Die Europaallee? Der Rentner, der fast täglich durch das Gitter den Baggern zuschaut, zuckt etwas ratlos die Schultern. Das neue Quartier sei halt städtisch. «Alles ist gross, alles glänzt.» Aber ihm fehle so etwas wie die Seele des Quartiers.

Die Europaallee, neben dem Zürcher Hauptbahnhof gelegen, hat insbesondere in linken Kreisen ein Imageproblem; das neue Quartier gilt als Beispiel der sogenannten Gentrifizierung: Es entstehen teure Bauten, mit und in denen dem Kommerz gefrönt wird und die keinen Raum für den «gewöhnlichen Zürcher» lassen. Mitte Dezember des vergangenen Jahres wurde die Allee zur Kampfzone; eine Gruppe hatte Scheiben verschiedener Geschäfte eingeschlagen und eine Spur der Verwüstung hinter sich hergezogen. Auf Flyern hiess es, das sei ein Zeichen «gegen wüste Betonlandschaften». Es wurde «die kapitalistische Stadtentwicklung mit ihrer Verdrängung» angeprangert.

Krawall? Teure Mieten? Eine Seniorenresidenz, die wegen ihrer Preise Banker statt Betagte anlockt, wie die Sonntagspresse kürzlich vermeldet hat? Ein Ladeninhaber an der Lagerstrasse verwirft die Hände. Man solle endlich aufhören mit all diesen schlechten Geschichten. «Kapitalistischen Protz gibt es hier nicht, wir sind einfach ganz normale Geschäftstreibende.»

Hier, auf der dem Bahnhof abgewandten Seite, die den Übergang ins einstige Problem- und heutige Trendquartier Langstrasse markiert, sind kleinere Shops eingemietet. Die SBB, die ihren Grund und Boden an bester Lage entwickeln und rund 1,2 Milliarden Franken investieren, haben hier bewusst auf internationale Marken verzichtet. Es findet sich ein Juwelier, eine Floristin, ein Schuhmacher. Letzterer hat – überraschenderweise – die Gentrifizierung an die Europaallee verschlagen: Salvatore Viceconte musste sein Geschäft im Kreis 4 aufgeben, weil jene alte Liegenschaft umgebaut und aufgewertet wurde. «Es läuft ganz gut», meint der Italiener. Dank der Nähe zu seinem alten Geschäft habe er viele Stammkunden behalten können. Zudem gebe es viel Laufkundschaft. «Aber jetzt ist erst ein Jahr vergangen», sagt der Italiener. Was in drei oder fünf Jahren sei, wisse man nicht. Aber das werde schon.

In einem Zürcher Blog wird gerade die These vertreten, dass der Saubannerzug vom Dezember der Europaallee geholfen habe: Wegen der kaputten Scheiben, die lange nicht ersetzt wurden, hätten Kunden aus Mitleid mehr gekauft. Viceconte meint hingegen, dass 2014 ein gutes Jahr gewesen sei, es nun aber ruhiger geworden sei. Ein Goldschmied beklagte im Regionaljournal, dass der Umsatz nach dem Krawall um bis zu 90 Prozent eingebrochen sei. Die kaputte Scheibe habe Laufkundschaft abgeschreckt. Und beim Restaurant «Neo», dessen vier Meter hohe Fensterscheiben Spezialanfertigungen sind, wird darauf hingewiesen, dass nach den Krawallen «Sonderkosten» angefallen sind; auch wenn die Versicherung den Schaden übernehme, bleibe ja ein Selbstbehalt, der gerade auch für kleinere Läden happig sein kann.

Ein Quartier wächst heran

Unbestritten ist, dass die Europaallee zunehmend bekannter wird, dass sie als Quartier wahrgenommen wird, wie mehrere Geschäftsinhaber sagen. «Noch ist ja erst die Hälfte der Allee erstellt», meint etwa Thomas Russell, Geschäftsführer des auf Öl und Spirituosen spezialisierten «Vom Fass». Die Laufkundschaft nehme aber kontinuierlich zu.

Bei den Passanten fällt das Echo auf die «Europaallee» unterschiedlich aus. Die Shops seien cool, sagt etwa eine Studentin, die einen Kaffeebecher einer internationalen Kette in der Hand hält. Den Kaffee werde sie aber im Tram trinken. «Hier ist ja eine Baustelle.» Viele weitere kritisieren, dass die Allee noch keine Allee sei.

Dem Quartier Europaallee, das die SBB einst unter dem Projektnamen «Stadtraum HB» gestartet hatten, fehlt derzeit insbesondere noch der Raum, der Platz. Zwar soll laut Beschrieb am Ende «die mit 75 Ginkgo-Bäumen gesäumte Europaallee das Rückgrat des neuen Stadtteils bilden und zusammen mit den beiden neuen Plätzen – dem Europaplatz und dem Gustav-Gull-Platz – den öffentlichen Raum prägen». Noch ist die Europaallee aber auf der Bahnhofsseite von Baggern aufgerissen. Statt einer Baum- steht hier eine Gitterallee. Erst ab 2017 folgt die definitive Gestaltung des öffentlichen Raums.

Dabei gibt es durchaus schon öffentliche Räume: Cornelia Alb vom Büro «Raum Mensch Kultur», die Rundgänge durch das Quartier anbietet, führt ihre Gruppe etwa in den öffentlichen, aber etwas versteckten Innenraum beim Gebäude der UBS. Stühle eines Cafés, künstliche Wasserflächen laden hier gerade im Sommer zum Verweilen ein. Und die Kantine, sagt Alb, bietet mitten in Zürich einen Kaffee für 2.70 Franken an. «Es ist nicht alles teuer in der Europaallee.»

Und der Rentner beim Gitter, der den Baufortschritt mitverfolgt, meint: Es dauere ja noch fünf Jahre. «Das kann schon noch werden mit der Seele.»