Zürich
Die alte ETH-Heizzentrale wird zum Kreativlabor für Studierende

Im denkmalgeschützten Kesselhaus des ehemaligen Fernheizkraftwerks der ETH entstehen Arbeitsplätze.

Thomas Schraner
Merken
Drucken
Teilen
Die markante Aussenfassade des Kesselhauses an der Clausiusstrasse. tsc

Die markante Aussenfassade des Kesselhauses an der Clausiusstrasse. tsc

Lino Guzzella schaffte es an der ETH Zürich von unten bis ganz nach oben. Er studierte Maschinenbau, wurde nach Jahren in der Industrie Professor, dann Rektor und schliesslich ETH-Präsident. Von der Ausbildung an seiner Hochschule hält er viel: «Das fachliche Niveau derjenigen, die durchhalten bis zum Schluss, ist in der Regel sehr hoch.» Dennoch glaubt Guzzella, dass noch etwas fehlt: ein Ort, wo die Studierenden ausserhalb ihres Stundenplans kreativ sein, experimentieren und eigene Projekte auf die Beine stellen können. «Viele gute Studenten sind zu introvertiert und haben zu wenig Mut, einmal etwas Fachübergreifendes anzupacken.» Schon als ETH-Professor vor 20 Jahren habe er den «Herzenswunsch» gehabt, den Studierenden einen solchen Ort zur Verfügung stellen zu können.

Vor etwa zwei Jahren, Guzzella war unterdessen Rektor, eröffnete sich die Chance, ein solches Projekt mitten im Hochschulquartier zu realisieren: im ausgedienten Kesselhaus des ehemaligen Fernheizkraftwerks. Der markante Industriebau an der Clausiusstrasse ist etwa so gross wie eine mehrstöckige Turnhalle. Er stammt wie der ebenso markante Abluftkamin aus den 30er-Jahren. Die Gebäude von Architekt Otto Rudolf Salvisberg stehen unter kommunalem Denkmalschutz. Umbauten unterliegen also strengen Auflagen. Trotzdem findet Guzzella das Kesselhaus ideal für sein Projekt, das den Namen Student Project House trägt. «Es bietet die richtige Erfinderatmosphäre. Es macht nichts, wenn einmal eine Stange an die Wand stösst.»

Prototypen produzieren

Im Kesselhaus dampften früher die mit Kohle gefütterten Heizkessel. Heute steht die Halle leer und dient unter anderem als Indoor-Übungsplatz für Drohnenflüge. In etwa drei Jahren, so hofft Guzzella, sollen anstelle der Kessel die Köpfe rauchen. «Die Studierenden können hier lernen, wie man etwas Neues macht», präzisiert der ETH-Präsident. Kreativität lasse sich nicht mit dem Lehrbuch lernen, es brauche Freiräume dazu. Derzeit liegen die Pläne des Umbauprojekts bei den Stadtzürcher Behörden (siehe Kasten).

Geschützt: Der Ball liegt bei der Denkmalpflege

Das ehemalige Fernheizkraftwerk der ETH (Clausiusstrasse 2) befindet sich als potenziell schutzwürdiges Objekt im Inventar der kunst- und kulturhistorischen Schutzobjekte. Das bedeutet, dass die Denkmalpflege der Stadt vor jedem baulichen Eingriff abklären muss, was geschützt werden muss und was verändert werden darf. Für den geplanten Umbau ist ein privater Gestaltungsplan erarbeitet worden, der letztes Jahr öffentlich auflag. Sowohl zu den Anträgen der Denkmalpflege als auch zum Gestaltungsplan muss der Zürcher Stadtrat je einen Beschluss fassen. Anschliessend nimmt auch das Stadtparlament Stellung. Erst danach kann mit dem Umbau begonnen werden. Derzeit liegen die Umbaupläne noch bei der städtischen Denkmalpflege. Es gehe um letzte Feinheiten, heisst es dort. (tsc)

Neben Geräten wie Computern und 3-D-Druckern für Entwurfsarbeiten sollen auch traditionelle Maschinen wie Drehbänke und Fräsen vorhanden sein. Studierende sollen nicht nur denken und forschen, sondern selber Hand anlegen können: «Mit Kopf, Herz und Hand», wie Guzzella in Anlehnung an Pestalozzi sagt. Die Anwesenheit von Professoren ist nicht vorgesehen. Hingegen sollen professionelle Betreuer den Studenten beim Umgang mit den Maschinen behilflich sein.

Um das Kesselhaus räumlich stärker ausnutzen zu können, sollen drei bis vier Zwischenböden eingezogen werden, was rund 1000 Quadratmeter Fläche ergibt. Die Zwischenböden sehen aus wie übereinandergeschichtete Balkone. Die Frontfassade zur Clausiusstrasse bleibt dabei aber frei. Das entspricht einer Auflage der Denkmalpflege. Die volle Innensicht auf den ursprünglichen Bau soll gewahrt bleiben.

Rund 10 Millionen Kosten

Das Student Project House ist Teil einer grösseren Sanierung an der ETH für 125 Millionen Franken. Diese umfasst den gesamten Gebäudekomplex inklusive des benachbarten Maschinenlaboratoriums. Geplanter Baustart ist 2017. Der Umbau des Kesselhauses kostet laut Guzzella rund 10 Millionen Franken. Man baue so günstig wie möglich. «Es gibt also keine goldenen Wasserhahnen.» Ein zweites, ähnliches Student Project House will Guzzella später an der ETH Hönggerberg realisieren. Um schon loslegen zu können, bevor die Bauten fertig sind, fasst er ein Provisorium ins Auge. Die Suche nach geeigneten Räumen läuft. Geklärt werden müssen schon im Vorfeld diverse Detailfragen, wie Projektleiterin Anita Buchli sagt. So stellt sich etwa die Frage, wer von den rund 20 000 ETH-Studierenden über welchen Zeitraum Zugang zum Student Project House haben soll. Nötig ist auch eine Hausordnung. Diese soll nicht einfach verfügt, sondern zusammen mit Studierenden an Workshops entwickelt werden.

Wegweisend für Werkplatz

Guzzella glaubt, dass sein Projekt auch ein Wegweiser für den Schweizer Werkplatz sein kann. Jedenfalls helfe es den Studierenden, ihre individuelle Arbeitsmarktfähigkeit zu verbessern. Angesichts der vielen Industriearbeitsplätze, die derzeit ins Ausland ausgelagert werden, gelte es, unternehmerische Fähigkeiten zu üben: «Blosses Wissen ist sekundär geworden, weil dieses heute sekundenschnell abrufbar ist», sagt der ETH-Präsident. «Wichtiger ist es, denken zu lernen und Neues zu kreieren.»

Das Student Project House ist laut Guzzella ein Novum. «Eins zu eins gibt es das meines Wissens noch nirgends», sagt er. Etwas Ähnliches habe die Uni Stanford mit der D. School am Institute of Design.