Zürich
Die Droge Nummer eins an der Streetparade ist der Alkohol

Calvin Klein, Dolce & Gabbana und Chanel: Diese Marken dürften an der diesjährigen Streetparade wieder hoch im Kurs sein. Denn sie gehören zu den zahlreichen Brands, die auf Ecstasy-Pillen vorkommen. Droge Nummer eins an der grossen Technoparty ist aber der Alkohol.

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Heisse Luft aussen und innen: Ballone waren ein beliebtes Accessoire bei der Ausgabe 2016.
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Impression von der Street Parade 2016.
Impression von der Street Parade 2016.
Impression von der Street Parade 2016.
Impression von der Street Parade 2016.
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Kopie von Die Street Parade 2016 in Bildern
Die Cheerleading Gruppe Eurodancers aus Schlieren
Auch die SBB sind in Partylaune
Die Partysüchtigen zieht es nach Zürich.
Die Lovemobiles sind gestartet.
Raver aus dem Tessin feiern bereits im Street-Parade-Extrazug nach Zürich ausgelassen. Die SBB stellen bis in die frühen Morgenstunden Extrazüge Nacht-Busse und Trams bereit.
Die StreetParadeFamilie
Lovemobiles am Bellevue
Die Stimmung in den S-Bahnen ist schon vor dem offiziellen Beginn prächtig.

Heisse Luft aussen und innen: Ballone waren ein beliebtes Accessoire bei der Ausgabe 2016.

Keystone/Walter Bieri

Christian Kobel ist inzwischen bestens vertraut mit den verschiedenen illegalen Substanzen, die in Zürich konsumiert werden, obwohl er selbst keine Drogen nimmt. Er ist der Leiter der Zürcher Jugendberatung "Streetwork", die das ganze Jahr durch anonyme Beratung und Substanzanalysen anbietet.

Diese Möglichkeit besteht auch an der Zürcher Streetparade, wo jedes Jahr im Auftrag der Stadt ein mobiles Drug-Checking-Labor aufgestellt wird. Dort kann man die Zusammensetzung seiner Partydrogen vor Ort von Chemikerinnen und Chemielaboranten testen lassen. Die Analyse dauert etwa eine halbe Stunde.

Die Streetparade gehört zu den jährlichen Anlässen, an denen die Nachfrage nach den unkomplizierten Drogentests jeweils besonders hoch ist. Dennoch ist die Parade besser als ihr Ruf. "Nur der kleinste Teil konsumiert illegale Drogen", sagt Kobel. Er schätzt die Anzahl auf etwa fünf Prozent. "Die grössten Probleme haben wir an der Streetparade wegen des Alkohols."

Da aber jeweils Hunderttausende Menschen am Event teilnehmen, steigt der Drogenkonsum an einem solchen Wochenende anzahlmässig dennoch deutlich an. Bei einer Teilnehmerzahl von einer Million (wie im Jahr 2015) entsprechen fünf Prozent 50'000 Personen, die illegale Substanzen konsumieren.

Zudem sei die Streetparade ein Anlass, an dem viele zum ersten Mal Drogen probieren wollen, erklärt Kobel. Der Anlass sei dabei denkbar schlecht gewählt. Denn wenn jemand einen schlechten Trip erlebe, sei dies wegen der Menschenmenge und der August-Hitze oft besonders problematisch.

Gefährliche Trends

Zu schweren gesundheitlichen Zwischenfällen mit Partydrogen kommt es laut dem Leiter des Drogeninformationszentrums in der Schweiz zum Glück jedoch relativ selten. Die Leute seien aufgeklärter als früher - nicht zuletzt dank des Internets, das umfangreiche Informationen liefere.

Dennoch sind mit jedem Drogenkonsum Risiken verbunden. Derzeit stellen Kobel und sein Team zudem zwei gefährliche Trends fest. Dazu gehören sehr hoch dosierte Ecstasy-Pillen, die mehr als 200 Milligramm MDMA enthalten, sowie durch Streckmittel verunreinigtes Kokain, das schwer abschätzbare Gesundheitsrisiken birgt.

Der grösste Teil der Drogen ist allerdings legal erhältlich, wie Kobel in Erinnerung ruft. Dazu zählen Alkohol und Medikamente. Erst danach kommen auf der Konsumrangliste die illegalen Drogen. Auf Platz eins liegt Cannabis, gefolgt von den "Partydrogen" Kokain, Ecstasy und Speed.

Das Bedürfnis einiger Menschen nach Drogen sei eine Tatsache. Wichtig sei, dass die Leute lernten, damit umzugehen. "Wir helfen, die Risiken zu minimieren", erklärt Kobel die Arbeit seines Teams. Die Schadenminderung ist gleichzeitig eine von vier Säulen der schweizerischen Drogenpolitik, die zudem aus Prävention, Repression und Therapie besteht.

25 Jahre Street Parade
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1993 sind es schon rund zehn Mal so viele Teilnehmer.
1994 will die Polizei den Anlass die Streetparade verhindern – ohne Erfolg.
1995: Der Nuggi als unverzichtbares Raver-Assecoire.
1996: Die Organisation wird zunehmend professionell – der Anlass aber auch immer kommerzieller.
1997: Keine Street Parade ohne viel nackte Haut.
1998 zählt die Street Parade 30 Lovemobiles.
1999 geht erstmals Radio Street Parade auf Sendung
2000 folgt die erste TV-Liveübertragung.
2001 zieht die Street Parade 1 Million Besucher an.
2002 sind es deutlich weniger, denn es regnet in Strömen.
Im Hitzesommer 2003 schmoren die Besucher bei Temperaturen von bis zu 37 Grad.
2004 tanzen wiederum eine Million Besucher zum Motto «Elements of Culture»
2005 ziehen 32 Lovemobiles durch Zürich – bis heute Rekord.
2006: Die Street Parade wird zunehmend zum Volksfest. Viele Besucher verfolgen die Parade unverkleidet als Zuschauer.
Während in den Anfangsjahren noch kein Bier augeschenkt wurde, klagen Besucher jetzt über aggressive Stimmung. 2007 stirbt ein Teilnehmer nach einer Messerstecherei.
2008 wird das Konzept überarbeitet. Beizen erhalten keine Sonderbewilligungen mehr, die Party am Bahnhof endet bereits um Mitternacht.
2009 Regen, Kälte und Schweinegrippe halten die Besucherzahlen in Grenzen.
2010 überschattet das Unglück bei der Loveparade von Duisburg den Anlass. Mit einer Schweigeminute wird den 21 Toten gedacht.
2011: Die Street Parade feiert Geburtstag. Das Motto lautet: «20 Years Love, Freedom, Tolerance & Respect»
2012: Weil die Soundanlage nicht ausreicht, kommt es auf Facebook und Twitter zum Shitstorm.
2013: Tanzen wieder knapp eine Million ums Seebecken.
Ebenso 2014. Wegen der Leichtathletik-EM findet die Street Parade Parade eine Woche früher.
Wegen Bauarbeiten auf der Quaibrücke und am Bellevue muss der Termin erneut geändert werden.

25 Jahre Street Parade

zvg/streetparade.com

Die Menge macht das Gift

"Streetwork" rät in jedem Fall vom Konsum von illegalen und riskanten Substanzen ab und weist darauf hin, dass Drogenkonsum immer mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist. Das Team macht weiter darauf aufmerksam, dass der Besitz, Verkauf und Konsum vieler Betäubungsmittel strafbar ist.

Wenn jemand dennoch entscheide, Drogen zu konsumieren, wird der Person nahegelegt, die sogenannten Safer-Use-Regeln zu befolgen - Regeln, die gesundheitliche "Kollateralschäden" und einen schlechten Trip zu vermeiden helfen.

Für die Streetparade wird geraten, regelmässig nicht-alkoholische Flüssigkeit zu sich zu nehmen und auf einen Mischkonsum von Alkohol und Drogen zu verzichten.

Zu Ende gedacht führt die Förderung des eigenverantwortlichen Handelns in Richtung einer vollständigen Liberalisierung des Drogenkonsums. Ob eine solche erstrebenswert sei, bleibt jedoch eine höchst umstrittene politische Frage.

Die Jugendberatung "Streetwork" beschränkt sich deshalb auf ihrer Internetseite "saferparty.ch" auf pragmatische Tipps im Umgang mit gefährlichen Stoffen und auf das berühmte Zitat von Paracelsus: "Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist."

www.saferparty.ch

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