Anita Borer
Die Gefahr eines Karriereknicks für Blochers Darling

Die 24-jährige Präsidentin der Jungen SVP, Anita Borer, gilt als Senkrechtsstarterin: Bei den Nationalratswahlen startet sie vom zweiten Listenplatz aus. Doch das Mandat hat sie noch nicht auf sicher.

Alfred Borter
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Anita Borer (3.v.r.) und die anderen neuen Kantonsräte der Bezirke Pfäffikon, Uster und Hinwil: Lothar Ziörjen, Stefan Hunger, Andreas Hasler, Cornelia Keller, Marcel Lenggenhager und Jacqueline Hofer. Mano Reichling

Anita Borer (3.v.r.) und die anderen neuen Kantonsräte der Bezirke Pfäffikon, Uster und Hinwil: Lothar Ziörjen, Stefan Hunger, Andreas Hasler, Cornelia Keller, Marcel Lenggenhager und Jacqueline Hofer. Mano Reichling

Limmattaler Zeitung

Im November 2009 stand eine junge Frau vor den Teilnehmern am Ustertag: Anita Borer, damals Vizepräsidentin der Jungen SVP. Es war eine grosse Ehre, an diesem Anlass als Vorrednerin zu Bundesrätin Doris Leuthard auftreten zu dürfen. Ihre Rede sei auf guten Anklang gestossen, erinnert sich Benno Scherrer, der im Gemeinderat von Uster wie auch im Kantonsrat die Grünliberalen vertritt.

Sie erwähnte die historische Begebenheit von 1830, als sich vor allem die Jungen aus der Landbevölkerung gegen die altväterische Obrigkeit aus der Stadt Zürich auflehnten, und erklärte: «Auch heute sind die Prinzipien der Freiheit, Eigenverantwortung und Gleichberechtigung, wie sie 1830 erkämpft wurden, ein Anliegen der Jugend.» Und dann meinte sie zu einengenden Bestimmungen für Junge: «Wir Jungen wollen auch heute keinen väterlich und fürsorglich bestimmenden Staat.»

Politische Senkrechtstarterin

Die junge Frau ist eine politische Senkrechtstarterin. Mit 20 Jahren trat sie 2006 der Jungen SVP bei, 2010 avancierte sie zu deren Präsidentin, in der Mutterpartei wurde sie in den Vorstand und dann in die Geschäftsleitung gewählt. Ebenfalls 2010 errang sie bei den Gemeinderatswahlen in Uster den ersten Ersatzplatz und konnte nun dieses Frühjahr nachrutschen. Überdies zog sie in den Kantonsrat ein, wobei ihr das Kunststück gelang, mit ihren Stimmen einen bisherigen SVP-Kantonsrat zu überholen und so aus dem Amt zu drängen.

Und jetzt ist sie auf dem besten Weg in den Nationalrat. Der Vorstand will ihr die Chance geben, vom zweiten Listenplatz aus, gleich hinter Christoph Blocher und vor allen bisherigen Nationalratsmitgliedern, einen möglichen neuen Siegeszug anzutreten. Es braucht nur noch das Einverständnis der Delegiertenversammlung.

Zu jung?

Der Erfolg führt natürlich auch dazu, dass Neider auftauchen. Der «Tages-Anzeiger» will von ungenannt sein wollenden Kritikern erfahren haben, sie habe keine Unterstützung an der Basis, verdanke die gute Positionierung bloss dem Umstand, dass sie «Blochers Darling» sei.

Was sich da gewisse Leute zusammenreimten, sei Unsinn, meint dazu Kantonsrat Hans-Peter Amrein (Küsnacht); er kennt sie vor allem aus dem gemeinsamen, aber verlorenen Kampf gegen den vollen Zentrumslastenausgleich für die – in ihren Augen – linksgrün dominierten und verschwenderisch handelnden Städte Zürich und Winterthur. Amrein bezeichnet Borer als «aufgestellte, auch unter Druck ruhig agierende, tolle Frau». Sie verdiene grossen Respekt.

Allerdings meinte jetzt Roberto Martullo, selber 49-jährig und Präsident der SVP des Bezirks Meilen, in einem Interview im «Tages-Anzeiger», sie sei noch zu unerfahren und solle besser zunächst vier Jahre im Kantonsrat wirken. In die Spitzengruppe gehörten zwar junge Leute, gab er zu verstehen, aber nicht ganz junge, sondern solche, die sich schon hätten profilieren können.

Nach Matur der Jungen SVP beigetreten

Doch wer ist die jetzt 24-jährige Frau, welche als eine Art Gegengewicht zum jetzt 70-jährigen Christoph Blocher die Jugendlichkeit der Partei unter Beweis stellen soll? Nach der Matur an der Kantonsschule trat sie der Jungen SVP bei. Bevor sie sich an der Pädagogischen Hochschule immatrikulierte, bewarb sie sich bei der Zürcher Kantonalbank um eine Stelle als Kundenberaterin. Als sie erkannte, dass Primarlehrerin doch nicht ihr Traumberuf sei, wechselte sie an die Hochschule für Wirtschaft Zürich, wo sie sich im Bereich Wirtschaftskommunikation ausbilden lässt, berufsbegleitend zu ihrer Tätigkeit bei der ZKB. Sie hofft, dieses Jahr mit dem Bachelor abschliessen zu können. Ihr Ziel ist es, sich als Kommunikationsberaterin einmal selbstständig zu machen.

Doch zunächst geht es um die Möglichkeit eines politischen Karrieresprungs. Dabei kann ihr der Erfolg von Natalie Rickli als Vorbild dienen. Die damals 30-Jährige schaffte vor vier Jahren, ebenfalls von Platz 2 aus, den Sprung in die grosse Kammer. Doch der Erfolg ist nicht garantiert. 2003 war es einer andern jungen Frau, der Rechtsanwältin Rachel Grütter-Eckert aus Kloten, auf der SVP-Liste schlimm ergangen: Sie konnte von Platz sieben aus starten, mitten unter den Bisherigen, doch wurde ihr Name derart oft gestrichen, dass sie auf den 15. Platz durchfiel und nicht gewählt wurde.

Könnte dieses Schicksal auch Borer drohen und zu einem Knick in ihrer Laufbahn führen? Parteipräsident Hans Frei denkt, das sei nicht der Fall. «Anita Borer ist ja keine Unbekannte», gibt er zu verstehen. Bei der Kantonsratswahl habe sie ein sehr ansprechendes Resultat erzielt. Und als Präsidentin der Jungen SVP habe sie immer wieder deren Anliegen und Parolen vertreten und sei damit in den Medien präsent gewesen.

«Kaum in Erscheinung getreten»

Seltsam ist allerdings, dass SP-Präsident Stefan Feldmann, der wie Borer in Uster wohnhaft ist, auf die Frage, wie er denn ihre politische Tätigkeit wahrgenommen habe, zu verstehen gibt: «Ich weiss eigentlich nichts von ihr.» Ausser vor den Wahlen sei sie kaum in Erscheinung getreten.

Übrigens: Borer selber will sich vorerst zu ihren Wahlchancen nicht äussern, sondern die Delegiertenversammlung abwarten.

Christoph Blocher meint übrigens, wie er gegenüber «Tele Züri» sagte, die Nationalratsliste werde trotz der Attacke seines Schwiegersohns Roberto Martullo auf die «pensionierten Sesselkleber» höchstens geringfügig verändert. Martullo sei eben noch jung, «da sagt er eben etwas anderes». Deswegen hänge der Haussegen nicht schief. Patrick Walder, Vizepräsident der JSVP, gab zu verstehen, seine Gruppierung werde sicher nicht opponieren.