Alpensegler im Grossmünster
Die Biologin Iris Scholl ist Hüterin der Alpen- und Mauersegler in Zürich

Für einige seltene Vögel in Zürich ist Iris Scholl der verlängerte Arm des Gesetzes. Sie sorgt dafür, dass ihre Nistplätze nicht zugemauert oder sonstwie gestört werden.

Matthias Scharrer
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Iris Scholl ist die Hüterin der Mauersegler in Zürich
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Im Dohlenkasten hoch oben im Grossmünster hat sich jemand eingenistet.
Alpensegler pflegen ihren Nachwuchs an Turmfenstern des Grossmünsters.
Alpensegler beim Brüten.
Biologin Iris Scholl kümmert sich im Auftrag der Stadt Zürich um die Seglerförderung.
An den Grossmünstertürmen sind Schlupflöcher für Vögel zu sehen.

Iris Scholl ist die Hüterin der Mauersegler in Zürich

matthias scharrer

Ein Wispern ist zu hören. Es kommt aus den Spalten zwischen den Schallbrettern an den Turmfenstern des Grossmünsters. 14 Nester von Alpenseglern gibt es hier. Zwölf davon sind belegt. Das Wispern stammt von den Küken, die dieser Tage geschlüpft sind und um Futter betteln.

«Die Alpensegler sind eine Rarität», sagt Iris Scholl. Rund 2000 Brutpaare gebe es davon in der Schweiz. Dass der Bestand in den letzten Jahren zugenommen hat, ist auch Scholls Verdienst: Die Biologin kümmert sich seit 23 Jahren im Auftrag der Stadt Zürich um die Seglerförderung. Ihre Aufgabe sei es, bei Bedarf «den Leuten auf die Füsse zu stehen, damit sie Rücksicht nehmen auf die Bedürfnisse der Mauer- und Alpensegler», sagt sie.

So geschehen kürzlich im Vorfeld des Züri Fäschts: Scholl sorgte dafür, dass die Seilverankerung für die Hochseilartistenfamilie Bügler schon im April montiert wurde – noch vor der Brutzeit der Alpensegler. Am Züri Fäscht selber seien dann weniger die Hochseilartisten, die im Kirchturm ein- und ausgingen, das Problem gewesen. Vielmehr habe der Festlärm die brütenden Vögel gestresst – vor allem während des Feuerwerks: «Einige duckten sich tief in die Nester, andere liefen aufgeregt hin und her», beobachtete Scholl.

Auch nach dem Grossanlass geht ihr die Arbeit nicht aus: Wann immer in Zürich Bauprojekte anstehen, die Nistplätze von Alpen- und Mauerseglern bedrohen, ist Scholl zur Stelle. Sie ist für die geschützten Vögel gleichsam der verlängerte Arm des Gesetzes. «Wenn Mauer- und Alpensegler in ihren Nestern brüten, darf man sie nicht stören. So ist die Gesetzeslage», erklärt die 56-Jährige.

Architekten würden zwar bisweilen stöhnen, wenn sie wegen eines Vogelpaars ihre Pläne ändern müssten. Doch in der Regel lasse sich eine einvernehmliche Lösung finden. Zum Beispiel, indem man in Baugerüsten eine Anflugschneise zu den Nistplätzen einplane. Oder, indem Bauherren Nistkästen platzierten.

Manchmal planen Architekten auch in Neubauten gleich Nistplätze für die Segler ein. Max Dudler tat dies kürzlich beim Bau der Pädagogischen Hochschule Zürich in der Europaallee. Auch dabei hatte Scholl ihre Finger im Spiel. «Alpen- und Mauersegler sind mit kleinen Nischen zufrieden. Man kann die Einflugöffnung so legen, dass praktisch keine Kotspuren entstehen», sagt Scholl.

Zu ihrem Mandat als Zürichs Seglerförderin sei sie gekommen, da sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Scholl hatte eine Diplomarbeit in Verhaltensbiologie über Turmdohlen geschrieben. Daher wusste sie, dass in den Grossmünstertürmen in den 1950er-Jahren eine grosse Dohlen-Kolonie hauste. Der damalige Kantonsbaumeister Hans Wiesmann hatte 1936 bei der Renovation von Zürichs Wahrzeichen 36 Nischen für Turmdohlen einbauen lassen.

Als 1989 die nächste Renovation ausgeschrieben war, meldete sich Scholl bei der Stadt: Man müsse Rücksicht nehmen auf die letzten drei Turmdohlenpaare am Grossmünster. Bei der Reinigung der Nistplätze traf sie dann auch auf ein altes Alpenseglernest. Um weitere Alpensegler anzulocken, habe sie in der Kuppel ab Tonband deren Rufe abgespielt. Mit Erfolg: «Sie wollten gleich im Lautsprecher nisten.» Seit 1990 ist die freischaffende Biologin von der Stadt offiziell beauftragt, sich um die Alpen- und Mauersegler zu kümmern. Die Arbeit entspreche etwa einem 10-Prozent-Pensum.

Nach Scholls Kenntnisstand nisten die seltenen Alpensegler auf Zürcher Stadtgebiet in 60 bis 70 Gebäuden. Die grössten Kolonien befinden sich nebst dem Grossmünster im Fraumünsterturm und im ehemaligen Modissa-Gebäude am Limmatquai.

Weitere Alpensegler-Hochburgen seien Winterthur, wo der inzwischen über 80-jährige Max Stalder zahlreiche Nistkästen aufstellte; Baden mit dem Landvogteischloss und dem Stadtturm – und Solothurn mit der Jesuitenkirche.

Den Winter verbringen die Alpen- und Mauersegler in Afrika. Doch jedes Jahr kehren sie zum gleichen Nest zurück. «Deshalb ist es so wichtig, die Nistplätze zu erhalten», sagt Scholl. Dann setzt sie das Fernglas an, um die weissbauchigen Alpensegler zu beobachten, die vor dem Grossmünsterturm durch die Luft gleiten.