Zürich
«Die Bevölkerung stürmt Arztpraxen und Spitäler aus Angst vor dem Corona-Virus»

«Wir müssen von der Angst wegkommen»: Im Umgang mit der Coronavirus-Bedrohung ist ruhig Blut gefragt. Bislang hat es im Kanton Zürich keinen bestätigten Fall einer Erkrankung mit dem Coronavirus gegeben.

Matthias Scharrer
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Wer in keinem der Risikogebiete war und keinen näheren Kontakt zu einer möglicherweise angesteckten Person hatte, falle damit schon mal ausser Betracht.

Wer in keinem der Risikogebiete war und keinen näheren Kontakt zu einer möglicherweise angesteckten Person hatte, falle damit schon mal ausser Betracht.

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Dies sagte die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) am Donnerstag gleich zu Beginn einer über Mittag kurzfristig einberufenen Medienkonferenz. Doch die Bevölkerung stürme Arztpraxen und Spitäler aus Angst vor dem Virus.

Müsterchen davon erzählte Josef Widler, Hausarzt aus Zürich Altstetten und Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich: So habe sich eine Frau bei ihm gemeldet, weil in ihrer Firma neu die Devise gelte: Wer hustet, muss nachweisen, dass er kein Coronavirus hat. Sie sei aber in keinem der bisherigen Coronavirus-Gebiete in China oder Norditalien gewesen. «Wir müssen von der Angst wegkommen und wieder logisch handeln», sagte Widler. «Man muss jetzt auch keine Salz- oder Ölvorräte kaufen.»

Was logisches Handeln aus Sicht der Zürcher Behörden bedeutet, fasste Kantonsarzt Brian Martin zusammen: Zuerst müsse man sich fragen, ob es überhaupt möglich sei, dass man das Coronavirus habe. Wer in keinem der Risikogebiete war und keinen näheren Kontakt zu einer möglicherweise angesteckten Person hatte, falle damit schon mal ausser Betracht. Ebenso, wer keine Krankheitssymptome wie Husten, Atemnot und allenfalls Fieber habe.

Falls eine Coronavirus-Infektion möglich sei, solle man das kantonale Ärztefon (Tel. 0800 33 66 55) anrufen. Wer gleich zum Arzt oder ins Spital gehe, riskiere, das Virus weiter zu verbreiten. Nach telefonischer Abklärung durchs Ärztefon oder auch den Hausarzt werde bei Verdachtsfällen ein Transport ein eines der kantonsweit neun für weitere Coronavirus-Abklärungen eingerichteten Spitäler organisiert.

Der Transport sei ein wichtiger Teil beim Versuch, die Ausbreitung des Virus aufzuhalten. Mittlerweile gebe es Engpässe bei der Ambulanz; allein am Donnerstag kamen laut Martin kantonsweit über 40 Verdachtsfälle hinzu, die in den Spitälern überprüft wurden. Deshalb solle der Transport idealerweise im eigenen Auto oder zu Fuss erfolgen, keinesfalls aber in Bus, Tram oder Taxi. Und: Ärztefon oder Hausarzt sollten solche Transporte beim betreffenden Spital voranmelden, damit es dort nicht zu Engpässen kommt.

Bei Verdachtsfällen werden im Spital Abstriche aus der Nase untersucht. Bis die definitiven Resultate vorliegen, dauert es sechs Stunden, wie Hugo Sax vom Universitätsspital (USZ) Zürich sagte. Im USZ stünden für die Wartezeit zehn Zimmer zur Verfügung. Tests werden auch im Spital Limmattal, im Triemlispital, Kinderspital Zürich, Kantonsspital Winterthur, in der Klinik Hirslanden, im Spital Bülach, im Spital Uster sowie im Spital Wetzikon vorgenommen.

Falls ein Schulkind zum Verdachtsfall wird, wird die ganze Klasse nach Hause geschickt, wie Kantonsarzt Martin sagte. Das Coronavirus scheine aber nicht primär Kinder zu betreffen. Martin trat auch der Befürchtung entgegen, der Kanton Zürich habe zu wenig sogenannte Contact Tracer, die bei Infizierten der Frage nachgehen würden, welche Ansteckungswege möglich seien. Aktuell verfüge der Kanton über 20 Contact Tracer, normalerweise seien es deren 4. Und auch vor der aktuellen Coronavirus-Welle habe es pro Tag 50 bis 100 Meldungen über Infektionen mit gefährlichen Krankheiten gegeben. Zudem liessen sich mit einer halbtägigen Ausbildung bei Bedarf problemlos weitere Contact Tracer einsetzen.

Bislang gebe es auch keinen Grund, Grossveranstaltungen im Kanton Zürich abzusagen. Ansonsten könnte dies der Kantonsarzt innert Stunden entscheiden, normalerweise in Absprache mit dem Bund.

Auch punkto Atemschutzmasken sei vorgesorgt: «Der Kanton Zürich hat mehrere Millionen Masken im Vorrat», sagte Martin. Diese zu tragen sei aber nur für Erkrankte sinnvoll, damit sie nicht andere anstecken. Das Coronavirus wird per Tröpfcheninfektion übertragen, wobei die Tröpfchen nur etwa eine Distanz von einem Meter zurücklegen, wie USZ-Experte Sax sagte.

Sollte sich die Lage zuspitzen, hat der Kanton laut Martin bereits seit drei Wochen Gebäude als grössere Quarantänestationen vorbereitet. Konkret seien dies eine Zivilschutzunterkunft für 200 Personen beim Flughafen Zürich sowie das Bettenhaus des Universitätsspitals mit Einer- und Zweierzimmern. Doch das sind Planungen für Szenarien, die nicht unbedingt eintreffen müssen, wie die Verantwortlichen betonten. Allerdings sei damit zu rechnen, dass früher oder später auch im Kanton Zürich die erste Coronavirus-Erkrankung auftrete.