Zürich

Die absurden Abenteuer eines Detektivs — 6000 Diebe hat er geschnappt

Christian Huber ist pensionierter Ladendetektiv. Er hegt Pläne, ein Buch zu schreiben.

Christian Huber ist pensionierter Ladendetektiv. Er hegt Pläne, ein Buch zu schreiben.

Frauen entblössten sich vor ihm, Männer bedrohten ihn. 6000 Diebe hat Christian Huber in seiner Karriere als Ladendetektiv geschnappt.

Schmächtig, klein, mit buschigem grauem Bart und schwarzer Dächli- kappe sitzt er am Tisch, seine Hände ruhen auf einem dicken Ordner. «Mein Schatz», sagt Christian Huber. Der 73-jährige Uzwiler hat 24 Jahre als Ladendetektiv gearbeitet – auch im Kanton Zürich. Seit Anfang Jahr ist er pensioniert und hat nun ein neues Projekt ins Auge gefasst: Aus dem Ordner, der sämtliche seiner Abenteuer enthält, soll ein Buch werden. Seine Arbeit bedeute ihm alles. «Ich war einer der Besten.»

Herr Huber, sehe ich aus wie eine Diebin?

Nein.

Sehen Sie den Menschen wirklich an, ob sie kleptomanisch veranlagt sind?

Ja.

Kann ich das auch lernen?

Nein. Das muss einem gegeben sein. Man muss ein gewisses Gspüri dafür haben. Lernen können Sie nur das Gesetz. Ich war schon immer jemand, der eine Nase für die unsauberen Dinge hatte.

Haben Sie selbst denn auch schon geklaut?

Als ich vier Jahre alt war, habe ich in unserem Dorfladen einen Nussgipfel eingesteckt. Die Hälfte ass ich auf dem Heimweg, die andere Hälfte fand mein Vater dann in meiner Manteltasche.

Was passierte?

Es gab Schläge.

Hat diese Erfahrung Sie dazu inspiriert, Ladendetektiv zu werden?

Nein. Daran ist auch mein Vater schuld, er machte irgendwann einmal zu Hause einen Detektivkurs und hantierte mit Fingerabdrücken. Ich beobachtete ihn fasziniert. Anfang 20 wollte ich dann eigentlich zur Polizei, wurde aber nicht genommen, weil ich keinen Militärdienst leistete.

Wieso taten Sie das nicht?

Es gurkte mich an.

Polizist wären Sie aber gerne geworden?

Ja, Polizist oder Bähnler. Einfach etwas mit Uniformen.

Es war nicht, dass Sie Dieben das Handwerk legen können, das Sie an dem Beruf reizte?

Doch, das schon. Wenn man einen Dieb erwischt, hat man eine riesige Macht – als gewöhnliche Person. Diese Vorstellung hat mir gefallen.

Haben Sie Ihre Macht je missbraucht?

Ich habe sie nur genossen.

Sie haben in Ihrer Karriere rund 6000 Diebe geschnappt…

Gemäss meinen Tagebüchern kommt diese Zahl etwa hin.

…und haben sich nie getäuscht?

Nein. Das darf ich ehrlich sagen. Es ist höchstens schon vorgekommen, dass die Person die Beute am Ausgang nicht mehr auf sich trug. Sie hatte mich bemerkt und das Stück Käse beispielsweise ins Abteil mit den Waschmitteln geworfen.

Gibt es den typischen Dieb?

Nein, jeder kann ein Dieb sein. Ich habe Menschen mit Rang und Namen erwischt, Prominente, solche mit Krawatten, solche von der Strasse. Auch Diplomaten.

Sie sprechen vom peruanischen Vizegeneralkonsul Ricardo Marticorena Garcia, den Sie 2003 im Coop beim Diebstahl erwischten?

Richtig.

Was hatte er gestohlen?

Das ist bis heute nicht bekannt. Wir durften seinen Koffer nicht öffnen. Wegen dieses grossen Aktenköfferchens war er mir überhaupt aufgefallen. Ich folgte ihm ein Stück und sah plötzlich, wie er Ware aus dem Einkaufskorb in seine Tasche füllte. Also kehrte ich zu meinem Posten an den Ausgang zurück und wartete, bis er die Kasse passiert hatte. Er war ein älterer Herr, ich dachte, das wird keine grosse Sache. Da hatte ich mich aber gewaltig getäuscht.

Hat er sich gewehrt?

O ja. Ich näherte mich ihm zusammen mit dem Filialleiter und zeigte ihm meinen Ausweis, da stiess er mich schon von sich weg. Er war klein, aber korpulent. Wir baten ihn, uns ins Büro zu folgen, aber er wollte sich ums Verrecken nicht vom Fleck bewegen. Als wir versuchten, ihn zu eskortieren, fing er an, um sich zu schlagen. Der Filialleiter und ich packten ihn an der Krawatte – nicht fein, mit aller Kraft – und schleppten ihn zu zweit durch den ganzen Laden Richtung Büro. Der hat getan wie eine Sau. Irgendwann zückte er seine Diplomatenkarte, und wir liessen ihn los. Ich dachte, jetzt ist meine Karriere vorbei. Wir liessen die Polizei kommen, die ihn ebenfalls aufforderte, den Aktenkoffer zu öffnen. Er weigerte sich aber weiterhin. Die Beamten kontaktierten das Department für auswärtige Angelegenheiten, und dort bestätigte man uns, dass wir ihn nicht zwingen durften, seine Beute preiszugeben. Wegen seiner diplomatischen Immunität mussten wir ihn laufen lassen.

Sie haben in vielen Filialen im Zürcher Oberland gearbeitet…

…in Pfäffikon, Uster, Dübendorf, Fehraltorf, Wetzikon, Hinwil. Eigentlich überall im Oberland; bis nach Rapperswil-Jona.

Hat sich hier je ein ähnlicher krasser Fall abgespielt?

Ich darf keine Ortschaft nennen, aber die Polizei hat hier im Oberland meinetwegen sogar einmal eine Radarkontrolle abgebrochen.

Weshalb?

Ich sah einen Dieb, den ich schon seit drei Jahren jagte. Ich hatte es aber nie geschafft, ihn zu packen. Er war sicher 2,10 Meter gross. Ein breiter Typ. Ein richtiges Tier. Das erste Mal, als ich ihn fassen wollte, katapultierte er mich zwei Meter von sich weg. Er war aggressiv und gefährlich. An diesem Tag sah ich ihn von meinem Auto aus das Lebensmittelgeschäft betreten. Ich dachte: «Was mache ich jetzt? Ich kann ihn ja allein nicht aufhalten.» Als ich weiterfuhr, sah ich, dass die Polizei gerade eine Radarkontrolle machte. Ich fragte sie, ob sie mir helfen würden, einen potenziellen Dieb zu fassen, der ziemlich sicher mehrere Stangen Zigaretten stehlen wollte. Und die haben tatsächlich die Radarkontrolle abgebrochen und sind mit mir in den Laden rein.

Und dann?

Wir haben ihn mit Zigaretten im Wert von mehreren hundert Franken erwischt. Auf frischer Tat.

Hätten Sie sich für Ihre Arbeit nie eine andere Statur gewünscht?

Doch. Am liebsten hätte ich noch einen grossen Hund zur Seite gehabt. Sie glauben nicht, wie schnell ein Kunde das Messer zückt. Das habe ich auch im Oberland erlebt. Als ich einen anhalten wollte, zog er sein Stellmesser, liess die Klinge springen und hielt sie mir an den Bauch: «Was willst du?», fragte er. Was hätte ich tun sollen?

Nichts.

Nichts. Ich liess ihn laufen. Eine weitere schöne Anekdote aus dem Oberland: Mir wurde hier das Auto gestohlen. Von einem Dieb, den ich zuvor im Laden gefasst hatte. Nachweisen kann ich es ihm zwar nicht. Ich bin mir aber sicher, dass er es war. Ich legte meinen Schlüssel immer auf den Bürotisch, an dem ich die Kunden verhörte. Wie und wann er diesen geschnappt hat, ist mir heute noch ein Rätsel. Als ich nach Hause wollte, war das Auto jedenfalls weg.

Ganz schön dreist.

Sie haben ja keine Ahnung. Es gibt Frauen, die kiloweise Kosmetik in ihre Kinderwagen laden oder sogar ihre Kinder dazu benutzen, die Beute an der Kasse vorbeizuschmuggeln.

Was taten Sie in so einem Fall?

Bei Kindern waren wir immer vorsichtig. Bis 18-jährig muss man die Eltern alarmieren, wenn diese nicht erreichbar sind, ist die Polizei beizuziehen. Eigentlich. Bei anständigen Jugendlichen, die noch keine Vorstrafen hatten, habe ich manchmal aber ein Auge zugedrückt.

Die meisten Schweizer haben genug Geld für Essen. Was ist ihre Motivation für Diebstahl?

In den letzten Jahren werden öfter Kosmetik, Rasierklingen, Drucker­patronen oder Alkohol wie zum Beispiel Champagner gestohlen. Es sind auch häufiger Banden unterwegs. Ihr Motiv ist wohl Gier. Sie wollen nicht schaffen, aber trotzdem schöne Dinge haben. Einigen geht es auch um den Kick. Einmal hat jemand extra in dem Moment etwas ein­gesteckt, als ich ihm zusah. Der wollte erwischt werden – für die Aufmerksamkeit.

Sonstige absurde Erlebnisse?

Eine Frau, die ich in mein Büro zitiert hatte, zog plötzlich ein Fünfhunderternötli aus der Tasche und steckte es mir vorn in den Pullover. Sie sagte, damit könnten wir nachher eine Champagnerflasche kaufen und sie bei ihr zu Hause trinken. Ihr Mann sei in Amerika.

Sie wollte Sie abschleppen?

Sie glauben nicht, welche Register die Leute ziehen. Vor allem Frauen. Da muss man extrem hart bleiben. Eine Frau hat sich als Ablenkungs- manöver nackt vor mir ausgezogen, während ihr Mann das Diebesgut abzügelte. Ich hab ihn aber erwischt.

Und trotz solcher Avancen sind Sie nie weich geworden?

Mit einer Frau habe ich nach dem Dienst – als Privatperson also – einen Kaffee getrunken. Wir haben uns danach noch ein paar Mal getroffen und lange geredet. Sie konnte nicht begreifen, dass ich sie erwischt hatte.

Ist Ihnen auch einmal ein Dieb durch die Latten gegangen?

Ja, aber nur, weil ich mit den Augen gerade woanders war.

Wo denn?

Das darf ich jetzt ja sagen. Weil ich einer Dame mit Minirock nachschaute.

Ups.

Ich bin auch nur ein Mensch.

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