Zürich

Die Frauenzentrale Zürich will den Sexkauf verbieten – Kritiker lancieren nun eine Gegenkampagne

Frauenzentrale-Zürich-Präsidentin Andrea Gisler will nicht die Prostitution verbieten, sondern die Freier bestrafen.

Die Präsidentin der Frauenzentrale Zürich, Andrea Gisler, will die Prostitution in Zürich nicht verbieten – doch Freier sollen bestraft werden können.

Schweden hat eine Nachricht für die Schweiz: «Überall werden Schweden und die Schweiz verwechselt. Vielleicht habt Ihr Schweizer kein Problem damit. Aber wir schon.» Die Länder seien komplett verschieden, heisst es im kurzen Videoclip der Frauenzentrale Zürich weiter. Ein Mann im Kurzfilm sagt: «Zum Beispiel in Sachen Frauen.» Schweden hat das Frauenstimmrecht 1921 eingeführt – 50 Jahre vor der Schweiz. Der Mutterschaftsurlaub dauert im skandinavischen Land 78, in der Schweiz 14 Wochen.

Das wohl wichtigste Statement der Protagonisten im Video bezieht sich auf das Sexgewerbe. Während in Schweden Männer, die für Sex mit einer Frau Geld bezahlen, mit Busse oder Gefängnis bestraft werden, ist diese Handlung in der Schweiz legal. Das Video bildet den Auftakt zur Ende Juni lancierten Kampagne «Stopp Prostitution – für eine Schweiz ohne Freier». Der Film wurde von der Werbeagentur Publicis Schweiz produziert und in Stockholm mit schwedischen Schauspielerinnen und Schauspielern gedreht.

Zudem hat die Frauenzentrale Zürich die Website stopp-prostitution.ch ins Leben gerufen, die nun laufend erweitert werden soll. Neben Blogbeiträgen gibt es Fakten zum Thema Prostitution. So zeigt die Studie eines Forschungsteams der Universität Zürich um Wulf Rössler, ehemaliger Vorsteher des medizinischen Direktoriums der Psychiatrischen Universitätsklinik, dass Prostituierte überdurchschnittlich oft an Angststörungen und Depressionen leiden. Die Ergebnisse stammen aus einer Umfrage von 200 Prostituierten in Zürich im Jahr 2010. «30 Prozent erfüllten die Kriterien für eine Depression, 34 Prozent die Kriterien für eine Angststörung», wird Rössler damals in einer Medienmitteilung zitiert. Gemäss den Forschern seien gerade Schweizer Frauen, die auf der Strasse arbeiten, aber auch Frauen mit asiatischen Wurzeln, die Sex-Dienstleistungen in Bars oder Studios anbieten würden, besonders gefährdet. In der Studie werden deshalb bessere Arbeitsbedingungen gefordert.

Grundsatzdebatte anstossen

Erst am vergangenen Donnerstag hat der Zürcher Stadtrat in einem Bericht das Prostitutions-Gewerbe in der Stadt beleuchtet. Er kommt zum Schluss, dass sich die Situation stabilisiert habe. Heisst: Dass in Kleinstsalons angeschafft werden kann, erleichtere die Arbeit von Prostituierten; jedoch habe sich die Lage an der Langstrasse verschärft. Das Wort Stabilisierung löst bei Gisler Kritik aus: «Um die Situation und den Schutz der Frauen ist es noch nie gegangen. Wird das Stadtbild allzu stark gestört wie seinerzeit am Sihlquai, zügelt man den ganzen Strassenstrich kurzerhand in Verrichtungsboxen in die Industriezone und preist dies als Schutz für die Frauen an.»

Deshalb will die Frauenzentrale mit ihrer Kampagne eine Grundsatzdebatte über die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau anstossen. «Prostitution wird es wie Mord und Sklaverei immer geben. Das kann uns nicht hindern, dagegen anzukämpfen.» Denn dass man Frauen wie ein Konsumgut kaufen könne, sei ein Verstoss gegen die Menschenwürde. Diese Ansicht teilen auf der Stopp-Prostitution-Website EVP-Kantonsrätin Barbara Günthard Fitze und Filmregisseurin Barbara Volpe sowie Martin Bachmann vom Mannebüro Züri oder Beat Staub, Vorstandsmitglied bei «Männer gegen Frauenhandel». Die Website liefert zudem eine Übersicht über die aktuelle Rechtslage in verschiedenen europäischen Ländern.

Gegenkampagne lanciert

Diverse Studien kommen hinsichtlich der Wirksamkeit der Gesetzeslage in Schweden zu unterschiedlichen Schlüssen (siehe Zweittext). So auch sieben Organisationen, die sich täglich mit Sexarbeit und Sexarbeitenden befassen sowie Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft. Zusammen haben sie nun die Gegenkampagne «Sexarbeit ist Arbeit» lanciert. Im Freierverbot sehen sie grosse Gefahren. So schreiben sie auf der Kampagnen-Website, dass mit der Bestrafung von Kunden, die für Sex bezahlen, das Gewerbe in die Illegalität gedrängt werde. «Im Verborgenen können sich die Sexarbeitenden schlecht gegen Ausbeutung und Gewalt wehren. In der Illegalität sind auch diejenigen Menschen nicht erreichbar, die Sexarbeit unter Zwang ausüben: Opfer von Menschenhandel», appellieren die Unterstützer der Gegenkampagne.

«Solange Prostitution gesellschaftlich akzeptiert und sogar noch mit Steuergeldern unterstützt wird, wird es keine Gleichberechtigung geben», so Gisler. Die Kritiker von «Sexarbeit ist Arbeit» argumentieren, dass das Angebot von Sex gegen Geld den Sexarbeitenden offen stehen muss. Es fallen die Schlagworte «Selbstbestimmung und Gewerbefreiheit». Die von der Frauenzentrale geforderte Freierstrafe würde deshalb eine absurde Situation kreieren: «Die Sexarbeitenden dürften zwar ihr Gewerbe betreiben, aber ihre Kunden machten sich strafbar.» Und weiter: «Ein Sexkaufverbot erschwert den Kampf gegen Menschenhandel und den Schutz von Opfern von Gewalt.»

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