Zürich
«Die ganze Schweiz wird profitieren»

Bundesrätin Doris Leuthard weihte gestern im Beisein von viel Politprominenz Zürichs neuen Bahnhof ein. So ging sie etwa mit Corinne Mauch, Ernst Stocker und SBB-CEO Andreas Meyer auf Testfahrt durch den Weinbergtunnel.

Matthias Scharrer
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Ankunft im Bahnhof Löwenstrasse: Der viergleisige Bahnhof unter dem Hauptbahnhof Zürich beschleunigt den S-Bahn- und ab 2015 auch den Fernverkehr.

Ankunft im Bahnhof Löwenstrasse: Der viergleisige Bahnhof unter dem Hauptbahnhof Zürich beschleunigt den S-Bahn- und ab 2015 auch den Fernverkehr.

Keystone

Das Gedränge beim Gleis 3 des Hauptbahnhofs Zürich ist gross an diesem Donnerstagmorgen. Mit einem Extrazug voller Politprominenz wird das Zwei-Milliarden-Projekt Durchmesserlinie (DML) eingeweiht. Im Gedränge auf dem Perron steht auch Moritz Leuenberger: «Ursprünglich hiess das Projekt Durchgangsbahnhof Zürich», erinnert der Alt-Bundesrat. «Dann wurde ‹Zürich› aus dem Namen gestrichen. Es ist eben ein Projekt von gesamtschweizerischer Bedeutung. Und es war ein grosses Stück Arbeit, dass nicht wieder der Anti-Zürich-Reflex hervorkam.»

Leuenberger plaudert mit Doris Leuthard, seiner Nachfolgerin im Verkehrsministerium. Später gesellt sich sein Vorgänger Adolf Ogi hinzu. Auch fast alle Zürcher Stadt- und Kantonsoberen tauchen auf. Vom Regierungsrat fehlt nur Finanzdirektorin Ursula Gut. Ob ihr die Rechnung für das Grossprojekt der Bahn noch schwer im Magen liegt? Immerhin bezahlt der Kanton Zürich ein Drittel der Gesamtkosten von zwei Milliarden Franken. Zudem schoss er dem Bund, der die übrigen zwei Drittel übernimmt, 500 Millionen vor, damit das Projekt in Gang kam.

Baudirektor Markus Kägi erklärt Guts Absenz: «Sie ist an einer Direktorenkonferenz.» Und Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker sagt später auf Anfrage, der Bund habe schon rund drei Viertel des zinslosen Darlehens aus Zürich zurückbezahlt – schneller als vereinbart. Der Rest des Geldes werde auch noch kommen.

Der Zug rollt an und fährt zunächst auf der herkömmlichen Strecke nach Zürich Oerlikon. Eine Entgleisung brächte jetzt einen guten Teil des Schweizer Politestablishments in Gefahr. «Zum Glück fahren wir noch nicht über die Brücken», witzelt CVP-Kantonsratsfraktionschef Philipp Kutter. Er spielt auf die Berechnungsfehler an, die den SBB-Planern beim Bau der zwei neuen Brücken für den Fernverkehr vor dem Hauptbahnhof unterliefen, sodass nun nachgebessert werden muss. Doch die Brücken sollen ohnehin erst Ende 2015 in Betrieb genommen werden. Und DML-Projektleiter Roland Kobel gibt sich zuversichtlich, dass der Plan zeitlich aufgeht.

Was schon mit dem Fahrplanwechsel am kommenden Wochenende aufgeht, ist zum einen der Weinbergtunnel von Oerlikon zum Hauptbahnhof; zum anderen der Bahnhof Löwenstrasse unter dem Hauptbahnhof, wo neu die S-Bahn-Linien S 2, S 8 und S 14 und ab Ende 2015 auch Fernverkehrszüge verkehren. In gemächlichem Tempo, damit die Extrafahrt nicht zu schnell vorbei ist, rollt der Promizug durch den 4,8 Kilometer langen Weinbergtunnel.

Auch der Verkehrsplaner Paul Stopper, der mit Gabi Petri vom Verkehrsclub der Schweiz die Idee eines unterirdischen Durchgangsbahnhofs Ende der 1990er-Jahre per Volksinitiative ins Rollen brachte, geniesst die Fahrt. Nur dass seine ursprüngliche Idee, den unterirdischen Bahnhof ausschliesslich für den S-BahnVerkehr zu nutzen, aufgegeben wurde, wurmt ihn: «Die Durchmischung mit dem Fernverkehr bringt Probleme, die unterschätzt werden», sagt Stopper. Fernverkehrszüge stehen länger im Bahnhof. Der neue Bahnhof Löwenstrasse könne daher nicht optimal effizient genutzt werden.

Der Zug unterquert die Limmat, rollt im viergleisigen Bahnhof Löwenstrasse ein und spuckt die gesammelte Politprominenz 16 Meter unter der alten Bahnhofshalle wieder aus. Jetzt wird es offiziell: Doris Leuthard durchschneidet mit einer goldenen Schere das rote Band zur Einweihung des neuen Bahnhofs, der mit einer goldenen Decke glänzt. «Die goldene Decke passt zu Zürich», meint Leuthard. «Ein bisschen Gold muss sein.» Zürichs Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker spinnt den Faden weiter: «Der Hauptbahnhof Zürich ist das Bahnherz der Schweiz. Deshalb wird dieser goldige Bahnhof auf die ganze Schweiz ausstrahlen.» SBB-Chef Andreas Meyer zeigt sich «froh und erleichtert», dass das Projekt pünktlich und im Kostenrahmen abgeschlossen ist. Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch, ganz in Orange gekleidet, bringt ihren Dank an die «orange Armee» der Bahn- und Bauarbeiter zum Ausdruck, die das Bahnhofs- und Tunnelbauwerk verwirklicht haben – und damit Zürich doch noch zu einer Art U-Bahn verhalfen.

Später, am Rednerpult in der Halle des Hauptbahnhofs, verkündet Leuthard, Zürich sei jetzt tatsächlich eine Weltstadt: «Weltstadt ist man nämlich nur, wenn man einen Tunnel unter einem Fluss baut, wie in New York.» Die DML diene in erster Linie dem Raum Zürich. Doch da schon bald täglich 500 000 Passagiere im Hauptbahnhof verkehren würden, lohne sich die Investition auch für den Bund. Zumal die DML ab Ende 2015 auch den Fernverkehr zwischen West- und Ostschweiz beschleunige. «Die ganze Schweiz wird profitieren», sagt Leuthard, und fügt an: «Vielleicht ist dies der Anfang von Swiss Metro.»