Kinderspital Zürich
Die Emanzipation der Schwestern

Früher pflegten Diakonissen die Patienten am Kinderspital Zürich. Für sie war ihre Tätigkeit ein Gottesauftrag. Heute sind Pflegefachleute hoch spezialisiert und keiner würde sie mehr «Schwestern» nennen

Katrin Oller
Merken
Drucken
Teilen
Kinderspital Zürich
6 Bilder
Diakonissen beim Spielen mit Patientinnen und Patienten (1920er-Jahre).
Diakonissen posieren auf dem Dach des Hauptgebäudes (1920er-Jahre).
Krankenschwestern in Uniform (Ende 1970er- bis Anfang 1980er-Jahre).
Susi Pfister, Pflegedienstleiterinvon 1973 bis 2000 «Ich musste noch bezahlen für meine Lehrzeit.»
Bettina Kuster, Pflegedirektorin seit 2017 «Kinder merken sofort, wenn man sie anlügt.»

Kinderspital Zürich

Zur Verfügung gestellt

Wenn die Eltern nach der Besuchszeit ihre Kinder im Spital zurückliessen, gab es Tränen und herzzerreissende Abschiedsszenen. «Um allen dieses Drama zu ersparen, durften die Eltern noch in den 1960er-Jahren nur drei Mal pro Woche im Kispi zu Besuch kommen», erzählt Susi Pfister. «Man wollte die Kinder schonen.»

Zu der Zeit hatte Susi Pfister gerade ihre Ausbildung am Universitären Kinderspital Zürich abgeschlossen. Später war sie 23 Jahre lang Pflegedienstleiterin bis zu ihrer Pensionierung 2000. Heute schaut die 79-jährige gebürtige Meilemerin gerne auf ihre Kispi-Zeit zurück. «Das ist aber alles schon so lange her», sagt sie im Gespräch mit der heutigen Pflegedirektorin des Kispis.

Bettina Kuster, Pflegedirektorin seit 2017 «Kinder merken sofort, wenn man sie anlügt.»

Bettina Kuster, Pflegedirektorin seit 2017 «Kinder merken sofort, wenn man sie anlügt.»

Zur Verfügung gestellt

Bettina Kuster ist 55 Jahre alt, in Wil SG aufgewachsen und hat ihre Position seit 2017 inne. Zuvor arbeitete sie am Kantonsspital Winterthur und setzte sich für die Pflegeentwicklung ein. Ausgebildet wurde sie in den 1980er- und 1990er-Jahren in allgemeiner Krankenpflege. Heute hat sie einen Universitätsabschluss.

Susi Pfister wurde am Kispi während zweier Jahre zur Kinderkrankenschwester ausgebildet: «Ich musste damals noch bezahlen für meine Lehrzeit», sagt sie. Sie arbeitete im Spital, wohnte im Personalhaus und ging einen Tag pro Woche zur Schule. «Aus heutiger Sicht war das viel zu wenig Theoriewissen.» 1964 wurde die Ausbildung auf drei Jahre verlängert und sie erhielt einen höheren Stellenwert: Neu gab es für die Ausbildung ein vom Schweizerischen Roten Kreuz anerkanntes Diplom.

Zusatzausbildungen existierten noch nicht. Dennoch wurden Kinderkrankenschwestern mit enormem Erfahrungswissen Koryphäen auf ihrem Gebiet und genossen auch bei den Ärzten hohes Ansehen. «Wenn es im Notfall um die Unterscheidung von Kinderkrankheiten ging, sagten mir viele Assistenzärzte, das hätten sie von Schwester Irma gelernt», sagt Susi Pfister.

Während Susi Pfisters Ausbildungszeit dominierten in der Pflege am Kispi noch die Diakonissen. Sie sahen sich als Ersatzmütter für die kleinen Patienten. 1964 zogen sich die Diakonissen nach 80 Jahren vom Kinderspital zurück und freie Schwestern übernahmen auch die Leitungsfunktionen.

Rückzug der Diakonissen

«Der Übergang war nicht ganz einfach», sagt Susi Pfister. Die Ärzte hätten sich daran gewöhnt, dass die Diakonissen immer da waren. «Für sie war die Pflege ein Gottesauftrag.» Mit ihrem Rückzug kam vieles ins Rollen. Susi Pfister wurde nach mehreren Jahren Praxis Oberschwester der Chirurgie und später Leiterin des Pflegedienstes. Die Arbeitsstunden wurden schrittweise von 48 auf 42 Stunden pro Woche reduziert. Der Schichtbetrieb, eine Personaleinsatzplanung und die Zeiterfassung wurden nach und nach eingeführt.

Susi Pfister, Pflegedienstleiterinvon 1973 bis 2000 «Ich musste noch bezahlen für meine Lehrzeit.»

Susi Pfister, Pflegedienstleiterinvon 1973 bis 2000 «Ich musste noch bezahlen für meine Lehrzeit.»

Zur Verfügung gestellt

Die strikten Besuchszeiten wurden ab den 1970er-Jahren sukzessive abgeschafft. «Man sah ein, wie wichtig die Präsenz der Eltern für die Genesung der Kinder ist», sagt Susi Pfister. Das war ein Umdenken für die Kinderkrankenschwestern: «Sie mussten lernen, in der Präsenz der Eltern zu arbeiten und deren Fragen zu beantworten.» Der Systemwechsel hin zur Betreuung der ganzen Familie habe schliesslich in den 1990er-Jahren stattgefunden, sagt Bettina Kuster. «Gerade bei chronisch kranken Kindern hat man erkannt, dass Eltern und Geschwister die Experten sind.»

Auch das Team der Pflegefachpersonen diversifizierte sich. Heute sind die Rollen und Aufgabengebiete klar definiert. Seit 2006 gibt es die Fachfrauen und -männer Gesundheit (Fa-Ge), die eine dreijährige Ausbildung mit Fähigkeitsausweis abschliessen. Pflegefachfrauen und -männer absolvieren heute eine Diplomausbildung an einer Höheren Fachschule oder einen Bachelor an einer Fachhochschule. Zudem gibt es ein Masterstudium für hoch spezialisierte Pflegefachpersonen. Am Kinderspital Zürich arbeiten auch drei Pflegefachpersonen mit einem Doktortitel. «Die akademisierte Pflege ist noch keine Selbstverständlichkeit», sagt Bettina Kuster. Oft werde kritisch gefragt, was der Titel den Patienten bringe.

Geschichte der Emanzipation

«Die Entwicklung der Profession Pflege ist eine Emanzipationsgeschichte», sagt Bettina Kuster. Ausgebildet wurde sie selber noch als Schwester Bettina. Heute sei sie Frau Kuster. Diese Umstellung sei älteren Ärzten nicht leicht gefallen, sagt Susi Pfister: «Einer grüsste mich noch Jahre lang in der Migros als Schwester Susi.»

Die Frauen mussten sich nicht nur die Begrifflichkeiten erkämpfen, sondern auch den Wiedereinstieg in den Beruf nach Heirat und Familiengründung. «Ich rief viele Ehemalige an und fragte sie, ob sie im Teilzeitpensum zurückkommen wollten», sagt Susi Pfister. Zuerst hätten viele gefragt, ob das überhaupt möglich sei. «Diese Frauen waren durch ihr Berufswissen und ihre Erfahrung mit eigenen Kindern wertvolle Wiedereinsteigerinnen.»

«Kinder sind echt»

Susi Pfister war ab 1973 die erste Pflegedienstleiterin im Kinderspital und durfte an den Stiftungsratssitzungen teilnehmen – ohne Stimmrecht. «Das war dennoch ein gewaltiger Fortschritt und eine Anerkennung des Pflegedienstes», sagt sie. Bettina Kuster ist heute selbstverständliches Mitglied der Geschäftsleitung. Dennoch sei die interdisziplinäre Zusammenarbeit noch nicht überall durchgedrungen. Oft stehe diese nur auf dem Papier. Kuster hält es für essenziell, sich für den gemeinsamen Weg zu engagieren, gerade unter steigendem ökonomischem Druck.

Alleine bewege man im Kinderspital gar nichts, sind sich die beiden Frauen einig. Allen Mitarbeitenden sei gemeinsam, dass sie sich für das Kind und seine Familie einsetzten: «Kinder sind echt und merken sofort, wenn man sie anlügt», sagt Bettina Kuster. Wenn etwas wehtue, müsse man ihnen das sagen. «Wer Effizienz und schnelle Abläufe sucht, ist im Kispi am falschen Ort», sagt Bettina Kuster. Oft seien spielerische Ansätze gefragt, damit sich Kinder wohlfühlen. «Und eine gute Beobachtungsgabe», ergänzt Susi Pfister. «Erkennt man einen Notfall nicht, wird es vor allem bei Kleinkindern schnell lebensgefährlich.»