Mit welcher Geschwindigkeit muss Claudia ihren Schulweg (1300 Meter) zurücklegen, um pünktlich anzukommen, obwohl sie unterwegs umgekehrt ist, um ihr Etui zu holen? Über dieser Frage brüteten im vergangenen Jahr 4109 Primarschülerinnen und -schüler im ganzen Kanton Zürich. Am kommenden Dienstag steht die nächste Gymiprüfung an. Nur wenige Personen kennen bereits die Aufgaben und deren Lösungen.
Er habe noch keine Bestechungsangebote erhalten, sagt Martin Andermatt und lacht. Er ist Rektor an der Kantonsschule Wiedikon und arbeitet seit 2008 an der Gymiprüfung mit. Seit 2015 ist er Leiter der Kommission für die Mathematikprüfung ins Langgymnasium. Es sei noch nie passiert, dass die Aufgaben zu früh an die Öffentlichkeit gelangten. Grosse Sicherheitsvorkehrungen verhinderten das, sagt Andermatt. Die Beteiligten arbeiten in einer kantonalen Cloud, die passwortgeschützt ist. Auch jedes Dokument hat ein eigenes Passwort.

Martin Andermatt, vier Mathelehrer und zwei Primarlehrerinnen treffen sich jeweils im Juli, um die letztjährige Prüfung zu evaluieren und den ersten Entwurf zu «designen», wie Andermatt sagt. Die Lehrer, die alle viel Erfahrung mitbringen, entscheiden, welche Aufgabentypen in der Prüfung vorkommen. Sollen Umfänge berechnet werden? Oder Masseinheiten? Den Rahmen steckt das Anschlussprogramm, das auf dem Lehrplan und dem Lehrmittel basiert, mit dem die Primarschüler lernen. Über die Sommerferien denken sich die Kommissionsmitglieder mehrere Aufgaben zu einem Thema aus. Die besten Ideen gelangen in die Prüfung, die zweitbesten in die Nachprüfung. Hauptprüfung und Nachprüfung werden beide mehrmals überarbeitet, bis sie gleichwertig sind. «Sich Aufgaben zu überlegen, ist kreativ und macht uns Freude», sagt Andermatt.

Sandwiches statt Häppchen

An jeder Aufgabe wird länger gefeilt. Eine wird ausgetauscht, weil bereits zum zweiten Mal mit Franken gerechnet werden müsste. «Aufgaben in denen es um Geld geht, werden in der Regel gut gelöst», sagt Andermatt. Wohl, weil damit jeder schon zu tun hatte. Für fremdsprachige Kinder könne eine Aufgabe schwierig sein, in der es um eine Erbsli-Rüebli-Mischung geht. Deshalb seien 2018 auch die «Apéro-Häppchen» in der Aufgabe 3 durch «Mini-Sandwiches» ersetzt worden.
Die Formulierungen sollen möglichst konkret und leicht verständlich sein. Aus einer Matheprüfung darf keine Sprachprüfung werden. Darum sind die Informationen in der richtigen Reihenfolge und meist in Hauptsätzen geschrieben. Die Kommission achtet auch darauf, keine Geschlechterklischees zu bedienen. «Manchmal verpacken wir auch ein Witzchen in den Aufgaben», sagt Andermatt. Eine Sekretärin, die der Kommission an den Sitzungen jeweils Kaffee brachte, wurde bei ihrer Pensionierung in einer Mathematikaufgabe verewigt.
Sind die Aufgaben und das Korrekturschema geschrieben, gelangt die Prüfung zu externen Gutachtern, die kommentieren. «Wunderschön», steht dann neben der Aufgabe mit den Mini-Sandwiches. «Sehr knifflig» bei einer anderen. Die Kommission schätzt, wie viele Punkte die Schüler bei jeder Aufgabe durchschnittlich erreichen werden. So bestimmt sie den Schwierigkeitsgrad. Jede Aufgabe soll auch mit 1, 2 oder 3 Punkten nur teilweise richtig gelöst werden können. Keine Punkte erhält, wer nur das richtige Ergebnis hinschreibt ohne Lösungsweg.

Wichtig ist auch die Reihenfolge. Es ist Tradition, dass zuerst die Rechen- und zuletzt die Geometrieaufgaben kommen. Die Satzaufgaben dazwischen werden nach Schwierigkeitsgrad sortiert. Es sei psychologisch wichtig, dass die dritte Aufgabe einfach zu lösen sei: «Sonst verzweifeln viele zu Beginn der Prüfung», sagt Andermatt. Die siebte oder achte Aufgabe kann komplizierter sein. 2018 war die Aufgabe 8 die schwierigste: «Diese Aufgabe wurde sogar schlechter gelöst, als wir geschätzt hatten», sagt Andermatt. Trotzdem bestanden
51,6 Prozent der Sechstklässlerinnen und -klässler letztes Jahr die Prüfung. Ein Prozent mehr als im Vorjahr.

Immer wieder Rekurse

Die diesjährige Prüfung ist schon bei den Kantonsschulen. 400 davon liegen in Wiedikon im Safe. Dort werden am Dienstag nach 10 Uhr die ersten Mathematikprüfungen korrigiert. Pro Fach macht eine Mittelschule die Pilotkorrektur. Die Mathematiklehrer korrigieren horizontal: Jemand nimmt sich jeweils nur eine Aufgabe vor. Andermatt verschickt danach Ergänzungen zum Korrekturschema an die anderen Kantonsschulen und ist die Hotline, falls Unklarheiten auftauchen. Meist erhalte er wenige Anrufe.
Sind die Mathematiklehrer fertig, machen Primarlehrer die Gegenkorrektur. Bei einer Skalensitzung wird festgelegt, wie viele Punkte einen Sechser geben und wann ein Schüler durchfällt. Wer nicht besteht, kann Einsicht in die Prüfung verlangen. Es komme selten vor, dass eine Prüfung falsch korrigiert worden sei, sagt Andermatt. Manchmal werden Notizen auf der Rückseite übersehen oder Punkte falsch übertragen.
Dennoch gibt es immer Rekurse. Für gewöhnlich fechten 1 Prozent der Schüler, die nicht bestanden haben, den Entscheid an. In ein bis zwei Fällen wird der Rekurs gutgeheissen, wie die Zahlen des Kantons zeigen. Nur 2018 lag die Anfechtungsquote bei 2 Prozent, und fünf Rekurse wurden gutgeheissen. Auf die Mathematikprüfung liess sich die höhere Quote nicht zurückführen, sagt Martin Andermatt: «Alles lief reibungslos.» Die Prüfungsschreiber sind sich der Wichtigkeit der Prüfung bewusst. Ihre Arbeit wird von allen Seiten kritisiert. Vorbereitungsschulen wollen etwa, dass die Prüfung möglichst vorhersehbar ist. «Wir geben uns wahnsinnig Mühe, eine faire, ausgeglichene Prüfung zu schreiben, die auch mathematisch interessant ist», sagt Andermatt. Die Prüfung soll für Schüler von öffentlichen Schulen mit normaler Vorbereitung machbar sein. Dennoch ist sie für viele zu schwer. Bestehen sollen von den guten Schülern nur die besten: «Das ist unser politischer Auftrag.»