Politiker wissen: Wer seine Argumente mit wissenschaftlichen Erkenntnissen der ETH Zürich anreichern kann, gilt als ausgesprochen glaubwürdig. In Universitätsrankings schneidet die Bildungsstätte laut eigenen Angaben regelmässig als beste Hochschule auf dem europäischen Festland ab.

In der Debatte um den Atomausstieg und die Energiewende führt dies nun zur grotesken Situation, dass sowohl AKW-Gegner als auch -Befürworter ihren energiepolitischen Forderungen mit der ETH als Kronzeugin zu Schlagkraft verhelfen wollen.

Zwei Studien, zwei Meinungen

Als Erste berief sich keine Geringere als CVP-Bundesrätin Doris Leuthard auf eine Studie der renommierten Forschungsinstitution. So antwortete sie im September 2011 bei der Debatte des Ständerates zum Atomausstieg auf eine Verbalattacke des Berner SVP-Politikers Adrian Amstutz, immerhin habe die ETH, «eine der Top-Universitäten der Welt», die bundesrätliche Energiestrategie untersucht und für gut befunden. «Wenn Sie sich mit der ETH anlegen wollen, ist das Ihre Sache.» Sie glaube, Politikerinnen und Politiker sollten «in solchen Fragen der Wissenschaft vertrauen».

In ihrem Votum bezog sich Leuthard auf eine wenige Wochen vor der Ständeratsdebatte veröffentlichte Studie der ETH Zürich. Eine Gruppe von Forschenden des Energy Science Center (ESC) war darin zum Schluss gekommen, dass der Atomausstieg technologisch möglich und wirtschaftlich verkraftbar sei. Die rechtskonservative «Weltwoche» keifte daraufhin, die ETH Zürich segne mit fragwürdigen Studien «immer neue grüne Polit-Utopien» ab.

Wie es das Schicksal will, werden die Gegner des Atomausstiegs morgen, etwa ein Jahr später, ebenfalls anhand einer ETH-Studie gegen Leuthard Stimmung machen. Als einer der vehementesten Kritiker hat der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse die Präsentation einer Studie «über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen» der Energiestrategie 2050 angekündigt. Autor ist der ETH-Wirtschaftsprofessor Peter Egger.

Gestützt auf Eggers Forschungspapier wird der mächtige Verband «eine generelle Überarbeitung der Energiestrategie» verlangen, wie Urs Näf, stellvertretender Leiter Energie, auf Anfrage ankündigt. Was das bedeutet, ist klar: Economiesuisse wird das energiepolitische Programm des Bundesrates in seiner Vernehmlassungsantwort als unfundiert und zu optimistisch zerzausen.

Nach der politischen Dimension seiner noch unveröffentlichten Studie gefragt, schreibt ETH-Professor Egger in einem E-Mail an die «Nordwestschweiz», es sei nicht sein Anliegen, «irgendetwas politisch zu befördern oder zu verhindern». Eine Einflussnahme seitens Economiesuisse verneint er: «Ich lasse meine Meinung von niemandem kaufen und verfasse Studien dieser Art nur dann, wenn keinerlei Einfluss auf Methodik und Stossrichtung genommen wird.» Es sei daher unerheblich, wer die Studie finanziert habe.

Lucas Bretschger, ETH-Professor für Ressourcenökonomie und Mitverfasser der ersten ETH-Studie zum Thema Atomausstieg, möchte sich auf Anfrage nicht zum Arbeitspapier seines Kollegen äussern, da er sich auf einem Forschungsaufenthalt im Ausland befinde und «über gewisse Entwicklungen in der Schweiz» nicht vollständig informiert sei.

Girod wiegelt ab

Nationalrat und ETH-Wissenschafter Bastien Girod (Grüne/ZH) nimmt seine Hochschule auf Anfrage in Schutz: «Die Öffentlichkeit muss lernen, dass die ETH Zürich nicht in jedem Themenbereich mit einer geschlossenen Stimme nach aussen spricht. Das ist halt so in der Wissenschaft», sagt er.