Hafenfest
«Die Brust ist dem Gegner furchtlos und aufrecht darzubieten»

Auf der Limmat fand das Schifferstechen der Zürcher Zünfte statt. Wie einst im Spätmittelalter richten die Teilnehmer ihre Lanze auf die Brust des Gegners und versuchten diesen so zu Fall zu bringen.

Oliver Graf
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Beim Schifferstechen geht es um Geschicklichkeit und eine gute Balance. Das letzte Turnier mit internationalen Vereinen fand 2012 statt.
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Gewinnen tut jede Mannschaft, die den Gegner mit der Lanze ins Wasser stösst und dabei selber trocken bleibt. Das letzte Turnier mit internationalen Vereinen fand 2012 statt.
Das Schifferstechen findet traditionsgemäss auf Höhe der Schipfe mitten in der Zürcher Altstadt statt. Das letzte Turnier mit internationalen Vereinen fand 2012 statt.
Organisiert wird das Turnier vom Limmat-Club Zürich. Das letzte Turnier mit internationalen Vereinen fand 2012 statt.
 Das letzte Turnier mit internationalen Vereinen fand 2012 statt.
Schifferstechen Zürich
Nass zu werden gehört dazu. Das Zunftschifferstechen findet alle drei Jahre statt.
Das Zunftschifferstechen findet vor historischer Kulisse statt.
Das Spektakel zog 2017 hunderte Schaulustige an.

Beim Schifferstechen geht es um Geschicklichkeit und eine gute Balance. Das letzte Turnier mit internationalen Vereinen fand 2012 statt.

Keystone

Frank Spitzer sitzt noch ganz entspannt im Boot, das zwei Mitglieder des Limmat-Clubs Zürich langsam limmataufwärts rudern. Spitzer von der Zunft zur Meisen ist der Sieger des vor drei Jahren letztmals ausgetragenen Schifferstechens der Zünfte.

Einer der vielen Zuschauer, die sich an diesem Samstagnachmittag zwischen Münster- und Gemüsebrücke eingefunden haben, ruft dem Titelverteidiger fragend zu, ob er sich so kurz vor dem ersten Duell denn schon mit dem kalten Limmatwasser angenetzt habe.

Der Zünfter winkt lachend ab. Das habe er nicht nötig, sagt er selbstbewusst. Einer der beiden Ruderer merkt jedoch schnaufend an, dass er, obwohl er nicht mitspiele, schon angenetzt sei. «Von innen her, ich schwitze.»

Beim Schifferstechen, einer Art Mittelalterduell auf Wasser, fahren zwei Weidlinge aufeinander zu. Je ein Zünfter steht achtern, also hinten, auf einem Podest. Die beiden Stecher versuchen sich, wenn sich die beiden Boote annähern, gegenseitig mit ihren Lanzen ins Wasser zu stossen.

Die Regeln sind einfach. «Die Lanze ist auf die Brust des Gegners zu richten», heisst es im Reglement. Anders als im Mittelalter sind die Lanzen inzwischen natürlich stark gepolstert.

Dies erleichtert es den teilnehmenden Zünftern auch, einen weiteren Teil des Reglements eher einzuhalten: «Die eigene Brust ist dem Gegner furchtlos, aufrecht und ohne abzudrehen oder auszuweichen darzubieten.» Andernfalls droht – wie auch bei unsportlichem Verhalten oder Betrunkenheit – der Ausschluss.

Publikum johlt, Stecher stürzt

Frank Spitzers Weidling hat die Münsterbrücke erreicht und wendet, um sich für das erste Duell zu positionieren. Ein Raunen geht durch die Reihen, es schien kurz, als verliere der Titelverteidiger bereits das Gleichgewicht, als er aufs Podest stieg.

Auf dem in der Limmatströmung wackelnden Weidling sei das Besteigen der Plattform eine der ersten Herausforderungen, sagten mehrere Teilnehmer. Doch dann steht Spitzer sicher auf dem Podest, zielt reglementkonform auf die Brust des Gegners - und stösst den gegnerischen Zünfter in den Fluss.

Das Publikum entlang der Limmat lacht, johlt und klatscht. Das tut es an diesem Samstag noch oft. Vor allem auch dann, wenn bei einem Duell – was oft vorkommt – beide Teilnehmer ins Wasser stürzen.

Das Stechen wird in diesem Fall einmal wiederholt. Bleibt es erneut bei einem Unentschieden, scheiden beide Teilnehmer aus. Nur derjenige, der es schafft, selber das Gleichgewicht zu halten, während sein Gegner in die Limmat stürzt oder nur schon mit einem Fuss von der Plattform steigt, kommt eine Runde weiter.

Auf der Limmat fanden wie andernorts bereits im Mittelalter Schifferstechen statt. Die Zunft zur Schiffleuten hat diese Tradition 1979 wieder aufgenommen. Nun führt sie das Zünfterstechen im Dreijahresturnus durch.

Am Samstag bildete das amüsante Spektakel in seiner zwölften Austragung einen Programmpunkt im Rahmen des Hafenfestes. Dieses Fest lockte mit Kleinkunst und maritimer Kulinarik von Freitag bis gestern Sonntagabend in die Zürcher Innenstadt.

Auf dem Programm standen rund um den Hafenkran unter anderem viele Konzerte etwa auf dem Lindenhof und der Gemüsebrücke, eine offene Bühne an der Schipfe sowie Rundfahrten mit dem Limmatschiff, die von einer Lesung begleitet wurden.

Während dieser Fahrten musste das Schifferstechen der Zünfte jeweils kurz unterbrochen werden. Für die rudernden Mitglieder des Limmat-Clubs, welche die Weidlinge in Kampfposition brachten, eine willkommene Pause, wie einer von ihnen sagte.

«Sonst springe ich zur Abkühlung noch freiwillig in die Limmat.» Eine Rettungsschwimmerin, die zur Sicherheit ebenfalls im Boot sass, streckte ihren Zeigefinger drohend in die Höhe. Sie springe aber nur nach, wenn wirklich eine Gefahr bestehe. Gelächter im Boot und am Ufer.

Die zwölfte Austragung gewann offiziell wieder Frank Spitzer von der Zunft zur Meisen. Für den Titelverteidiger wurde es allerdings eng. Im Finale, das drei Stecher erreichten, siegte eigentlich Pan Thurneysen.

Als Mitglied der Basler Schiffleute war er aber in Zürich ausser Konkurrenz angetreten. Und Spitzer lag nach dem Finale gleichauf mit einem Stecher der Zunft Wollishofen auf Rang zwei – per Los wurde dann der Titelhalter zum Sieger bestimmt.