Unter dem Titel «Strom fürs Leben» lancierte die Uniklinik für Kardiologie im Mai 2008 das Pilotprojekt mit den Defibrillatoren an der Bahnhofstrasse. Die laientauglichen Geräte, stationiert in Telefonkabinen, sollen bei akutem Kammerflimmern zum Einsatz kommen. Das ist eine Herzrhythmusstörung, die plötzlich auftreten und innert Minuten tödlich enden kann.

Obwohl die Bahnhofstrasse zu den meistfrequentierten Strassen der Schweiz gehört, konnten die 13 Geräte bis jetzt noch nie Leben retten, wie Projektleiter Firat Duru, Professor an der Uniklinik für Kardiologie, auf Anfrage sagt. Als im Dezember 2009 eine junge Marathonläuferin zusammenbrach, griff ein Passant zwar nach einem Gerät in der Kabine, doch der herbeigerufene Sanitätsdienst von «Schutz und Rettung» war schneller zur Stelle mit seinem Profi-Defibrillator. Zweimal wurde zudem nach Vandalenakten an den Geräten Alarm ausgelöst. Trotz Nichtgebrauch sagt Duru: «Wir haben das Ziel teilweise erreicht.» Die Anzahl der öffentlich zugänglichen Defibrillatoren habe stark zugenommen und die Leute seien für das Problem des plötzlichen Herztodes sensibilisiert worden.

Bundesrat löst Boom aus

Dass die Geräte zahlreicher geworden sind, bestätigt Dirk Walenzki. Der diplomierte Rettungssanitäter betreibt in Winterthur ein Geschäft mit Notfallausrüstungen wie Defibrillatoren. «Ja, es werden immer mehr», sagt er, «aber wir sind noch längst nicht da, wo wir sein sollten.» Er findet, in jedem Dorf müsste mindestens ein öffentlich zugängliches Gerät verfügbar sein. Das sehe er nicht als Geschäftsmann so, sondern als ehemaliger Rettungssanitäter, der auch für die kantonale Notfallzentrale arbeitete. Einen regelrechten Nachfrageboom habe der Zusammenbruch von alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz im September 2009 ausgelöst.

Vom Nutzen der Defibrillatoren sind auch viele Ärzte überzeugt. Zum Beispiel Jean-Jacques Fasnacht, Hausarzt in Marthalen. Ihm schwebt eine flächendeckende Versorgung mit öffentlich zugänglichen Geräten vor. Eine entsprechende Einzelinitiative, die er mit einem Kollegen im Kantonsrat einreichte, scheiterte vor zwei Jahren. Jetzt verfolgt er das Anliegen auf eigene Faust. Mit Erfolg, wie der Blick in Gemeinden seiner Region zeigt. «Das ist eine kleine Investition mit grossem Output auch für Landgemeinden», sagt er. Laiendefibrillatoren sind ab 3000 Franken zu haben. Eine grosse Hilfe für die Rettungssanitäter wäre laut Fasnacht ein kantonsweites Verzeichnis aller öffentlichen Defibrillatoren.

Geld für die Prävention einsetzen

Kardiologe und SP-Stadtrat Thomas Largiadèr teilt die Euphorie nicht. Er hat das Wädenswiler Parlament davon überzeugt, dass es keinen Sinn macht, Strassen und Plätze der Gemeinde mit solchen Geräten auszustatten. «An stark frequentierten Orten wie Flughäfen oder Bahnhöfen mögen Defibrillatoren allenfalls Sinn machen, aber sicher nicht in Landgemeinden.» Da sie im Notfall innerhalb wenigen Minuten verfügbar sein sollten, müssten auch kleine Gemeinden mehrere Geräte stationieren. «Das Geld wäre in der Prävention viel sinnvoller eingesetzt.» Das Milliardengeschäft mit den Defibrillatoren werde vom unerfüllbaren Bedürfnis der Gesellschaft nach hundertprozentiger Absicherung angetrieben. Gerade an der Zürcher Bahnhofstrasse zeige sich jetzt, wie wenig die Geräte tatsächlich gebraucht würden.

Projektleiter Duru sieht die Sache aus einer anderen Perspektive. Defibrillatoren sind für ihn wie Feuerlöscher oder Airbags: Sinnvoll für den Notfall. Dass aber der Notfall an der Bahnhofstrasse so wenig aufgetreten ist, hat selbst ihn überrascht. «Meine statistische Erwartung war, dass im Verlauf von zwei Jahren mindestens ein Leben gerettet werden kann.»