Städtische Wahlen

Die Angst vor dem Fremdgehen der eigenen Wähler

Eine frische Brise neben den Bisherigen: Stadtratskandidat und Kantonsrat Raphael Golta.KEYSTONE

Eine frische Brise neben den Bisherigen: Stadtratskandidat und Kantonsrat Raphael Golta.KEYSTONE

Die SP fürchtet, dass ihre Wähler vor lauter Zufriedenheit übermütig werden. Seit bald 24 Jahren besetzt die SP das Stadtpräsidium, seit 1998 hat sie vier der neun Sitze inne.

Es ist wie in einer Ehe. Nach 20 Jahren des harmonischen Zusammenlebens stellt sich so etwas wie Langeweile ein – oder positiv formuliert: Neugier. Man ist zwar grundsätzlich zufrieden. Trotzdem schaut man sich um, ob es da nicht doch eine attraktive Alternative gäbe.

So skizziert Andrea Sprecher, Co-Präsidentin der städtischen Sozialdemokraten das Verhältnis zwischen ihrer Partei und deren Wählerschaft. Seit bald 24 Jahren besetzt die SP das Stadtpräsidium, seit 1998 hat sie vier der neun Sitze inne. Und seit Jahrzehnten ist sie stärkste Kraft im Gemeinderat. Sprecher hat nicht etwa Angst, dass sie zu wenig Wähler hat. Sie fürchtet vielmehr, dass die gesättigten Linkswähler auf der Suche nach neuen Erfahrungen fremdgehen.

In der Stadt Zürich ist die SP ein Machtfaktor. Zwar bringen es Rot und Grün im Parlament nicht allein auf eine Mehrheit. Doch wollen die Bürgerlichen ein Geschäft verhindern, gelingt ihnen das nur geeint und mit den Stimmen der GLP. In der Praxis geschieht dies selten. SVP, FDP, CVP, EVP, Schweizer Demokraten und Grünliberale gehen nicht oft auf einer gemeinsamen Linie. Im gemeinderätlichen Alltag heisst das Spiel denn auch: die SVP gegen den Rest.

Im Stadtrat halten SP, Grüne und AL seit letztem Frühling gar sieben von neun Sitzen. Der letzte Vertreter des einst so stolzen Freisinns ist Andres Türler – von dem man sagt, er denke oft wie ein Grüner. Die Frage ist also nicht, ob Rot-Grün in der Stadt Zürich ein «Superpower» bleibt. Sondern bloss, wie klein die Bürgerlichen diesmal daneben aussehen werden.

«Eure Sorgen möchten wir haben», denken sich wohl so manche Funktionäre von SP-Sektionen in den Landgemeinden. Dort, wo das Engagement für linke Anliegen einem Kampf gegen Windmühlen gleicht. Wo so mancher profilierte SP-Kandidat chancenlos für den Gemeinderat antritt, während die gefühlte Wahlhürde für einen SVP- oder FDP-Gemeinderat darin besteht, den eigenen Namen fehlerfrei auf einen Zettel zu schreiben.

Zugegeben, das sind masslose Übertreibungen. Weder kann die SP in der Stadt Zürich schalten und walten, wie sie will. Noch ist sie auf dem Land so chancenlos, wie geschildert. Umgekehrt brächten auch bürgerliche Parteien gute Kandidaten in den Stadtrat, vorausgesetzt, sie fänden in den eigenen Reihen welche.

Doch was sagt eine Partei wie die SP ihren Wählern, damit sie nicht davonlaufen oder zu Hause bleiben? Sie fragt: «Investierst du in deine Zukunft?» Oder «Machst du dich für meine Kinder stark?» Damit wirbt sie für Kernthemen wie bezahlbaren Wohnraum, existenzsichernde Mindestlöhne, Veloverkehr und Gesundheitsversorgung. So will die Partei zufriedene Wähler an die Urne locken. Die Unzufriedenen soll die Juso mobilisieren: Sie agiert als Speerspitze, indem sie ununterbrochen das Gebaren der Finanzindustrie geisselt.

Glück hat die Partei, dass sie mit wenigstens einem neuen Gesicht in den Stadtratswahlkampf ziehen kann. Wären alle vier bisherigen angetreten, hätte das einem Schlafabteil geglichen. Mit dem Fraktionschef im Kantonsrat, Raphael Golta, scheint die SP einen breit wählbaren Mann als Nachfolger von Martin Waser gefunden zu haben. Zudem ist Golta noch keine 40 Jahre alt und wäre damit bei einer Wahl das jüngste Mitglied in der Stadtregierung. Seine Losung heisst: Zürich geht es gut, doch nicht alle können davon profitieren.

Noch ist Golta nicht zur Wahlkampflokomotive mutiert. Doch falls es ihm gelingt, Schwung in die bislang drögen Zürcher Kommunalwahlen zu bringen, könnte er genau das sein, was die SP sich wünscht: das frische Gesicht, das die treuemüden Wähler davon abhält, sich anderswo umzuschauen.

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