Tag des Waldes
«Die alte Eiche ist der Baum der Zukunft»: Zahlen und Fakten zum Zürcher Wald

Kaspar Reutimann wünscht sich für den Wald mehr Verständnis von der Bevölkerung und einen kühlen Frühling.

Dagmar Appelt
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«Ein vitaler Baum wie die Eiche hält dem Borkenkäfer und dem Klimawandel stand», ist Kaspar Reutimann überzeugt. Madeleine Schoder

«Ein vitaler Baum wie die Eiche hält dem Borkenkäfer und dem Klimawandel stand», ist Kaspar Reutimann überzeugt. Madeleine Schoder

LAB

Herr Reutimann, wie geht es dem Wald im Kanton Zürich?

Kaspar Reutimann: Die Holzersaison ist gerade abgeschlossen. Viel lässt sich noch nicht sagen. Der Wald befindet sich noch im Winterhalbjahr.

Zum Tag des Waldes sei die Frage erlaubt: Ist es richtig, aus dem Wald Profit zu schlagen, wo er doch allen gehört?

Holznutzung ist keinesfalls verwerflich. Ja, wir wollen als Waldwirtschaftsverband mit dem Holzen Geld verdienen. Jedes Stück Wald gehört jemandem, der es auch pflegen und bewirtschaften muss. Viele Städte und Gemeinden finanzieren die aufwendige Instandhaltung des Waldes mit dem Holzverkauf.

Wieviel Waldfläche gibt es im Kanton Zürich?

Wir verzeichnen 50 000 Hektaren Wald und 18 000 Waldbesitzer. Etwa die Hälfte des Waldes gehört der öffentlichen Hand, die andere Privaten.

Wie wird der Wald von der Bevölkerung wahrgenommen?

Unser Waldgesetz erlaubt jedem, den Wald frei zu betreten. Man darf darin beispielsweise joggen, Pilze suchen, spazieren, Orientierungslauf betreiben oder andere Freizeitaktivitäten ausüben. Davon leiten gewisse Leute aber irrtümlich ab, dass der Wald eine reine Freizeitarena sei, in der jeder darauf Anspruch habe, alles tun zu können.

Wie sieht es aus Sicht der Waldeigentümer aus?

Die Waldeigentümer sind verpflichtet, den Wald zu pflegen. Städte und Gemeinden finanzieren dies, wie gesagt, möglichst aus dem Holzertrag. Denn eine Waldsteuer würde kaum jemand zahlen. Der Holzschlag dient aber nicht nur wirtschaftlichen Gründen. Er ist auch dazu da, den Wald stabil zu halten. Damit Biodiversität entsteht und es Bäume aller Altersklassen gibt. Heute werden keine Kahlschläge mehr durchgeführt.

Zur Person

Kaspar Reutimann (60) wohnt in Guntalingen und präsidiert seit acht Jahren den Waldwirtschaftsverband Kanton Zürich. Reutimann ist auch Mitglied des Zentralvorstandes von Wald Schweiz, dem nationalen Verband der Waldeigentümer. Von 1998 bis 2011 präsidierte der Landwirt und Weinbauer, der selbst etwa 5 Hektaren Wald besitzt, die Gemeinde Waltalingen. Reutimann ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Wenn Bäume gefällt werden, haben die Menschen oft keine Freude. Wie ist die Stimmung zwischen Waldbesitzern und Bevölkerung?

Der Holzschlag ist leider immer wieder Thema in Leserbriefen. Einzelne Leute fühlen sich vom Lärm belästigt. Letzthin beschwerte sich eine Frau mit Kinderwagen darüber, dass der Lärm der Maschinen ihre schlafenden Kinder aufwecke. Die mechanisierte Holzernte bringt uns aber enorm viel. Sie ist viel sicherer, rationeller und schlagkräftiger. Es ärgert mich, dass man uns teilweise wieder am liebsten wie vor 100 Jahren mit Pferden arbeiten sähe.

Ein Blick auf den Borkenkäfer, wird er wieder zuschlagen?

Das zu trockene und eher warme Klima im Frühling sowie je ein trockener Sommer- und Herbst in den Jahren 2015 und 2016 hat ihm leider wieder Auftrieb gegeben. Er befällt Fichten aller Alterskategorien. Zurzeit sehen wir einen schwachen bis mittleren Befall. In Winterthur, am Zürichsee, im Zürcher Unterland und im Weinland ist die Borkenkäferplage schlimmer als beispielsweise im höher gelegenen Zürcher Oberland.

Mehr Niederschlag wäre gut?

Ja, das wäre besser. Ein vitaler Baum, der genug Feuchtigkeit in sich trägt, kann als Schutz gegen die Schädlingslarve Harz absondern. Ein eher dürrer Baum hat kaum Chancen. Wir hätten gerne mehr Winterfeuchtigkeit gehabt. Stattdessen war es unterdurchschnittlich. Ideal wäre es, wenn der Frühling nun feucht und kühl würde.

Welche Veränderungen lassen sich am Wald beobachten?

Zuerst sind die Ulmen an eingeschleppten Pilzen gestorben, jetzt sind es die Eschen. Wir haben Angst, dass es in vier, fünf Jahren keine Eschen mehr gibt. Die Fichte zieht sich in höhere Gefilde zurück und wird in 20, 30 Jahren wohl verschwunden sein. Der Klimawandel beschäftigt uns.

Wenn die Szenarien der Klimaforscher eintreten, wie sieht unser Wald künftig aus?

Wenn das Klima generell zu warm und zu trocken ist, wird viel freie Fläche entstehen, die dann von alternativen Baumarten besetzt werden muss. Nur die robusten Bäume werden überleben.

Welche sind robust genug?

Weisstanne, Douglasie und vor allem die Eiche. Sie ist der Baum der Zukunft. Sie wächst zwar langsam, ist aber ein Allerweltsbaum. Ihr edles Holz wird gerne für Möbel und Böden verwendet.

Ein Wort zur Holzwirtschaft?

Der Holzbau boomt heute in der Schweiz. Wir freuen uns, dass wir diesbezüglich viel erreicht haben. Dass aber für den Holzbau in der Schweiz gegen 70 Prozent Holz aus Deutschland kommt, ist sehr bedauerlich. Die Aufhebung der Frankenobergrenze hat der Holzwirtschaft fast das Genick gebrochen.