehmer der logische Bewerber für den zweiten Sitz. Dass sie diesen Sitz, den sie mit Gutzwiller bislang gehalten haben, freiwillig freigeben werden, ist illusorisch. Zumal Noser im zweiten Wahlgang durchaus auf wichtige Stimmen der Mitte zählen und auf einen gewissen Support durch einen Teil der SP-Wähler hoffen kann. Nosers Wahlchancen sind damit als intakt einzustufen.

Die SVP betont derweil, dass sie als wählerstärkste Partei ebenfalls eine Art natürlichen Anspruch auf die Kandidatur hat. Gestern andiskutierte Überlegungen, den die Massen wenig emotionalisierenden Hans-Ueli Vogt durch den politischen Quereinsteiger Roger Köppel zu ersetzen, dürften Gedankenspiele bleiben. Köppel wird nach seinem klaren Wahlsieg nicht riskieren, wegen eines ungewissen Ständeratswahlkampfs sein Sieger-Image schon wieder aufs Spiel zu setzen. Köppel nahm sich denn auch bereits selber aus dem Rennen: Eine Ständeratskandidatur sei kein Thema, sagte er gegenüber den Medien.

Auch kein Thema dürfte sein, dass die SVP zugunsten der FDP freiwillig verzichten wird. Dass die Freisinnigen nicht über eine Listenverbindung reden wollten, trägt ihr die SVP noch nach. Zudem gibt es auch inhaltliche Unterschiede. Parteipräsident Alfred Heer hatte schon am Wahlsonntag erklärt, dass es keine Gründe gebe, warum Vogt aus dem Rennen genommen werden soll. «Für eine bürgerliche Lösung kann ja auch die FDP verzichten.»

Girod lag am Sonntag Hinter Noser und Vogt auf Platz 4 im Rennen ums Stöckli

Girod lag am Sonntag Hinter Noser und Vogt auf Platz 4 im Rennen ums Stöckli

Limmattaler Zeitung

Damit scheint die Ausgangslage klar zu sein. Die Grünen setzen auf Girod (ganz sicher). Die Freisinnigen treten mit Noser an (fast ganz sicher). Auch die SVP wird in den zweiten Wahlgang steigen (fast ganz sicher) und dies mit Vogt (relativ sicher, sofern die Partei nicht noch eine Überraschung wie Natalie Rickli aus dem Hut zaubert).

Weitere offizielle Bewerber wird es keine geben. Der Grünliberale Martin Bäumle hat seinen Verzicht nach seinem enttäuschenden Ergebnis bereits am Sonntagabend bekannt gegeben. Die CVP entscheidet – wie die FDP und die SVP – zwar erst heute Abend offiziell. Sie wird aber Barbara Schmid-Federer wohl zurückziehen; ihr werden auch im zweiten Wahlgang keine reellen Chancen eingeräumt. Und Maja Ingold (EVP) hat ihr Ziel, die Verteidigung des Nationalratsmandats, bereits erreicht und wird nicht mehr antreten.