Zürich
«Dichtestress» im Asyl-Testbetrieb führt zu Beschwerde von Aktivisten

Wenig drang bis jetzt nach aussen über die neuen beschleunigten Asylverfahren, die das Bundesamt für Migration seit Anfang Jahr in Zürich erprobt. Jetzt hat die Menschenrechtsorganisation Augenauf diverse Beschwerden von Betroffenen publik gemacht.

Matthias Scharrer
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In der Barackensiedlung Juch in Zürich Altstetten will das Bundesamt für Migration bis zu 300 Asylsuchende unterbringen.mts

In der Barackensiedlung Juch in Zürich Altstetten will das Bundesamt für Migration bis zu 300 Asylsuchende unterbringen.mts

Von «Dichtestress pur, 24 Stunden am Tag» im Asyl-Testzentrum Juch ist da die Rede. Aufgrund der beengten Verhältnisse komme es häufig zu Konflikten in der Barackensiedlung, wo die Asylsuchenden untergebracht sind. Die Stimmung sei aggressiv. Frauen und Kinder würden sich deshalb nicht im Spielzimmer aufhalten. Und im Januar habe eine sexuelle Belästigung und die darauf folgende Reaktion des Ehemannes der Belästigten dazu geführt, dass ein Mann mit einem Schädelbruch hospitalisiert werden musste.

Vor allem während der Essenszeiten komme es immer wieder zu Streit und Handgreiflichkeiten. Zwei Ess- und Aufenthaltsräume stehen den Flüchtlingen zur Verfügung. Bis zu 300 Personen will das BFM gleichzeitig in der Barackensiedlung unterbringen. Beim letzten der drei Besuche von Augenauf waren nach Angaben des Unterkunfts-Leiters rund 200 dort. Das war Ende Februar. «Mit je 48 Quadratmetern sind die Essräume schlicht zu klein, um Sitzplätze für 100 Personen zu bieten», schreibt Augenauf. Und weiter, mit Blick auf die vom BFM angepeilte maximale Auslastung: «300 Menschen auf so engem Raum zu platzieren, noch dazu mit einem hohen Zaun und 24-Stunden-Kontrolle, ist schlicht Wahnsinn.»

Zudem sei das Angebot an Beschäftigungsmöglichkeiten zu knapp. Vorhanden seien ein Billardtisch, zwei Tischfussballtische und ein Fernsehzimmer mit zirka 30 Sitzplätzen. Hinzukommen sollen ein Internetzimmer mit drei Computern sowie ein Nähzimmer und im Aussenbereich ein Beachvolleyball- oder Fussballfeld.

Weiter bemängelt Augenauf, dass die vom BFM im Dezember angekündigten Möglichkeiten für gemeinnützige Einsätze und interne «Ämtli», mit denen die Flüchtlinge ihr Taschengeld von täglich 3 Franken aufbessern können, nur für 15 Personen pro Tag ausreichten. Fazit der Menschenrechtsorganisation: «Nach über 100 Betriebstagen ist es der Asylorganisation Zürich (AOZ) und dem BFM noch nicht gelungen, ein akzeptables Zentrum zu betreiben.» Und: «Es ist dringend notwendig, die Belegung von derzeit 100 Personen massiv zu reduzieren.»

«Man wird verrückt da drin!»

Ortstermin gestern Mittag beim Eingang der Barackensiedlung Juch. Ein Flüchtling aus Guinea, der gerade zur Unterkunft zurückkommt, beklagt sich darüber, dass fast alle Asylentscheide hier negativ seien. «Wir kriegen zu essen, Geld – und müssen zurück.» Hat er häufig Aggressionen in der Unterkunft erlebt? Er nickt.

Ein junger Mann aus Tunesien beschwert sich über die vielen Polizeikontrollen, die er beim Verlassen der Unterkunft auf offener Strasse über sich ergehen lassen müsse. «Was sollen die Leute denken, die das sehen? Ich bin doch kein Terrorist!», sagt er. Er kann zwar die Unterkunft zu fixen Zeiten unter genau geregelten Umständen verlassen. Dennoch fühle er sich wie im Gefängnis. «Man wird verrückt da drin», sagt er und zeigt zur Barackensiedlung. Er sei seit drei Monaten hier.

Positiver fällt die Zwischenbilanz von drei Somaliern aus. Sie sind erst seit einer Woche da und sichtlich froh, in der Schweiz angekommen zu sein. «Wir kriegen dreimal am Tag zu essen und Geld – alles gut!», sagt der jüngste von ihnen, der am besten Englisch spricht, und lächelt.

BFM klärt ab

Die für den Betrieb der Unterkunft Juch zuständige AOZ gilt eigentlich als Garant für humane Flüchtlings-Unterbringung. Musste sie für den BFM-Testbetrieb mit beschleunigten Asylverfahren Abstriche an ihren Standards vornehmen? Die AOZ will dazu nicht Stellung nehmen und verweist auf das BFM.

Auf den Bericht von Augenauf angesprochen, sagt BFM-Sprecher Martin Reichlin: «Wir nehmen das zur Kenntnis und klären die Kritikpunkte vertieft ab.» Eine erste Zwischenbilanz zum Zürcher Testbetrieb mit beschleunigten Asylverfahren werde das BFM demnächst an einer Medienkonferenz ziehen.