Endlager-Entscheid
Die Angst vor der grossen Alibiübung

Das Bundesamt für Energie sieht sich einer geballten Ladung Emotionen gegenüber. Das Beispiel der Weinländer Regionalkonferenz zeigt, wie wenig es braucht, bis die Stimmung kippt. Zum versprochenen Handschlag kam es nicht.

Markus Brupbacher
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Welche Folgen ein Endlager im Zürcher Weinland: Die Regionalkonferenz kommt zu einem anderen Schluss als das BFE. (Symbolbild).

Welche Folgen ein Endlager im Zürcher Weinland: Die Regionalkonferenz kommt zu einem anderen Schluss als das BFE. (Symbolbild).

Chris Iseli/ AZ

Der seit Monaten aufgestaute Frust der Weinländer Regionalkonferenz hat sich in Andelfingen entladen. Das Bundesamt für Energie (BFE), das bei der Suche nach einem Endlagerstandort federführend ist, musste sich am Donnerstagabend – also bereits vor dem Nagra-Entscheid – massive Kritik anhören. «Das ist keine Beteiligung, sondern eine blosse Beschäftigung», kritisierte ein Konferenzmitglied und brachte den Ärger der Versammelten auf den Punkt.

Der Auslöser für das zerrüttete Vertrauensverhältnis zwischen der Regionalkonferenz und dem BFE war der Bericht des Bundesamtes vom November, in dem die Auswirkungen eines Atomendlagers auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt abgeschätzt wurden. Die zuständige Fachgruppe der Regionalkonferenz war damit gar nicht einverstanden, bemängelte die Methode und nahm deshalb eine eigene Folgenabschätzung vor. Mit einem etwas anderen Resultat: Die Gruppe schätzte die negativen Folgen eines Endlagers deutlich negativer, die positiven weniger positiv ein als die Experten.

«Wozu denn das alles?»

Die Fachgruppe kritisiert in ihrem Bericht, dass das Bundesamt für Energie in seinem Bericht die Oberflächenanlage, also das «Tor zum Endlager», wie einen normalen Industriebau behandelt und den «nuklearen Charakter der Anlage gänzlich ausser Acht» lässt. So blieben die Folgen auf das Weinland-Image unbeachtet. Doch mit diesen und vielen weiteren Kritikpunkten stiess die Fachgruppe beim BFE offenbar auf taube Ohren. «Es wurde nicht ernsthaft auf unsere Inputs eingegangen, vielmehr wurden wir von Sitzung zu Sitzung vertröstet», erzählte Luca Fasnacht, der Leiter der Gruppe.

Auch nach der kritischen Medienberichterstattung im November habe das BFE nicht mit der Fachgruppe Kontakt aufgenommen. Dafür habe eine BFE-Vertreterin gegenüber Medien gesagt, dass die Sicht der Regionen bei der Folgenabschätzung bewusst ausgeklammert worden sei. «Da frage ich mich: Wozu denn das alles?»

Die Gruppe verlangte daraufhin eine Aussprache mit dem BFE. «Wir haben unsere Enttäuschung geäussert und gesagt, dass wir eine Partizipation statt blosser Anhörung wollen.» Aber auch nach dieser Aussprache wisse man bis heute nicht, woran man sei. «Die Fachgruppe hat Hand geboten», sagte Fasnacht.

Harald Jenny von der Gruppe forderte, dass die unterschiedlichen Ergebnisse der Folgenabschätzung diskutiert und zusammengeführt werden. Doch auch er kritisierte das Benehmen des Bundesamtes. «Der Kern dieses Themas ist nicht der Inhalt, die konkrete Bewertung, sondern das Vorgehen.»

Frage nach Sinn und Zweck

Eine Diskussion entbrannte auch über die Frage, wozu die Abschätzung der Auswirkungen eines Endlagers überhaupt gut sein soll. Weil für die Auswahl der Endlager-Regionen einzig die geologische Sicherheit massgebend ist, lässt die Wirkungsstudie keinen Vergleich zwischen diesen Regionen zu. «Aber warum muss dann die Folgenabschätzung in jeder Region methodisch gleich erfolgen, wenn ein Vergleich zwischen ihnen ja gar nicht das Ziel ist?», fragte jemand.

Die Antwort: Die Folgen eines Endlagers auf Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft wären bei der Standortsuche einzig dann massgebend, wenn zwei oder mehr Regionen in Sachen geologischer Sicherheit absolut identisch wären. Nur dann wäre die Folgenabschätzung das Zünglein an der Waage.

«Wir kommen auf euch zu»

Der verantwortliche BFE-Vertreter, Michael Aebersold, versprach Besserung im Umgang mit der Fachgruppe und der Regionalkonferenz insgesamt. Es gebe unterschiedliche Ergebnisse, die man noch diskutieren müsse, «ganz klar». Die Diskussion um die verschiedenen Methoden sei aber «etwas gelaufen». Aber zum fehlenden Dialog in der Vergangenheit versprach er: «Wir kommen auf euch zu.» Und: «Ich nehme den Handshake gerne an und schlage ein», sagte Aebersold in Anspielung auf Fasnachts Äusserung, wonach die Fachgruppe die Hand geboten habe. Doch es blieb dann bei blossen Worten – die beiden reichten sich die Hand nicht.