Zürich

«Die Einsamkeit ist extrem» – diesen Einfluss hat das Coronavirus auf die Hilfe für Randständige

Der Pfuusbus beim Strassenverkehrsamt in Zürich hätte eigentlich schon Saisonschluss gehabt. Jetzt dient er als 24-Stunden-Betreuungsstelle für Randständige. Am Gabenzaun beim Kanzleiareal im Zürcher Kreis 4 kann man unkompliziert Kleider oder Lebensmittel für Bedürftige spenden.

Der Pfuusbus beim Strassenverkehrsamt in Zürich hätte eigentlich schon Saisonschluss gehabt. Jetzt dient er als 24-Stunden-Betreuungsstelle für Randständige. Am Gabenzaun beim Kanzleiareal im Zürcher Kreis 4 kann man unkompliziert Kleider oder Lebensmittel für Bedürftige spenden.

Viele Hilfsangebote für Randständige wurden nach dem Corona-Lockdown heruntergefahren – und nun teilweise den Social-Distancing-Regeln angepasst.

Mittagszeit beim Pfuusbus in Zürich: Unter dem blauen Zeltdach beim Eingang steht ein Pfuusbus-Mitarbeiter mit Mundschutz und kontrolliert den Zugang. Er spricht mit einem verwitterten Bärtigen. Regen fällt auf den Asphaltplatz beim Strassenverkehrsamt. Hier finden Randständige ein Dach über dem Kopf, etwas zu Essen – und Gesprächsmöglichkeiten. «Letzteres ist etwas vom Wichtigsten», sagt Walter von Arburg, Sprecher des Sozialwerks Pfarrer Sieber (SWS), das den Pfuusbus betreibt. «Die Einsamkeit ist extrem. Ein Obdachloser sagte mir kürzlich: Wenn ich als Randständiger jetzt ins Stadtzentrum gehe, bin ich zwar im Zentrum, aber da ist niemand mehr. Die Gesellschaft hat sich verabschiedet.»

Nachdem der Bundesrat Mitte März den Lockdown wegen der Coronapandemie verfügte, verloren auch viele Randständige ihre Anlaufstellen. Notunterkünfte schlossen oder reduzierten ihr Angebot. Beizen gingen zu. Pärke wurden abgesperrt. «Die Leute wussten nicht, wo sie hinsollten», sagt von Arburg.

Auch die SWS-Notschlafstellen Pfuusbus und Iglu mussten schon Mitte März statt wie sonst Mitte April schliessen. Zwei Tage später öffnete das SWS den Pfuusbus wieder, als Anlaufstelle. «Bleiben sie zu Hause», raten Plakate der Stadt Zürich deren Bewohnern in Coronazeiten. «Für Obdachlose ist das ein Ding der Unmöglichkeit», so von Arburg.

Deswegen sei der Pfuusbus jetzt wieder offen – als 24-Stunden-Betreuungsangebot. 30 bis 50 Leute kämen pro Tag. Alle würden auf Coronasymptome kontrolliert. Bei Verdachtsfällen kommen laut von Arburg Ärzte des SWS-Spitals Sunne-Egge zum Einsatz, um das weitere Vorgehen zu klären. In den Zelten müssen die Besucher die Corona-Abstandsregeln einhalten und können dort auch schlafen. Wer in der Stadt Zürich angemeldet sei, werde an die städtischen Notschlafstellen verwiesen. «Unsere Gäste machen sehr gut mit», sagt von Arburg. «Sie tragen die Schutzmasken, die wir verteilen.» Nach einem Spendenaufruf des SWS seien bereits 500 selbst genähte, wiederverwendbare Schutzmasken eingetroffen.

Normalerweise steht der Pfuusbus den Randständigen nur in der kalten Jahreszeit zur Verfügung, da die Obdachlosen im Sommer weniger auf einen überdachten Schlafplatz angewiesen sind. Wie lange das Spezialangebot in der Coronakrise bestehen bleibt, ist laut von Arburg offen und nicht zuletzt eine Ressourcenfrage. Jetzt seien noch viele freiwillige Helfer im Einsatz, die wegen des Lockdowns ihren Beruf nicht oder nur eingeschränkt ausüben könnten. Doch das könnte sich wieder ändern.

Heilsarmee verdreifachte Essensausgabe

Auch andere Hilfsorganisationen haben ihr Angebot der Krisenlage angepasst. So hat die Heilsarmee ihre Essensausgaben massiv ausgebaut: Wurden im «Hope House» an der Ankerstrasse im Zürcher Kreis 4 Mitte März noch rund 50 Mahlzeiten pro Tag ausgegeben, so sind es jetzt über 150, wie Heilsarmee-Sprecher Philipp Steiner sagt. Die Nachfrage sei infolge des Lockdowns massiv angestiegen. Als Gründe führt er zwei Punkte an: Alle Restaurants wurden geschlossen. Und Bettler verdienen kein Geld mehr, seit kaum noch Passanten unterwegs sind.

Der Verkauf des Strassenmagazins «Surprise», eine wichtige Einnahmequelle für viele Randständige, ist ebenfalls eingestellt, wie die «Surprise»-Macherinnen und -Macher auf ihrer Website schreiben – verbunden mit einem Spendenaufruf.

Der Verein Tischleindeckdich, der gegen Bezugsscheine nicht mehr verkäufliche Lebensmittel von Detailhändlern an Bedürftige weitergibt, musste zudem infolge der Coronakrise sämtliche Abgabestellen schliessen, wie das Online-Magazin «Republik» schrieb. Begründung: Das Durchschnittsalter der freiwilligen Helferinnen und Helfer habe 67 Jahre betragen. In Coronazeiten heisst dies: Risikogruppe.

Inzwischen wurde jedoch ein Sicherheitskonzept entwickelt, sodass schweizweit 43 von insgesamt 132 Tischleindeckdich-Abgabestellen bis Ende Mai wieder aufgehen. Im Kanton Zürich etwa sind die Abgabestellen in Dietikon, Regensdorf, Winterthur Zentrum, Uster, Hinwil und Zürich Schwamendingen ab dieser Woche wieder eröffnet, wie eine Anfrage ergab. Nächste Woche kommen Kloten und Winterthur Wülflingen hinzu.

Die Coronakrise hat auch neue Hilfsangebote ins Leben gerufen. Der Zaun um das geschlossene Kanzleiareal im Zürcher Kreis 4 wurde Anfang April etwa zum Gabenzaun. So nennt sich eine private Initiative, die über Social Media in zahlreichen Gemeinden Verbreitung fand. Wer will, kann Gaben wie zum Beispiel gut erhaltene Kleider oder Lebensmittel in transparente Plastiksäcke stecken, diese beschriften und an den Zaun hängen. Randständige können sich dort bedienen.

Notschlafstelle reduzierte Bettenangebot

Die Stadt Zürich passte ihre Hilfsangebote ebenfalls an: So wurde das Angebot der Notschlafstelle an der Rosengartenstrasse zwar von 52 auf rund 20 Betten reduziert, um die Social-Distancing-Regeln einzuhalten. In den wenigen Fällen, in denen dies nicht ausreiche, werden Obdachlose in anderen wohnintegrativen Angeboten oder in einem Hotel untergebracht, wie Nadeen Schuster, Sprecherin der sozialen Einrichtungen und Betriebe der Stadt, auf Anfrage sagt. Dafür ist die Notschlafstelle nun auch tagsüber geöffnet. Auch in der Nachtpension im Stadtkreis 3 wurde auf 24-Stunden-Betrieb umgestellt. Die bisherigen Kontakt- und Anlaufstellen für Drogenkonsumenten schloss die Stadt und eröffnete als Ersatz eine Kontakt- und Anlaufstelle beim Strichplatz in Zürich-Altstetten. «Aus unserer Sicht haben sich keine neuen Problemstellungen ergeben», sagt Schuster.

Bei SWS-Sprecher von Arburg klingt das Fazit etwas anders: «Die bisherige Klientel konnte sich organisieren und wir unterstützen sie, so gut es geht», sagt er. Doch ein grösseres Problem könnte sich schon bald stellen. Dann nämlich, wenn es gelte, die Leute aufzufangen, die nun wegen der Coronakrise zusätzlich in die Sozialhilfe rutschen: «Unsere Sozialberatung hatte in den letzten Tagen bereits mehr Anfragen.»

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