Prostitution
Die Geduldsprobe beim Strassenstrich im Zürcher Niederdorf

Rekurse verzögern die zeitliche Einschränkung des Strassenstrichs in der Zürcher Altstadt. Statt wie heute von 19 bis 5 Uhr soll das Anschaffen auf der Strasse dort nur noch zwischen 22 und 2 Uhr stattfinden dürfen.

Thomas Schraner
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Fünf Prostituierte, die im sogenannten «Adventskalender» an der Häringstrasse arbeiten, legten Rekurs ein.

Fünf Prostituierte, die im sogenannten «Adventskalender» an der Häringstrasse arbeiten, legten Rekurs ein.

Keystone

Ende August beginnt das grosse Experiment in der Stadt Zürich: Die Prostituierten und Freier müssen ihr Geschäft in den sogenannten Sexboxen in Altstetten abwickeln. Der Strassenstrich am Sihlquai wird ab dann aufgehoben.

Auf den gleichen Termin hin wollte der Stadtrat auch den Strassenstrich im Niederdorf zeitlich einschränken. Statt wie heute von 19 bis 5 Uhr soll das Anschaffen auf der Strasse dort nur noch zwischen 22 und 2 Uhr stattfinden dürfen. Mit dieser Massnahme will der Stadtrat Anwohner und Gewerbler entlasten, die sich über die Immissionen des Sexgewerbes beklagen, das sich hauptsächlich an der Kreuzung der Häring- und der Zähringerstrasse abspielt.

Wirtschaftsfreiheit verletzt

Doch aus dem Termin Anfang September wird nichts, wie Robert Soos, Sprecher des städtischen Polizeidepartementes, auf Anfrage sagte. Grund sind Rekurse, die Milieu-Anwalt Valentin Landmann im Namen von fünf Prostituierten Ende Mai einreichte.

Die Frauen, die Landmann vertritt, wohnen und arbeiten im Haus an der Häringstrasse 17, dem sogenannten «Adventskalender», bekannt für die Fensterprostitution (die von der Einschränkung nicht betroffen ist). Landmann argumentiert, die zeitliche Einschränkung des Strassenstrichs verletze die Wirtschaftsfreiheit der Frauen und sei daher unverhältnismässig.

Ursprünglich gingen Landmanns Rekurse beim Bezirksrat ein. Dieser erklärte sich aber für nicht zuständig, weil es sich um eine ortspolizeiliche Massnahme handelt, und reichte sie kürzlich dem Statthalteramt weiter. Dort liegen sie nun. Bis ein Entscheid fällt, dauert es voraussichtlich mindestens ein halbes Jahr oder länger, wie es auf Anfrage hiess. Kommt dazu, dass Landmann oder die Stadt die Rekurse weiter an das Verwaltungsgericht und bis nach Lausanne ziehen können.

Barriere hat Lage gebessert

Als der Stadtrat die Einschränkung im März beschloss, hätte er den Entzug der aufschiebenden Wirkung anordnen können – damit die Massnahmen trotz Rekursen zum geplanten Zeitpunkt in Kraft hätten treten können.

Dies hat der Stadtrat aber nicht getan, wie Soos bestätigt. Warum nicht? Stufte er die Entlastung der Anwohner und Gewerbler als nicht so dringlich ein? Doch, erklärt Soos, begründet das gewählte Vorgehen aber damit, dass die Rechtsmittelinstanzen den Entzug der aufschiebenden Wirkung aufgrund der konkreten Situation im Niederdorf kaum schützen würden.

Die Lage habe sich nämlich merklich gebessert, seit im letzten November der Eingang der Zähringerstrasse beim Central von 19 Uhr bis 4 Uhr durch eine Barriere gesperrt worden sei. Sie verhindert, dass automobile Freier oder Gaffer zur späten Stunde Runden via den Seilergraben drehen können.

Lärm und Immissionen haben laut Soos seither abgenommen. Das sehen Anwohner und Gewerbler allerdings anders. «Gross geändert hat sich die Situation nicht», sagt Felix Helbling, Inhaber des Hotels Alexander und Mitglied der Interessengemeinschaft (IG) Zähringerstrasse, die den Strassenstrich am liebsten verbieten möchte.

Die Barriere habe das Problem der zirkulierenden Autos, die mit aufgedrehten Lautsprechern und offenen Fenstern unterwegs waren, zwar etwas entschärft. Die Zahl der Prostituierten sei aber nach wie vor hoch. Ihre Präsenz schädige die Gewerbebetriebe und verursache nach wie vor sehr viel Lärm. Die Barriere sei zudem ein zweischneidiges Schwert, weil sie auch Kunden von normalen Gewerbebetrieben abhalte, die am Abend noch irgendwo essen oder etwas einkaufen wollten.

Helbling findet es stossend, dass sich Prostituierte auf dem öffentlichen Raum unbehelligt anpreisen dürfen, Gewerbler aber für jeden Glacestand oder jede Werbetafel eine Bewilligung einholen müssen. Dass sich die zeitliche Einschränkung der Prostitution nun verzögert, findet der Hotelier sehr ärgerlich. Offiziell wisse er aber noch von nichts.

IG engagiert private Sicherheitsleute

Ein anderer Hotelier, ebenfalls Mitglied der IG, der nicht genannt sein will, reagiert ähnlich. Einmal mehr rege ihn die passive Haltung des Stadtrates auf. «Es herrschen nach wie vor unhaltbare Zustände», sagt der Mann. Hotelgäste würden von den Prostituierten belästigt, das Geschwätz und Geschrei bis spät in die Nacht störe stark und schädige das Geschäft.

Der Stadtrat kümmere sich mehr um die Interessen der Prostituierten als um jene der Anwohner, obwohl der Wohnanteil in der Zone 65 Prozent betrage. Dass die Prostituierten seit Anfang Jahr eine Standgebühr von fünf Franken zahlen müssen, sei einzig dem Insistieren der IG zu verdanken.

Weil sie sich von der Stadt vernachlässigt sieht, hat die IG auf eigene Kosten einen kleinen Sicherheitsdienst aufgezogen. Jeweils am Freitag und Samstag zwischen 22 und 24 Uhr patrouillieren private Sicherheitsleute. Für mehr reiche das Geld nicht, sagt Helbling.